Citerariſche Beſprechungen.
Ein Kaiſer. Politiſch⸗dramatiſche Studie in vier Uufzügen von Guſtav v. Meyern.— Gotha, Hugo bicheube. 1857.
Ein Kaiſer! und zwar ein deutſcher Kaiſer iſt es, um
den es ſich in dieſer Dichtung handelt, der deutſche Kaiſer der Schule des Lebens den Herrſcher—
zukunft. Alſo die patriotiſchen Intentionen unſrer Roman⸗ ite ſind noch nicht ganz vergeſſen, die politiſchen Tendenzen ſas Jahres Achtundvierzig ſind noch nicht völlig aus den Unnalen der Geſchichte verwieſen. Dieſe„politiſch- dra⸗ nentiſche Studie“ hat keinen geringeren Zweck, als die ver⸗ ihhlte deutſche Kaiſerwahl von Neunundvierzig nochmals mfzunehmen und in ſymboliſcher Weiſe wenigſtens die Möglichkeit oder Nothwendigkeit ihrer Ausführung darzuthun.
Beatrix, die verwaiſte kaiſerliche Prinzeſſin, die eben nlündig gewordene Erbin des Reiches, die Perſonification der Geſammtheit der deutſchen Vaterländer(„ein Bild des bolkes, dem ſie Fürſtin iſt“, ſ. S. 76), ſoll einen neuen herrſcher auf den lange leer geſtandenen Kaiſerthron wäh⸗ im, und zwar ſteht ihr die Wahl frei zwiſchen einem Prin⸗ ſem des Nordlandes und einem des Südlandes. In der Sparakteriſtik beider iſt die Symboliſirung für Preußen, nie es ſein ſollte, und Oeſterreich, wie es iſt, nicht ſchwer erauszuerkennen. Die Prinzeſſin liebt Emanuel, den zeldherrn des Reiches; ihn würde ſie ihrem Herzen wie tinen Verdienſten nach om liebſten auf den Thron erheben, hu würde die allgemeine Stimme des Volkes am liebſten vort begrüßen; aber weil er weder das beſtehende Recht ſoch die thatſächliche Macht es zu behaupten für ſich hat, vird ſie ſich anders entſcheiden müſſen. Von zwei Seiten ſt man beſtrebt auf ihre Wahl zu influenziren; von der inen Seite iſt es ein gewiſſer myſteriöſer Orden, der die zwecke der Religion zum Vorwande ſeiner Habgier braucht, dem alle Mitglieder durch den unbedingten Gehorſam ver⸗ ffüichtet ſind und der alle Mittel für ſeine Zwecke zu heili— ſen weiß; dieſer Orden will Victorin, den Prinzen des lidlandes, zum Kaiſer gewählt ſehen. Auf der andern Srite tritt ihm entgegen ein gewiſſer Künſtler Leonardo uus dem Weſtlande ſtammend, der Vertraute und Berather Zatricens ſowohl als auch Emanuels. Leonardo, der Vertreter der freien geiſtigen Bildung, des abgeklärten Wilksbewußtſeins, iſt der ältere, jetzt greiſe Freund Ema— mels von deſſen erſter Jugend her und ſpielt, nicht weni⸗ ſe als jener Orden, in Betreff ſeiner Vergangenheit wie ſiner Plane für die Zukunft und die zu entſcheidende Kai⸗ ſnvahl eine etwas myſteriöſe Rolle, von der wir bald icken, daß ſie mit den bis in dunkle Thaten ſich verlie⸗ eliden Beſtrebungen des Ordens frühere Anknüpfungs⸗ zunkte haben muß.
Folgende grauſe Vorgeſchichte wird uns alsbald kund ſethan. Der gegenwärtige greiſe Fürſt des Südlandes iter des Prinzen Victorin, hatte in erſter Ehe eine Prin⸗ ſin des Nordlandes zur Gattin, die ihm einen Sohn Lincent gebar. Jener myſteriöſe Orden haßte dieſe Prin⸗ zſſen um ihrer nordländiſchen Aufgeklärtheit willen, und beſchloß ſie und ihren Sohn zu vernichten. Ein Abenteurer Nolar, für die Intereſſen des Ordens gekauft, zum Er⸗
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zieher Vincents angeſtellt, ſoll den Prinzen ermorden. Adolar ſieht ſich gezwungen ſeine Pflicht zu erfüllen; Vin⸗
cent gilt für todt, aber Adolar iſt zugleich mit dem todtge⸗ glaubten Prinzen verſchwunden, ſo daß der Orden noch in ſteter Angſt vor ihm und dem verborgenen Prätendenten ſchwebt.
Es wird den Leſer nun nicht gar zu ſehr überraſchen, wenn wir ihm ſagen, daß Leonardo niemand anders iſt als der geläuterte Adolar, und daß er in Vincent durch die Reichs erzogen hat, als den er Emanuel endlich enthüllen kann. Beatrix hat auf Leonardo's Rath bei der Wahl nicht den Namen des Prinzen, den ſie erheben will, nur den Namen ſeines Lan⸗ des genannt; Emanuel, als Prinz Vincent enthüllt, kann nun auf den Ruf ihrer Entſcheidung für den Prinzen des Südlandes eintreten, und ſo ſchließt das Gedicht, indem es politiſche Nothwendigkeiten, Rechte des Herzens und all⸗ gemeine Wünſche der Volksſtimme in Harmonie verſöhnt. Die Intriguen des genannten Ordens geben Gelegenheit die Spannung bis zum Ende aufrecht zu erhalten; Adolar⸗ Leonardo verfällt zwar am Ende noch ſeiner Rache, doch nur, indem wir die allgewaltige Wirkſamkeit ſeiner Feinde von nun ab vernichtet ſehen.
Dramatiſchen Werth wird dieſe Dichtung nicht bean⸗ ſpruchen; die Erfindung iſt nicht in poetiſcher Hinſicht enorm, aber ſie iſt zweckentſpxrechend, treffend ſymboliſirend und voll feiner politiſcher Intentionen. Die Ausführung iſt nicht ganz gleichartig gehalten; neben einzelnen frappant dramatiſchen Wendungen iſt hier und da Mangel an Ge⸗ wandtheit oder Reife zu findey; der Dialog iſt an eini⸗ gen Stellen etwas zu ffui— im allgemeinen aber ſchwungvoll und edel, NoEinzelnem von einer höchſt graziöſen Ironie belebt, inäͤdet man, wenn ein anderer Verfaſſer nicht auf dem Titel genannt wäre, die Feder Guſtav Freytag's erkennen möchte. Am Schönſten und Be⸗ herzigenswertheſten in dieſer Dichtung ſind einzelne ten⸗ denziöſe Betrachtungen. So z. B. die Scene des zweiten Actes mit Leonardo und den übrigen, für die nationale Feſtlichkeit beſchäftigten Künſtlern, in der das Verhältniß zwiſchen Kunſt und Politik in der humoriſtiſchen Weiſe der eben genannten Feder anmuthigſt behandelt iſt. Trefflich ſind ferner die Lehren des Ordensgenerals an den Prinzen des Südlandes über die„ſchöne Redensart.“ Daß der Dichter dieſer Studie dabei durchaus an keine praktiſch po⸗ litiſchen Tendenzen gedacht hat, geht daraus hervor, daß er dergleichen öffentlich zu ſagen kein Bedenken findet; ſonſt würde er gewußt haben, daß es ohne„ſchöne Redensart“ überhaupt jetzt keine praktiſche Politik gibt und daß man namentlich um Kaiſer zu werden, wie die Thatſachen be⸗ weiſen, derſelben nothwendigſt bedarf. Die Schlußpointe des Drama's mag hier noch ihre Stelle finden; freilich konnte ſie bei der ſymboliſchen Haltung des Ganzen nur in ſymboliſchen Redensarten ſich bewegen, dennoch iſt ſie bezeichnend. Beatrix fordert die beiden bewerbenden Prin⸗ zen auf, die Ideale ihrer Regierungsabſichten auszu⸗ ſprechen. Prinz Victorin vom Süden hat geſagt:
Das Ideal des Reiches, Ich denk' es mir gleich einem mächt’'gen Dome, Der unter goldner Kuppel— dieſer Krone— Das ganze Volk zur Ehre Gottes eint; Denn nur im Dienſte des Allmächtigen


