Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
291
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Dritte Folge.

Novellen-Zeitung.

Pſochologiſche Experimente.

Novelliſtiſche Skizze von

Theodor Herzog.

Wenn's Männer gäbe, die ein weiblich Herz

Zu ſchätzen wüßten, die erkennen möchten, Welch einen holden Schatz von Treu' und Liebe Der Buſen einer Frau bewahren kann;

* Goethe.

Emil ſaß mißmuthig an ſeinem Arbeitstiſche. Das eicht war tief herabgebrannt und beleuchtete nur ſpärlich die Schreiberei, welche vor ihm ausgebreitet lag. Die Ar⸗ heit, welche er an dieſem Abend eifrig zu fördern gedacht, war nur um wenige Zeilen vorgerückt und die ungleichen, ſaſt gewaltſamen Schriftzeichen verriethen nur allzudeutlich die Unluſt deſſen, der ſie zu Papier gebracht hatte. Zür⸗ nend über ſich ſelbſt warf er jetzt die Feder aus der Hand und ſtützte den Kopf mit dem widerſpenſtigen Gedanken⸗ ſeere auf beide Arme. So ſaß er lange ſtumm und un⸗ thätig dort, ein Opfer trüben Mißmuths, den er zu ban⸗ nen nicht die Kraft beſaß.

Er war nicht allein in dem kleinen, einfach meublirten Zunmer, das ſeine Arbeitsſtätte enthielt. Hinter ihm an enem runden Tiſchchen vor dem Sopha war Lina, ſeine junge Frau, mit einer Handarbeit beſchäftigt. Die Lampe, willche vor ihr ſtand, ſchien in ein mildes, wohlwollendes Artlitz, ſo unſchuldig und kindlich fromm, wie es oft kaum uufblühende Jugend ihr Eigen nennt. Dazu kam war s immer, oder nur jetzt der Fall ein Zug von Unſicher⸗ jeit oder Aengſtlichkeit, der dieſes liebe Geſicht mit ſeinen rzen blauen Augen und ſeinen wunderſchönen dunkelblon⸗ der Haarflechten noch jünger erſcheinen ließ, als es in Wirklichkeit der Fall war. Auch Lina brachte heute ihre Abeit nicht recht von Statten; immer und immer wieder lickte ſie ſcheu hinüber zu dem in Gedanken verſunkenen Gatten und quälte ſich kaum weniger wie Jener mit aller⸗ li Vermuthungen über den Grund ſeiner Mißſtimmung. Endlich, nachdem gewiß eine Viertelſtunde in lautloſer Siille verfloſſen war, faßte ſie ſich ein Herz, ſtand auf und ſigte, indem ſie ihre Hand auf Emils Schulter legte, im ſanfteſten Tone:

Bitte, Emil, laß die Arbeit heute! Du biſt nicht auf gelegt dazu und marterſt Dich umſonſt. Ich kam den genzen Tag nicht aus dem Hauſe und ſehne mich recht ein

paar Worte zu ſprechen. Heute dank' ich's Dir doppelt, wenn Du für mich Zeit haſt.

Emil blickte nicht auf bei dieſen herzlichen Worten und erwiderte halblaut und faſt gleichgültig:

Ich bin zu Allem verdorben heute. Meine Geſell⸗ ſchaft iſt die ſchlechteſte, die Du Dir wünſchen kannſt, mein Kind. Bleibe lieber allein. Ich will noch ausgehen und Frank aufſuchen, da ich einmal nicht arbeiten kann. Es iſt das Einzige was ſich thun läßt.

Lina zog ſich auf ihren Platz zurück, ohne ein Wort zu entgegnen, aber ein tiefſchmerzliches Lächeln um ihre Lip⸗ pen verrieth, wie wehe ihr die Antwort gethan hatte. Emil dagegen erhob ſich raſch, griff nach Hut und Stock und ging mit einem ſcheinbar ruhigenGute Nacht, Lina! nach der Thüre. Dort aber blieb er ſtehen, und als er, ſich umwendend, den leiſe anklagenden Blick gewahrte, welchen ihm Lina nachſendete, da kehrte er raſch zurück, küßte die junge Frau auf Stirne und Mund und ſagte, während der Ton ſeiner Rede die plötzlich weichere Stim⸗ mung ſeiner Seele nicht verkennen ließ:

Sei mir nicht gram, mein Kind, ſo abſcheulich ich bin. Nur dieſen Abend laß ich Dich allein, weil es wahrhaftig beſſer iſt für uns Beide. Aber morgen morgen ganz gewiß will ich anderer Menſch ſein. Gute Nacht!

Emils Schritte waren längſt auf Treppe und Flur verhallt und die ſchwere Hausthüre hatte ſich längſt hinter dem Abgehenden geſchloſſen. Da erſt erwachte Lina, die bis dahin mit gefalteten Händen träumeriſch dort geſeſſen hatte, aus ihren peinlich verworrenen Gedanken. Ein lei⸗ ſer Seufzer entwand ſich ihrer Bruſt, nicht über den heu⸗ tigen, an ſich ſo unbedeutenden Vorfall mit ihrem Manne, wohl aber wenn ſie daran zurückdachte, wie ſie ſich das Glück des Zuſammenlebens mit Emil geträumt und wie ſie daſſelbe in ihrer bald dreijährigen Ehe gefunden hatte.

Das volle Glück ihres Gatten zu werden, all' ſein Seh⸗ nen und Empfinden mit ihrer Liebe auszufüllen: das war ja auch Lina's ſchwärmeriſche Hoffnung geweſen, als ſie ihren Bund mit Emil ſchloß, deſſen gewinnende und dabei ſcheinbar ſo feſte, in ſich abgeſchloſſene Perſönlichkeit ihr ſo ganz die erwünſchte Ergänzung ihrer eigenen Befangenheit und Willensſchwäche dünkte. Aber wie ſo anders war es gekommen! Emil war nicht glücklicher geworden, ſeitdem er ſie die Seine nannte, in ſeinem Weſen war mehr und mehr eine zerſtörende Haſt und Unruhe, abwechſelnd mit unthätigem brütenden Mißbehagen, hervorgetreten, die, wenn ſie auch wie Emil verſicherte ihm von Natur eigen geweſen wäre, doch durch eine wahre Liebe hätte be⸗ ſchwichtigt und endlich verdrängt werden müſſen. So klagte ſich nun Lina oft ſelbſt an, daß ſie es nicht verſtehe den