Dritte folge.
307
Rovellen-Zeitung.
Pſychologiſche Experimente.
Novelliſtiſche Skizze
von Theodor Herzog. (Schluß.)
Luſtig tönte das Poſthorn in die bereits dunkelnde za ide hinein, und fröhlich geſtimmt war auch der einzige Vo ſſagier, den, außer dem Poſtillon, die drei wackern Gäule nurcch die ſandige Ebene dahin zogen. Oder wäre fröhlich viel geſagt geweſen: heiterer und zufriedener, als ſeit unger Zeit, war doch ſicher die Stimmung Emils, welcher tem von einem dreitägigen Ausfluge nach der benachbar⸗ in Stadt zurückkehrte. Hatte er doch einen Wunſch er⸗ ſicht, nach mancherlei Täuſchungen eine Hoffnung in Er⸗ illug gehen ſehen! Eine angenehme und lohnende Stel⸗ ung bei der Verwaltung eines Kunſtmuſeums, ein Amt, tie er es ſich lange gewünſcht, war ihm unter einer Mehr⸗ ſhl von Bewerbern zu Theil geworden, und er ſah ſich zunmehr in der Lage, ſeinen bisherigen Verhältniſſen als hrer ganz entſagen zu können. Sein Geiſt erhielt friſche Kaſerung, ſeine Beſtrebungen ein neues, weiteres und icheres Feld, ſeine ganze Natur eine kräftige Anregung. nd wie er ſich nun der Stadt mehr und mehr näherte und lrſelben bei einer Biegung des Wegs im freundlichen Actterglanze des Abends anſichtig ward: da ſchlug ihm das Jen doch höher bei dem Gedanken, daß er dort eine treue Kelle beſitze, welche ſeine Freude mit ihm theilen, bei ſeinem Glücke gleich ihm neu aufathmen werde. Ja, er liebte ſin Lina doch aufrichtig, und noch nie, ſeitdem er ſich ihr mgſſagt, war das Bild einer andern Frau ſeinem Herzen uch getreten. Freilich, das fühlte er wohl, ſeine Liebe un bis jetzt für beide Theile ohne den wahren Segen ge⸗ nie en. Die bittern Kränkungen, welche er von Andern aanren, und der Unmuth über die fortwährende Ungunſt n Verhältniſſe hatten ihn verſtimmt und gegen Lina hart (dungerecht gemacht. Auch Frank mit ſeinem unausge⸗ ztm Mitleide über das kümmerliche und unfreie Loos des Fnundes hatte dazu beigetragen, ihm die Freude am Be⸗ aeina's zu verderben, und ohne Hehl geſtand er ſich ein, gſer namentlich in den letzten Tagen vor ſeiner Abreiſe, netlich über Lina's Verkehr mit Helene von Zerkowsky, gſen die Erſtere eine faſt unverzeihliche Liebloſigkeit an 8 Tag gelegt hatte. Aber ſie war ja ſo gut und engel⸗ idd und würde ihm ſicher verzeihen, wenn er jetzt, wozu er feſt entſchloſſen war, reumüthig ſein Unrecht bekannte umd doppelte Liebe verſprach! Mußte ſie nicht gleich, wenn
er heiter und herzlich und mit der Bitte um Verzeihung auf den Lippen zu ihr hereintrat, ahnen, daß über ihnen Beiden der Stern eines neuen beglückteren und verſtänd⸗ nißvolleren Lebens aufgegangen ſei, heller und ſtrahlender noch als dort der Orion am abendlichen Himmel, welcher über ſeinem Hauſe leuchtete?—
Das Poſthorn tönte immer noch luſtig in den Abend hinein, aber Emil war ernſt und immer ernſter geworden, je lebhafter er ſich an ſein Verhalten gegen Lina erinnerte und ſich bewußt ward, wie ſo gar wenig er für ſie gelebt und wie ſein ganzes Weſen eigentlich in verächtlichem Kleinmuthe und erbärmlicher Selbſtſucht aufgegangen war. Und nun klangen ihm die Melodien draußen plötzlich ſo vorwurfsvoll und klagend, und er mochte ſich abmühen wie er wollte, er konnte Lenau's Verſe nicht aus dem Sinne bringen:
Töne, Wandermelodie, durch die öden Straßen;
Wie ſo leicht einander doch Menſchen ſich verlaſſen!
Luſtig rollt der Wagen fort über Stein und Brücken,
Stand nicht wer an ſeinem Schlag mit verweinten Blicken? Lina, Lina! rief es dabei in ſeinem Innern— armes ver⸗ einſamtes Herz, gewiß haſt Du um mich geweint, aber Deine Thränen ſollen Dir reichlich vergolten werden!—
Endlich war der Wagen am Zeele angelangt. Raſch ſprang Emil heraus und eilte nach ſeiner Wohnung. Ihm war es, als ob er Jahre lang von Lina getrennt geweſen, als ob er heimkehre aus weiter Ferne an den ſchmerzlich entbehrten häuslichen Heerd. Auf der Straße unten vor ſeiner Wohnung blieb er ſtehen und blickte nach Ling's Fenſtern hinauf. Sie waren dunkel, während rings herum Lichter flimmerten. Sonderbar! Aber Lina hatte die Ei⸗ genheit, ſich bisweilen im Dunkeln zu gefallen und ein Stündchen zu verträumen. Dabei konnte ſie ja auch der Schlummer überraſcht haben. Oder war ſie bei Helene? — Es war noch früh am Abend und er hatte ja ſeine Zu⸗ rückkunft für heute nicht vorher geſagt. Der Gedanke, daß er die ſo erſehnte Frau gerade jetzt nicht antreffen möchte, rief eine Wolke des Unmuths in ihm hervor, und ungeduldig ſprang Emil die Treppe hinauf und öffnete mit ſeinem eigenen Schlüſſel den verſchloſſenen Vorſaal. Dort herrſchte tiefe Finſterniß. Umſonſt rief er den Namen ſeiner Frau, es antwortete Niemand. Endlich gelang es ihm Licht anzuzünden. Mit dieſem trat er in das Zim⸗ mer, ſchon wieder mit dem Schickſale grollend, das ihm die Feſttagsſtimmung ſo ſchadenfroh ſtöre. In dem Zim— mer umfing ihn dicke, eingeſchloſſene Luft, gleich als ob Tage lang weder Thüre noch Fenſter geöffnet worden wären, und auf dem Tiſche, wohin er den Leuchter ſtellte, lag dicker Staub. Emils Unruhe ging in Angſt über, als


