Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
296
Einzelbild herunterladen

mindeſtens für eine Fremde als ſolche nur durfte ſie gelten augenblicklich nicht zu ſprechen ſei. Lina's Ver⸗ legenheit wuchs, als ihr nicht ſofort geöffnet wurde und ſie während des peinlichen Harrens an der Thüre auf der ent⸗ gegengeſetzten Seite der Straße die lange ſchmächtige Ge⸗ ſtalt Frank's, des bereits genannten Freundes ihres Man⸗ nes, gewahrte, welcher eben in den Garten der dort be⸗ findlichen Reſtauration einbiegen wollte, aber als er ſie be⸗ merkte, einen Augenblick ſtehen blieb und herüber grüßte. Es war ihr, als ob ſich bei dieſem Gruße ſeine Lippen zu einem höhniſchen Lächeln verzogen hätten, gleich als ob er dächte: Was will die einfältige kleine Frau hier bei der ſtolzen, ſchönen Weltdame, hat ſie ihr wohl Strümpfe ge⸗ ſtrickt oder Bänder ausgebügelt? Und doppelt verdrießlich war ihr die Begegnung, weil Emil von ihrem Beſuche nichts wußte und nun vielleicht von Frank, den ſie ohnehin nicht für ihren Freund hielt, noch vor ihrer eigenen Mittheilung in ſpöttiſcher Weiſe davon in Kenntniß geſetzt wurde.

Doch jetzt öffnete ſich die Thüre und nach wenig Au⸗ genblicken geleitete ſie ein ſauberes Hausmädchen in die Stube der Frau Oberſt Zerkowsky, welche bei ihrem Ein⸗ tritte von dem Tiſche, wo ſie mit Zeichnen beſchäftigt gewe⸗ ſen, aufſtand und ihr freundlich entgegen kam.

Lina erröthete tief, als die junge elegante Frau, die, weit entfernt den Beſuch zu erkennen, ſie doch mit größter Unbefangenheit zum Sopha führte, jetzt einen zweiten forſchenden Blick auf ſie heftete und dann die höfliche Frage an ſie richtete, womit ſie vielleicht dienen könne?

Lina fühlte, daß ſie mit ihrem ſchüchternen Schweigen bloß albern erſcheinen müſſe und daß es ihr nimmermehr gelingen werde allmählich einzulenken. Noch ehe ſie daher den ihr angebotenen Platz einnahm, ergriff ſie Helenens Hand und ſagte, dem Triebe ihres Herzens folgend und reizend in dieſer Natürlichkeit:

Kennſt Du mich nicht mehr, Helene, und habe ich mich ſo ſehr verändert ſeit den glücklichen Zeiten der Fräu⸗

Noveſſen⸗Zeitung.

lein Renaud? Oder zürnſt Du, daß ich zu Dir eindringe

namenlos und unangemeldet, wie es in dieſem Hauſe wohl wider die Sitte iſt?

Aber Lina hatte ihre Rede noch nicht beendet, da hielt die Freundin auch ſie ſchon mit beiden Armen umſchloſſen und herzte und küßte ſie und zog ſie zu ſich auf das Sopha, und in wenig Minuten hatten ſich die Seelen, die ſo lange getrennt geweſen, wieder innig zuſammen gefunden. Lina jubelte im Innerſten; ſo einen rechten unverhofften Freu⸗ denrauſch wie heute hatte ſie lange, lange Zeit nicht erfah ren und ſie empfand ſo dankbar, wie ſich das Herz daben erfriſcht und wieder auflebt. Und wie verſchönt und verklärt der Jubel des Herzens auch den äußern Menſchen! Nie hatte Lina lieblicher und anmuthiger ausgeſehen wie jetzt, da ſie der Freundin, deren Hand in der ihrigen ruhete, ge⸗ genüber ſaß und mit derſelben in Minuten die weite Bahn

von Jahren durcheilte. War Helene mit ihrer hohen präch⸗

tigen Geſtalt und dem geiſtvollen, edelgeſchnittenen Antlit, das, um noch ſchöner zu ſein, nur etwas mehr Farbe und einen befriedigteren Ausdruck hätte haben müſſen, eint durchaus Intereſſe erweckende Erſcheinung: anziehende und feſſelnder für das unbefangene Auge des Mannes war doch vielleicht die einfach holde Weiblichkeit Lina's, in

deren blauen Augen noch Freudenthränen perlten, während

um die friſchen Lippen bereits ein frohes Lächeln ſpielle und die Wangen noch glühten von der glücklich beſtande⸗ nen Verlegenheit und der noch fortdauernden Aufregung,

Helene empfand recht wohl den lieblichen Zauber dieſer ſt

Perſönlichkeit, ein Zauber, den dereinſt ſchon das Schul⸗ mädchen auf die ältere und gereiftere Freundin ausgett hatte. In wenig Augenblicken war ſich die hellblickende Frau bewußt, daß dieſe Natur ſich auch im Laufe der Jahr kaum weſentlich geändert haben könne und daß ſie vor Vie⸗ len geeignet ſein müſſe, einen ſtarken, ſelbſtbewußten Mann zu beglücken.

Du biſt verheirathet, Lina ſagte ſie mit einem

Gelegenheit erinnert man ſich noch der Aeußerung, daß das Rath⸗ haus zu groß für die kleine Stadt ſei. Sonnabend den 1. Mai heiterte ſich der Himmel auf und N. ritt wieder auf Recognoscirung nach Lützen zu. Mittags wurden durch Generalmarſchalle Trup⸗ pen in Bewegung geſetzt, als man vom Dorfe Rippach(1 St. von W.) Kanonendonner vernahm. Bei dieſem Dorfe befand ſich eine kleine ruſſiſche Batterie. Von ihr kam der Schuß, welcher an der Seite Napoleons den Marſchall Beſſières tödtete. N. zog wieder nach W. zurück. Den 2. Mai(Sonntag) brach er mit der Garde auf. Ruhig und ſtill war der Ausmarſch der Truppen, als drücke Alle eine Ahnung von einer blutigen Schlacht, die denn auch bei Großgörſchen erfolgte.

Im Juli deſſelben Jahres traf Napoleon in Begleitung Berthier's hier ein. Seinen Kopf umwand ein ſeidenes Tuch, wie er das oft auf Reiſen zu thun pflegte. Dies Mal war man weni⸗ ger ſtreng und ängſtlich; mehrere der Bewohner traten dicht an den Wagen, um N. zu betrachten. Ruſtan ſtand am Kutſchen⸗ ſchlage. Plötzlich flammten N.'s Augen und er gerieth in den hef⸗ tigſten Zorn, daß ſich gleichſam das Weiße ſeiner Augen röthlich färbte. Die Veranlaſſung dazu waren, wie man bald bemerkte, einige Soldaten der alten Garde, die eigentlich, als noch nicht ganz Wiederhergeſtellte, ins Lazareth gehörten und gerade jetzt zur Unzeit auf dem Markte herumſchlenderten. Mit gewohnter Haſt rief er ſie herbei und frug ſie barſch, was ſie hier machten. Nach erhaltenem kurzen Beſcheid ließ er den Stadtcommandanten kommen. Dieſer war ein junger holländiſcher Lieutenant, Namens Valkenburg. Nach einiger Verzögerung erſchien derſelbe blaß und zitternd vor dem gewaltigen Herrſcher, welcher ihn hart anließ, warum er nicht gleich erſchienen ſei und was die geſunden Recon⸗

bruch. An ſeiner Seite befand ſich der König Murat von Neapel

valescenten hier machten. Zuletzt befahl er ihm, ſich den folgenden Tag mit allen marſchfähigen Mannſchaften zur Armee zu begeben Unterdeß waren die Pferde gewechſelt, und N. eilte raſch davon, den Weg nach Mainz verfolgend.

Nach der Völkerſchlacht bei Leipzig bewegten ſich große Hu resmaſſen von Franzoſen, von gefangenen Ruſſen, Preußen und

Oeſtreichern durch die Stadt. Der General Turenne nahm bi einem Goldſchmied Quartier und freute ſich, hier ein gutes Bett zu finden, da er mebrere Nächte faſt ſchlaflos auf bloßer Erde zu⸗ gebracht hatte. Während Turenne ſich noch im Geſpräch mit ſei⸗ nem Wirthe befand, kam eine Ordonnanz und forderte ihn ſoglel

zum Kaiſer. Ehe er ging, bat er ſich noch vier Stückchen Brod aus für ſeine vier Bedienken. Um 2 Uhr erfolgte Napoleons Auf⸗

in phantaſtiſchem Coſtüm und mehrere Marſchälle. Dicht hintei ihm folgten 600 Reiter der alten Garde und polniſche Lanzenreiter, Napoleon nahm ſein Quartier am linken Saalufer in einem klae nen Weinbergshauſe. Daſſelbe ſteht im Terrain des Weißenfe

Bahnhofes und iſt an einem über der Thür befindlichen N. kenite

lich, jedoch nicht, wie immer angegeben wird, als Erinnerungs⸗ zeichen an Napoleon, ſondern nur den damaligen Beſitzer Nolle angebend. R. Bruno.

Aus der Gegenwart. Villa Carlota. 4

Dieſes prächtige Schloß am Comer See iſt in letzter da

wieder häufig genannt, weil es als nächſter Sommeisaufen

[IV. Jahrg. Nr. 19.

zaͤrtlihen glcklic. S0 ſchon jer walche ſie and an der men i ſie, ü ſie ſt war zöge.

vollk vor! ſtadt ich i

ſpraa genden

mir l