Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
264
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die tödtliche Beleidigung zuzuſchleudern, da legte ſich eine feſte Hand ſchwer und gewichtig auf ſeinen Arm, und eine gebietende, drohende Stimme rief:

Ich werde Sie daran verhindern!

Die Blicke der Anweſenden wandten ſich nach der Rich⸗ tung, woher die Stimme tönte; im nächſten Moment waren Alle von ihren Sitzen aufgeſprungen und ſtanden mit dem Zeichen tiefſter Ehrerbietung in gerader, militäriſcher Haltung da denn dieſe Stimme war ihnen wohl⸗ bekannt.

Blitzenden Auges trat der Befehlshaber Prinz Maxi⸗ milian Auguſt unter ſie; ſeine Stimme grollte wie ferner Donner, als er ſagte:Ich werde Sie daran verhindern, Lieutenant Baron von Clairmont, niedrige Lügen und An⸗ ſchuldigungen gegen ein achtbares, wehrloſes Mädchen her⸗ vorzubringen, das zu vertheidigen und zu ſchützen nicht nur jedes Mannes Pflicht, mir überdies ein heiliges, ſüßes Recht iſt. Angela, die als ganz junges Kind mit ſchnöder Hand ihren Eltern geraubt wurde und als kleines Mäd⸗ chen eine kurze Zeit im Circus tanzte ſpäter von der edlen Gräfin Lindau an Kindesſtatt angenommen den Na⸗ men Anna Lindau trug iſt Lorenza, meine langbeweinte, todtgeglaubte Tochter, die Tochter meiner rechtmäßigen ebenbürtigen Gemahlin, der mein fürſtlicher Neffe und Ge⸗ bieter den Namen und Titel nicht verweigern wird, der ihrer Geburt, ihrem Stande zukommt. Jede ihr zuge⸗ fügte Kränkung werde ich als mir geſchehen ahnden, oder beſſer noch, ich denke ich werde ſie fortan davor zu ſchützen und zu wahren wiſſen. Auch bemerke ich hiermit aus⸗ drücklich, daß jede Beziehung und Ausgleichung in dieſer Angelegenheit einzig und allein mir zuſteht, Niemand gebe ich das Recht ſich derſelben anzunehmen. Ihnen, Herr Baron, rathe ich zu Ihrem eignen Beſten, künftig erſt ge⸗ nau die Richtigkeit und Lauterkeit der Quellen, aus denen Sie Ihre Nachrichten ſchöpfen, zu ergründen; denn nicht immer möchten Sie an eine Perſon kommen, die, wie ich,

Novellen⸗

traſte die Pracht der Dörfer und häuslichen Einrichtungen über⸗ haupt, in Höhen, wo man ſonſt nur Sennhütten antrifft, dies Alles vereinigt ſich zu einem Bilde von eigenthümlichem, ergreifendem Eindrucke, welchem gewiß kein für Naturſchönheiten

noch einigermaßen zugängliches Gemüth ſich zu entziehen vermag.

Und merkwürdiger Weiſe finden wir die Reize des Engadin alle in ihrer ſchönſten Pracht an zwei Orten entfaltet, wo die reichſten, kräftigſten Heilwaſſer ihren Segen ſpenden.

In dieſes Thal nun wünſche ich den geneigten Leſer einzu⸗

führen, nicht jedoch um ihn als geſchwätziger Cicerone mit einer

Aufzählung der Straßen, Poſtverbindungen, obligater Sehens⸗ würdigkeiten oder einer Kritik der Wirthshäuſer und Gaſthöfe zu beläſtigen. Hinſichtlich der Verkehrsmittel trifft der Reiſende in

jedem Poſthauſe, ſelbſt des kleinſten Dorfes, geeignete, ſtets die neueſten Verfügungen enthaltende Placate, über welche ihm die

Poſtbeamten immer bereitwillig nähere Erläuterungen geben wer⸗

den. Die Gaſthäuſer hinwieder ſind hier noch keineswegs ſo häu⸗

fig, daß ſie große Auswahl böten. Die vorzüglichſten derſelben

werde ich anläßlich erwähnen, damit der Alpenwanderer wiſſe, wo

ihm nach überſtandenen Mühen die freundlichſte Bewirthung winkt. Er wird jedoch oft ſelbſt im einfachſten Bergdorfe beſſere Aufnahme finden, als er erwartet, und ſelten namentlich fehlt ihm das Labſal eines trefflichen, feurigen Weines. Nirgends aber umlauert ihn hier das widrige Geſchmeiß von Bettlern und Induſtrierittern, welches ſich bekanntlich in anderen beſuchten Berggegenden der Schweiz in läſtiger Paraſitenweiſe dem Reiſenden anſaugt. Schon

von früher Jugend an verdanke ich dem Engadin, ſeinen Glet⸗

ſchern und Bergſpitzen, ſeinen einſamen, ſtillen Nebenthälern wie dem frohen Leben und Treiben ſeiner gaſtlichen Bewohner die

Zeitung.[IV. Jahrg. Nr.1 annehmen will, daß Sie nicht abſichtlich böswillige Ver⸗ aren leumdungen zu verbreiten ſuchten. Graf Ohlen, Ihren zen let Arm, begleiten Sie mich ich habe Aufträge für Sie! ſich vo Indem der Prinz den Arm des jungen Mannes nahm, 1 der eilig hinzugeſprungen war, verließ er grüßend die Ver⸗ Ohlen ſammlung. Nicht Einer der Zurückgebliebenen zweifelte treuſt an der Wahrheit des eben Gehörten, ſo wunderbar es nicht klingen mochte. Erſtens war der Prinz ſeiner hohen Eh⸗ bitter renhaftigkeit wegen allgemein beliebt und geachtet, und Wie dann war von der Epiſode in Italien trotz allen Geheim⸗ i, haltens dennoch genug bekannt geworden, um das Ganze main als glaublich erſcheinen zu laſſen. Dunkle Gerüchte hina ſprachen von einer Heirath des Prinzen, die, von der Fa⸗En milie gemißbilligt, den Keim zu traurigen Spaltungen ge⸗ nun legt, welche ſeit nicht langen Jahren niedergekämpft waren. falle Und daß erſt, als eine andere Hand das Scepter nahm, der bark Prinz eingewilligt hatte in das Vaterland zurückzukehren Han und in den Staatsdienſt zu treten, war eine feſtſtehende die Thatſache. ſener Als die ſchon vorhin erhitzten jungen Leute ſich nach Blu Clairmont umwandten, ihn jetzt doppelt die Unbill ſeines den Betragens fühlen zu laſſen, war dieſer in der allgemeinen ſach Aufregung unbemerkt verſchwunden. werk Im Gemache des Prinzen ſtand Ohlen und empfing Ihn den Auftrag, als Ueberbringer höchſt wichtiger Depeſchen ſeeht augenblicklich an den kaiſerlichen Hof abzureiſen. Ge⸗. rührt durch die Güte und Vorſorglichkeit des Prinzen, die ech ſich in jedem Worte ausſprach, wohl durchſchauend, welchen Wfüſſen Grund er hatte ihn unverzüglich fortzuſenden, geehrt durch ddaß ſe die Bedeutſamkeit der Miſſion, welche ihm übertragen vüm d wurde blickte Herrmann Ohlen mit ſtrahlenden Augenund auf den, der ihm nicht nur ſtets als ein Vorbild der Rit⸗ fflamn terlichkeit, eine Vereinigung aller männlichen Tugenden er⸗ iden? ſchienen war zu dem ihn jetzt noch ein tieferes, mäch⸗ vorw tigeres Gefühl zog. Ihr Vater! der Vater ſeiner Gelieb uber ten, die, wenn auch jetzt durch andere Gründe von ihm Stunden des heiterſten und glücklichſten Naturgenuſſes, und ſtets 1äch noch zieht es mich mit dem nämlichen unwiderſtehlichen Reize an⸗ dlat wie das erſte Mal, als ich, noch ein Knabe, dieſes ſchönſte unſerer an de Alpenthäler betrat. 4 nahm Es iſt ein Gefühl dankbarer Bewunderung, welches mich treibt, Lzt die Gebildeten aller Länder auf dieſen Glanzpunkt meines engern, b dern rhätiſchen Vaterlandes aufmerkſam zu machen. mein Mit freudigem Stolze werde ich und dies iſt der Zweck ſchm. meines Büchleins dem geneigten Leſer als Führer durch Thal und Gebirge dienen, um ihm nach Kräften alle diejenigen Punkte don Hanzudeuten, welche dem Auge des ſinnigen Wanderers wie des Naturforſchers Intereſſe, Befriedigung und lohnende Ausbeute teiben gewähren. Sonr gen T lund? V Theater. Eeen . Rachel und Riſtori. h . Kerma Frau Eliſabeth Marr, die Gattin eines unſerer ange⸗ Wlnſt ſehenſten dramatiſchen Künſtler, ſelbſt auf dem Gebiete des Ro⸗ tbang manes und des Drama's thätig, hat eine dramaturgiſche Skizze n unſ der beiden größten Tragödinnen Frankreichs und Italiens drucken ttarr laſſen. Die Widmung der Brochüre an die Frau Fürſtin Ca⸗ Sebt a roline v. Wittgenſtein begründet die Verfaſſerin mit den di Worten: 4 Rürä Es war die Fürſtin Caroline v. Wittgenſtein in Weimar, Seeun eine enthuſiaſtiſche Beſchützerin aller Künſte und Wiſſenſchaften, Ithu die, mit äſthetiſchem Sinn begabt, alles Fremde und Einheimiſche⸗ das von Talent und Bildung iſt, an ſich zu feſſeln und die idyl⸗es ein l