Nr. 19.]
benoſſin in der Penſion. Sie erinnerte ſich lebhaft, wie ſolz ſie dereinſt geweſen war über dieſe hübſche Gabe der igen Andere etwas ſpröden Helene, erinnerte ſich über⸗ mupt mit herzlicher Freude an die glücklichen Tage ihres mganges mit dem ausgezeichneten und geiſtvollen Mäd⸗ hen. Aber freilich— eine geraume Reihe von Jahren ng zwiſchen damals und heute; wer weiß, wie ſie, die ein⸗ inder ganz fremd geworden, ſich jetzt gegenüber ſtehen wür⸗ den! Und doch— hatte ſie nicht erſt vor kürzerer Zeit von helene Etwas gehört, war nicht einmal von ihr geſprochen porden? Lina ſann und ſann und mit einem Male war ſie zuf der richtigen Spur. Ihr Mann ſelbſt hatte ihr ja wor einigen Monaten mitgetheilt, daß Helene, jetzt die jumge Witwe eines höheren Officiers, der ſie in ſchon be⸗ nchrten Tagen zur Frau genommen hatte, binnen Kurzem ſierher ziehen und hier ihren bleibenden Aufenthalt neh⸗ nen werde. Lina hatte auch gleich damals froh überraſcht ſeiußert, wie erwünſcht ihr dies komme und welch ange⸗ ſethmen Umgang ſie vielleicht von Neuem mit der Jugend⸗ ſteundin anknüpfen könne. Erinnerte ſie ſich aber recht, b war Emil auf dieſe ihre Aeußerung eine zuſtimmende Umtwort ſchuldig geblieben oder hatte nur beiläufig hinge⸗ worfen, wie ſelten Jugendfreundſchaften, wenn 86 un⸗
erbrochen, in ſpätern Jahren wieder auflebten.
Doch das mochte ſein wie es wolltenn Lina war feſt itſchloſſen Nachforſchungen anzuſtellen unde die Freundin nufzuſuchen und zwar recht bald. Da war ja pielleicht lleich eine vertraute Seele gefunden, nach der ihr Herz terlangte, und ein ſtarker, verſtändiger Geiſt, deſſen Rath⸗
ſyläge zum Heile f aten. Hatte ſie geſtern zufäl⸗ ig durch Auffinditng ftrsamantes von Emil dem tefern Grund der Krankheit deſſelben enkdeckt, o hatte ſe heute vielleicht ein noch wohlwollenderer Zufall auf das
bedenkblatt der Freundin hingeleitet, die ihr— daraft
weifelte ſie nicht— in der Bekämpfung jener
Kxankheit rentlich und geſchickt beiſtehen würde.
Der polniſch klingende Name des verſtorbenen Gatten Helenens ſchwebte Lina dunkel vor, und daß Jener den Rang eines Oberſten bekleidet hatte, wußte ſie beſtimmt: An⸗ haltepunkte genug, um die Spur der jungen und ſicher noch ſchönen und intereſſanten Witwe in der mittelgroßen Stadt zu verfolgen. Lina zögerte auch nicht, und als ihre aus dem Parterre herbeigerufene Hauswirthin, ein lebendiges Stadtorakel, mit bewundernswerthem Scharfſinn zu Tage gefördert hatte, daß eine Frau Oberſt Zerkowsky, eine ſehr ſchöne und reiche Dame, ſeit etwa einem halben Jahre aus der Reſidenz hierher gezogen ſei und in der Sundallee im letzten Gartenhauſe links von oben herunter, gleich der großen Reſtauration gegenüber wohne, faßte ſie, um ihre unternehmende Stimmung nicht ungenützt vorübergehen zu laſſen, den Entſchluß, ſich noch heute auf den Weg zu machen und Helene aufzuſuchen. Lina kannte ſich zu gut, um nicht zu wiſſen, daß bei einigem Zögern ihre urſprüng⸗ liche Zaghaftigkeit leicht wieder die Oberhand gewinnen und die Ausführung eines Planes vereiteln könne, der vielleicht auf ihr ganzes zukünftiges Loos weſentlichen Ein⸗ fluß hatte.
Die erhaltene Anweiſung ſtellte ſich als ganz richtig dar. Nach einer Stunde etwa ſtand Lina an der mit Epheu umrankten Thüre eines hübſchen einſtöckigen Gartenhauſes und zog an der Klingel. Ihr Herz pochte jetzt doch etwas ängſtlich über ihr Beginnen; konnte ſie wiſſen, welchen Empfang ſie bei der Jahre lang nicht geſehenen Jugend⸗ freundin finden würde und ob ſich deren Lebensverhält⸗ niſſe und Anſchauungen in der Zwiſchenzeit nicht vielleicht ſo geandert hatten, daß eine Wiederanknüpfung der frühe⸗ ren freundſchaftlichen Beziehungen ein Ding der Unmög⸗ lichkeit war? Sie hätte doch am Ende erſt Erkundigungen einziehen und hiernach bemeſſen ſollen, ob das von ihr be⸗ abſichtigte Wagſtück auch wirklich Erfolg haben könne. Doch zu ſpät; an eine Umkehr war nicht zu denken. Hof⸗
fen ließ ſich etwa nur, daß Helene nicht einheimiſch oder
aden war daſſelbe zu überreichen, war die Tochter eines Bür⸗ ſuss, der ſich in Paris lange Zeit aufgehalten und dort verhei⸗
ahie nihet hatte; beim Ausbruch der Revolution hatte er Paris ver⸗,
dnen hſſen und ſeine Vaterſtadt wieder zum Wohnſitz genommen. Das 13) bidicht nahm ein Begleiter Napoleons in Empfang. Auf dem
Narkte, wo man mehrere Ehrenpforten errichtet hatte, war zum Ümpfange des Kaiſers ein Bataillon eines ſächſiſchen Infanterie⸗ Regiments von Merſeburg hierher beordert, die Bürgergarde, ſo⸗ nt franzöſiſche Infanterie in Parade aufgeſtellt. In der Nähe d kaiſerlichen Wagens befanden ſich, während derſelbe auf dem Narkte hielt, ſämmtliche Civil⸗ und Militärbehörden und die
Saale. nfels ann Filſit paſf mdenn gei
ien der Arzt Dr. Otto, ein ſehr geachteter und kenntnißreicher Menn. Dieſer, ein Mann von hohem, ſtattlichem Wuchſe, ragte auffallend über die ihn umgebenden Perſonen hervor und erregte aaſurch die Aufmerkſamkeit des Mameluken Ruſtan im hohen
ade. Da nun in dieſem Augenblicke Dr. Otto zufällig in den Fiſen griff, vielleicht in der Abſicht ſein in einer Seitentaſche Rockes befindliches Taſchentuch hervorzuziehen, ſo gerieth der Remeluk in den tollen Wahn, Otto beabſichtige ein Attentat auf ſgooleon und ſei im Begriff eine verborgene Waffe hervorzu⸗ ſeſen. Schnell ergriff er deshalb ſeine Piſtole und verlangte mit ſichender Geberde die Entfernung dieſes Mannes. Um keine Ver⸗ uulaſſung zu irgend einem tragiſchen Vorfalle zu geben, ſo ent⸗ ſrite ſich Dr. Otto aus der Nähe Napoleons. Kaum waren die Mhrde gewechſelt, ſo fuhr Napoleon eben ſo ſchnell ab, wie er ge⸗ immen wax, ohne die mit großer Mühe und vielen Unkoſten ge⸗ nachten Vorbereitungen nur eines Blickes zu würdigen.
Nackeſem ruſſiſchen Feldzuge, am 15. Decbr. Nachts 1 Uhr,
Gſtlichkeit der Stadt nebſt andern angeſehenen Bürgern, unter
fuhr Napoleon als einer der erſten Flüchtlinge in größter Stille und Eile durch Weißenfels. Alles befand ſich in der Stadt in tiefem Schlafe; nur hier und da brannte noch ein einſames Licht und warf einen matten Schein auf die mit Schnee bedeckten Straßen. In raſchem Zuge flogen vier Schlitten nach dem Poſt⸗ hauſe. Im erſten ſaß N., dicht eingehüllt in Pelz und grauen Mantel vor der ſchneidend kalten Decemberluft, ſo daß Niemand in ihm den Sieger von Jena und Auſterlitz erkannt hätte; im zweiten Schlitten befanden ſich einige Begleiter, ebenfalls dicht verhüllt; im dritten und vierten Schlitten zwölf ſächſiſche Garde⸗ küraſſiere als Bedeckung. Im Fluge ging es weiter.
Am 30. April, vor der Schlacht bei Großgörſchen, kam N. in dem heftigſten Regen an. Trotz des Regens war ſeine Umge⸗ bung in Gala. Er ſelbſt ritt auf einem ſtolzen Pferde, ganz ein⸗ fach gekleidet in einen weißgrauen Ueberrock, welcher bis an den Kragen zugeknöpft war. Sein kleiner Hut hatte ſeine gewöhn⸗ liche Form verloren und war vom Regen ganz durchweicht; tröpfend hing die hintere Krempe deſſelben auf den Rockkragen herab. Wer den Kaiſer nicht kannte und nicht aus dem Reſpect, den ihm die in goldgeſtickte Uniformen gekleideten Generäle, Marſchälle ꝛc. bewieſen, errieth, hätte ihn für einen Müller halten können. Sein Weſen war ſanft und ruhig. Da er leiſe ſprach, ſo ließ er es ſich nicht verdrießen, das, was er ſagte, zu wiederholen, wenn män ihn wegen des auf den Straßen ſtattfindenden Lärms nicht gleich verſtanden hatte. Ohne jetzt in der Stadt zu verweilen, ritt Na⸗ poleon, während es anhaltend fortregnete, zum entgegengeſetzten Thor hinaus, um die Gegend nach Lützen hin zu recognoſciren. Nach einigen Stunden kehrte er, völlig vom Regen durchnäßt, zurück und nahm beim Bürgermeiſter ſein Quartier. Bei dieſer


