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wonnene Faſſung. Und was Lina noch beſonders beun⸗ ruhigte, war der Umſtand, daß, irrte ſie nicht ganz, Emil den verhängnißvollen Brief an Erhardt heute vollendete, zuſammenbrach und verſiegelt zu ſich ſteckte. Was er dort niedergeſchrieben, war alſo nicht das Reſultat einer vor⸗ übergehenden Grille, nur eingekleidet in den Anfang eines ſpäter nie vollendeten Briefs, ſondern eine ernſte freund⸗ ſchaftliche Mittheilung, noch dazu an einen Mann von Werth und Bedeutung. Unter ſolchen Umſtänden glaubte Lina in dem, was ſie geleſen, einen um ſo beachtenswerthe⸗ ren Wink für ihr künftiges Verhalten gegen Emil finden zu müſſen.
Ach, hätte ſie nur eine recht treue und zuverläſſige Seele beſeſſen, mit welcher ſie ſich über die ihr ſo unendlich wichtige Angelegenheit hätte beſprechen, die ſie zur ganzen Vertrauten ihrer Kümmerniſſe, Zweifel und Hoffnungen hätte machen können! Lina aber, aus einer andern Stadt ſtammend und von ihrem ſehr zurückgezogenen Gatten wenig oder nicht in die Geſellſchaft eingeführt, fühlte ſich an ihrem jetzigen Wohnorte immer noch fremd und hatte wohl einige flüchtige Bekannte, aber noch keine einzige nähere Freundin gefunden. So war ſie eigentlich allein auf ihren Gatten beſchränkt, die arme junge Frau, und wenn ihr Herz gerade, wie jetzt, nach dieſer Richtung hin in einem Zweifel ſchwebte, ſo war es auch gänzlich verein⸗ ſamt. Kaum daß ſie ſich ſchriftlich hätte erleichtern kön⸗ nen. Ihre Eltern lebten ſchon längſt nicht mehr; ihre Ge⸗ ſchwiſter und nähern Verwandten waren weit in der Welt zerſtreut und jeder briefliche Verkehr mit ihnen erſchwert, ſo daß er oft Jahre lang ſtockte. Emil hatte es bisweilen im Scherze zu Lina geſagt:„Ihr ſeid eine Wanderfamilie und habt Euch über die Erde ausgebreitet wie das aus⸗ erwählte Volk Gottes.“ Aber dieſe Zerſtreuung war bit⸗ ter genug für Lina, der das beruhigende Gefühl der Nähe einer ſchützenden und ſchirmenden Familie in ſolchen bangen Stunden eine unſchätzbarg ahlthät geweſen wäre.
Noveſſen⸗Zeitung.
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(IV. Jahrg. r. 191
Es war am Nachmittag eines ſchönen Spätſommer⸗ tages. Lina hätte ſo gern einen Ausflug ins Freie unter⸗ nommen, allein ohne Geſellſchaft konnte ſie es doch nicht wagen und Emil hatte ihr ſchon angekündigt, daß er vor
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dem Abend nicht nach Hauſe zurückkehren werde. Die 1Vungnges Einſamkeit war ihr heute wahrhaft peinlich und die Sonne leuchtete ſo verführeriſch in das hochgelegene Zimmer her⸗ agwiſc ein. Sie trat an ihr Schreibepult und blätterte, um nur adrm Etwas zu thun, in alten Papieren. Da fiel ihr ein halb den Un vergeſſenes Album in die Hände, in welches ſich in den Halene harmloſen Zeiten der Penſion eine Anzahl ihrer Bekannten worden und Freundinnen eingetragen hatten. Von den Wenigſten Wauf de wußte ſie jetzt noch Näheres und noch Wenigere durften auf vor ei ihr wirkliches Intereſſe Anſpruch machen. In der Jugend junge: ſteht ja das Gedenkbuch, gleichwie das Herz, ſo Vielen of⸗ jahrte fen, die bald nachher vergeſſen werden. Aber von der und hierſe jener lieben Seele hätte ſie doch gern wieder einmal ein Men w Wörtlein vernommen; wie verſchiedenartig mochten ſich Käußß die einzelnen Lebenslooſe geſtaltet haben! Waren die nehma Meiſten wohl glücklicher geworden als ſie ſelbſt?— Wäh⸗ fteund rend Lina in dieſer Weiſe halb träumend, halb nachden⸗ l war kend das Buch durchblätterte, haftete ihr Blick plötzlich auf Antwe einer kleinen Malerei mit darunter befindlicher Schrift, worfe welche recht hübſch und ſauber ausgeführt war. Das Bild⸗ terbro chen ſtellte ein Kind dar, welchem von beiden Seiten Kränze D gereicht wurden, der eine ein bloßer Blüthenkranz, der an⸗ entſchl dere aus Laub und Früchten beſtehend. Das Kind griff alßuft mit freudeſtrahlendem Geſichte nach beiden Kränzen, dar⸗ gleich, unter aber ſtand geſchrieben: V beinge
Lerne zeitig Dich beſcheiden, 1 s
Greife nicht nach allen beiden!. Blüthenkranz und Früchtekranz: Vtiefern
ſinen herausnahm. Alle giftigen Dinge fliehen vor dem Fette des Drachen. Seine Zunge, in Wein genommen, iſt ein treffliches Mittel gegen den Alp, während Ochſenzungen, mit viel Wein ge⸗ nommen, bekanntlich den merkwürdigſten Alp erzeugen. Die Farbe des Drachenfleiſches iſt glaſig und es kühlt die, welche ſich davon nähren. Es ſcheint alſo gewiſſen Sorten des von unſern Zucker⸗ bäckern bereiteten Eiſes(etwa Vanille oder Orange) zu ähneln. Die Aethiopier in ihrem heißen Lande ziehen dieſe Speiſe von je⸗ V
her andern vor. Wegen der alten Bekanntſchaft haben wir uns etwas länger bei dem Drachen aufgehalten, gehen indeß jetzt zu dem Draconcopedes über. Niemand wird ahnen, daß hier von der Schlange mit dem Weiberkopfe die Rede iſt, welche der Eva
den Apfel bot. Der alte Naturforſcher Bede iſt der Anſicht, daß tigen Herrſcher, veranlo ie die Schlange nur ihren verführeriſchen Kopf der Eva zeigte, dabei Ehrenbezeigungen günſtig zu ſtimmen.
aber ſorgfältig ihren übrigen Körper unter den Blättern des Baus⸗ mes der Erkenntniß verbarg. Der Jaculus war eine geflügelte Schlange, welche ſich auf Bäume herabließ und Alles, was ſie erreichen konnte, mit ihrem Blicke tödtete.— Leviathan iſt das große Roß, auf welchem der Teufel reitet. Er beſteht furchtbare Kämpfe mit dem Wallfiſch, und während ſie kämpfen, ſchwärmen die Fiſche in Maſſen um den Schweif des Wallfiſches. Unterliegt letzterer, ſo werden alle Fiſche verſchlungen. Wird der Leviathan geſchlagen, dann haucht er aus ſeinem Schlunde einen furchtbaren Geſtank aus, welchen der Wallfiſch zurückſtößt, indem er ungeheure Waſſerfluthen dagegen ſpritzt. In dieſem Falle ſind die Fiſche, als Vaſallen des Wallſiſches, durch ihren Feudalherrn gerxettet. Das Maricomorion war auch kein übles Geſchöpf, von der Größe des Löwen, wurde jedoch ſelten geſehen. Es hatte einen Schlan⸗ genſchweif, Löwenfüße, einen Menſchenkopf und in ſeinem Munde
Einen nur erlangſt Du ganz!— ſſie heue
Das war für Lina ein liebes, bekanntes Blatt, welches Geden
ſie einer früher faſt ſchwärmeriſch geliebten Freundin ver⸗ dweifel
dankte, Helene Wallmoden, einer nur wenige Jahre ältern treule
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drei Reihen Zähne. Seine Farbe war röthlich, eigentlich mehr 9 rden
röthlich braun. Indem es die menſchliche Stimme nachahmte, gets, d
lockte es ſorgloſe Leute heran und verſchlang ſie dann ohne alle nrbet!
Gewiſſensbiſſe.(Schluß folgt.) 1
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Aus der Geſchichte. enfe
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Napoleon in Weißenfels an der Saale. zmie fra
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Zu verſchiedenen Malen hat die Stadt Weißenfels an der m kai Saale Napoleon I. geſehen. Nach dem Frieden von Tilſit paſſirte 1 arkte
er dieſe Stadt zum erſten Male. Die Furcht vor ihm, dem gewal⸗ mheiſlic
veranlaßte die Bürger, ihn durch verſchiedene bhten d
Bei einer Ehrenpforte am mennn.
Thore erwarteten ihn geſchmückte Jungfrauen, von denen eine ihn ſeffale mit franzöſiſchem Willkomm empfangen ſollte. Nach langem Har⸗ adur
ren erſchien N. Vorn auf dem Wagen ſaß neben dem kaiſerlichene ae Kammerdiener ſein berühmter Leib-⸗Mameluk Ruſtan. Beim Nä⸗ ſen g
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herkommen des kaiſerlichen Wagens machten ſich die Jungfrauen 3 Noch bereit, das Gedicht in gehöriger Form zu überreichen. Napoleon b amelu ſchien ſie aber gar nicht zu beachten, ſondern fuhr in raſchem Trabe wvole⸗ vorüber. Wollten die Jungfrauen ihre Abſicht erreichen, ſo muß⸗ kehen. 6 ten ſie ſich in größter Eile aufmachen, um den Kaiſer wenigſtens ülbende auf dem Martte, wo die Pferde gewechſelt werden ſollten, noch zu weſium treffen. Sie begannen alſo raſchen Schrittes mit dem Wagen d ſch einen Wettlauf und kamen, wenn auch athemlos, doch noch zu witegn rechter Zeit an, um dem Kaiſer, der ſo wenig von franzöſiſcher Wanan w Galanterie gegen Frauenzimmer zu wiſſen ſchien, wenigſtens das lhtang Gedicht überreichen zu können. Die Jungfrau, welche qusgewählt Nas
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