aus ſeinen int hat, vor⸗ nburg nach ner Madam hatte copiren
Nr. 18.]— pritte folge. 3 287
Citerariſche Beſprechungen.
Euphorion. Eine Dichtung aus Pompeji in vier
hefängen. Von Ferdinand Gregorovius.— Leipzig,
z. A. Brockhaus. 1858.(Schlus.)
Setzen wir aber den Egoismus dieſer Herren von Soll und Haben in Vergleich mit dem Egoismus, dem
nir in Wirklichkeit täglich begegnen müſſen, ſo wird man
ſchht leugnen können, daß hier manchem geſinnungstüch⸗ ſgen Idealiſten die aufrichtige Solidität dieſes Herrn Schrödter abgeht, und daß Herr Ehrenthal ſelbſt unter im anſtändigſten Realiſten von heutzutage vielleicht noch
inen recht trefflichen Biedermann repräſentiren könnte.
Was nun die Behandlung dieſes Stoffes betrifft, ſo ſtjauch dieſe eine realiſtiſche. Das Buch bringt Schilde⸗ uungen der Realiſten durch einen Realiſten, und dieſe Ein⸗
ſit von Gegenſtand und Darſtellung iſt es, die ihm die
wähnte, an die claſſiſchen Vorbilder erinnernde Geltung ſött. Freilich aber beruht in dieſem Falle in ſolchem Zu⸗ jm menfallen von Stoff und Form auch wieder eine ge⸗ iiſe Einſeitigkeit, wir möchten faſt ſagen, ſeichte Ober⸗ ſichlichkeit. Das, was in Soll und Haben wie Humor uklingt, hat nicht die poetiſche Tiefe eines Jean Paul uher Dickens, denn es iſt keine verſöhnende Hinweiſung alf ideale Momente auch in der alltäglichſten Wirklichkeit; Gi genauer Aufmerkſamkeit wird man vielmehr nicht un⸗ wachtet laſſen können, wie dieſer ſcheinbare Humor ſtets rur da eintritt, wo der Verfaſſer auf ideale Momente ab⸗ rriſend hinzudeuten Gelegenheit hat, wo er mit der Lie⸗
bnswürdigkeit ſeines Fink cavaliérement die Probleme
88 Lebens abſchüttelt, die zu löſen ihm eine kleine Schwie⸗ ußkeit bereiten könnte.
Ein ſo kleines Heftchen die vorliegende Gabe von Arvinand Gregorovius auch iſt, als ein ſo willkommenes Aiſwiel erſcheint der„Euphorion“ uns, um„Soll und Fahen“ gegenüber das zu charakteriſiren, was wir unter hes echt idealiſtiſchen Dichtung verſthen.
In dem bezeichneten Gegenſatz alſo zu„Soll und Ha⸗ Sm“ iſt im„Euphorion“ das ideale Element zunächſt effl ich nachzuweiſen. Der Held, der dem Gedichte den Aumen gibt, iſt ein⸗Künſtler, eine Natur, die ihren Zweck niht in ihrem Ich, ſondern über demſelben in einer höhe⸗ en Aufgabe findet, in der Aufgabe nicht nur zu leben, anern aus dem Leben ſelbſt ein Anderes, ein Bleibende— it, ein Ideal des Lebens zu geſtalten. Der Zug des Her⸗ ins eben dahin macht ſich in der Heldin Jone, der Toch— feides Arrius, geltend; wenn ſie ſelbſt nicht zu geſtalten iiuag, ſo ſteht der Werth des künſtleriſch geſtalteten Le⸗ as ihr doch weit über dem Daſein ſelbſt in„der dunklen Agesgewohnheit,“ und die Leidenſchaft, in der ſie zu dem ldner ſolcher Geſtaltung über die ihr vorgeſchriebene Sahn, über die beſtehenden Grenzen geſellſchaftlicher Son⸗ Aung bis zu tragiſchen Conflicten fortgeriſſen wird, ſtem⸗ hauch ſie zu einer der idealiſtiſchen Naturen, die in den
rſabenen Sphären allgemeinen, geiſtigen Lebens allein
Bil und Befriedigung ſuchen.
Derſelbe Charakter, wie in den einzelnen Hauptfiguren, lſocht ſich auch in der Fabel im Ganzen geltend. Der Rob
Realismus, der ſeinen Ausgangs⸗ und Endpunkt in der Thatſache, im Detail findet, wird, den ewigen Wechſel von Entſtehen und Vergehen vergeſſend, die Probleme nach dem Warum und Wozu alles Lebens abweiſend, in der Ver⸗ götterung des momentanen Daſeins allein ſeine abgeſchloſ⸗ ſene, illuſoriſche Befriedigung ſuchen; der Idealismus, die Totalität ins Auge faſſend, wird in allem Einzelnen, in allem Wirklichen das Vorüberſtrömen der Scheingeſtalt nie verkennen, das Bewußtſein von der Vergänglichkeit und Unzulänglichkeit alles Seins nie übertäuben wollen
und den Troſt für dieſen Schmerz, den berechtigten Welt⸗ ſchmerz, in religiöſer Weltanſchauung offenbaren.— Der Dichter des„Euphorion“ führt die Kataſtrophe ſeiner Er⸗ zählung herbei durch ein Ereigniß, das durch ſeine Plötz⸗ lichkeit und ſeine Großartigkeit das erſchütterndſte Beiſpiel von der Gewalt des jähzornigen Zufalls gibt, der Moment für Moment dieſem unſerem ſchwachen Erdendaſein droht. Euphorion, der Künſtler, iſt der Sclave des Arrius, eines reichen Eigenthümers von künſtleriſchen Werkſtätten in Pompeji. Die Tochter des Arrius ſoll nach längerer Ab⸗ weſenheit in die Räume des väterlichen Hauſes zurück⸗ kehren; der Sclave hat von Jugend auf eine innige Nei⸗ gung für die freigeborne, reiche Herrin im Herzen getragen; zur Feier ihrer Ankunft vollendet er einen Candelaber, in deſſen plaſtiſchen Ausſchmückungen ſeine Neigung unwill⸗ kürlich ſymboliſch ſich ausſpricht. Jone betritt das Vater⸗ haus, ſie ſieht Euphorion wieder, erkennt die Bezüge ſeines künſtleriſchen Bildes,— ſie hat die erwidernde Neigung längſt in ſich verſchloſſen, die Neigung entbrennt zur Lei⸗ denſchaft, die Leidenſchaft begegnet der Leidenſchaft und ein jäher Conflict eröffnet ſich unſeren Blicken, von dem wir nicht abſehen, wie er anders als tragiſch enden könne für die tiebenswerthen Liebenden. In dieſem Augenblicke öffnet der Zufall, der ſo unbegreiflich und doch oft ſo wun⸗ derbar beziehungsvoll der Menſchen Geſchicke verbindet und entwickelt, die Krater des Veſuv; jener welthiſtoriſche Lavaausbruch überſchüttet die Stadt Pompeji und das Haus des Arrius, er verſchüttet Arrius ſelbſt und ſein Ei⸗ genthum und alle die Seinen,— der Zufall wieder iſt es, der Euphorion und Jone glücklich zum Meeresſtrande ent⸗ führt; zum erſehnten Glücke, das ſie vom Glücke nicht er— warten durften, hat das Unglück, das unerhörte Unglück ihnen die Bahn geebnet; der Sclave führt die Geliebte an einen fernen Strand, um ihr, die Alles verloren, Vater, Heimath, Freunde, Gärten, Felder und Beſitzthum, ein neues Haus, neue Heimath und neue Altäre zu gründen.
Aber Euphorion hielt in den Händen die wölbende Urne Schöner hetruriſcher Form, die weit her ſtrahlete röthlich, Schimmernden Thons, und gezieret mit anmuthsvollen Gebilden. Denn von der heiligen Aſche Pompeji's hatte Jone. Drinnen geſammelt den Staub zu der Heimath Trauergedächtniß. Jetzt an der Stelle der Laren, an Stelle des Brandes vom Heerde Nahmen ſie mit in dem Kruge den Staub, daß einſt in der neuen Heimath fromm ſie das Mal aufſtellten in eigener Wohnung.
Der Blick zu den Sternen, als den Scheidenden der Anblick der Küſte entſchwindet, ſchließt das Gedicht:
Still ward, ſtiller die Welt, und Surrentums Berge verglommen Schon, dort funkelte ſanft und verblaßte der Träumer Veſup ſchon. Aber ſie ſaßen an Bord, an den Händen ſich haltend, hinüber Blickten ſie ſtill, bis ihnen entſchwand die verſunkene Heimath; Lebe, Pompeji, mir wohl! Lebt wohl, ihr heiligen Gräber!


