weiſe.
Noveſſe
n⸗Zeitung.[IV. Jahrg.
tinnen. Wenn auch heftig, eitel, gefallſüchtig, wenn auch hundert Thorheiten begehend, die Männer je nach ihren Launen und Einfällen tyranniſirend, ſelbſt zuweilen mit einer wahren Liebe ſpielend, ſo konnte dennoch Niemand ſie einer wirklich niedrigen Handlungsweiſe zeihen— ſo war der Charakter dieſes ſonderbaren Mädchens, in dem neben den tiefſten Schlagſchatten wahrhaft große Lichtblitze auf⸗ tauchten, wohl angehaucht und verdunkelt durch Mängel und Fehler, aber niemals befleckt worden. Nicht daß Flo⸗ rita nach Grundſätzen handelte; ſie gab ſich nie die Mühe über ihr Thun nachzudenken, es war nur das Werk des Augenblicks. Vielleicht war es eine Laune gewiſſermaßen als eine Donna Diana dazuſtehen, eine Laune, die ſie auf⸗ gab, ſobald ſie ihrer überdrüſſig war— vielleicht wußte ſie, daß in dieſem Stolz, dieſer Kälte und Unerreichbarkeit ihr größter Zauber lag, ſie dadurch die ſicherſte Herrſchaft über die Männer übte— vielleicht auch hatte ſie unter allen noch keinen gefunden, bei dem ſie es der Mühe werth hielt ihr Scepter niederzulegen. Stets von einer Schaar von Anbetern umgeben, deren Huldigung ſie ſich gefallen ließ, ja wie einen rechtmäßigen Tribut hinnahm, wußte man dennoch nicht Einen zu nennen, den ſie beſonders be⸗ vorzugt, zu dem ſie in näherer Beziehung geſtanden. Man ſprach davon, daß ſie als ganz junges⸗Mädchen, faſt noch als Kind, eine Liebe gehabt, welche durch die Wahl des Gegenſtandes excentriſch wie ihr ganzer Charakter war; aber ihr alter Freund, an dem ſie mit wilder Schwärme⸗ rei hing, war bald geſtorben, und lachend und ſpottend ſprach Florita jetzt ſelbſt von dieſer ihrer einzigen Thorheit auf dem romantiſchen, ſentimentalen Gebiete.
Jetzt liebte ſie— unendlich, ſchrankenlos! Jetzt war es möglich dieſen Charakter großartig ſich entfalten— oder der Nacht verfallen zu ſehen. Sie liebt— und er verachtet ſie; niemals kann ſie ihn erringen, er iſt ihr ver⸗ loren, einer Anderen gehört ſeine Liebe!— Die Leiden⸗ ſchaften erſtehen mit doppelter Stärke jetzt; die ſanfte
Stimme wird übertönt und ſtirbt ſeufzend dahin, um wohl nimmer wieder zu erwachen. Gleichſam als ſchäme ſich Florita dieſer ſeltſamen, fremdartigen Regung ihrer Seele gelauſcht zu haben, ſo wirft ſie ſich mit aller Macht in ihre Rachepläne hinein, und ſie darf ſich nur den Augenblick zu— rückrufen, da Graf Ohlen faſt entſetzt die Hand nieder⸗ drückte, als werde die Geliebte ſchon befleckt, indem ſie ihr Blumen zuwerfe, um den Haß in hellen Flammen auf⸗ züngeln zu ſehen.— Jetzt iſt ſie wieder Florita, die wilde, dämoniſche Florita, deren Willen, deren Zaubermacht ſich Alles beugen muß und bis jetzt willig beugte, und die nun bei dem erſten Hinderniß, welches ſich in ihren Weg ſtellt, jede Selbſtbeherrſchung verliert und das mit kaltem Blute unter die Füße treten und verderben will, was ſich ihrer Herrſchaft widerſetzt. Sie muß, ſie will ihn, der ſie ver— ſchmäht, vernichten— ihn, Anna Lindau, ſich ſelbſt, wenn es ſein muß, aber ſie dürfen nicht glücklich ſein!— Flo— rita ſinnt und denkt, und der Entwurf zur Rache wächſt mit Rieſenſchnelligkeit und nimmt beſtimmte Formen an.
„Und wiſſen Sie denn, Clairmont, wer eigentlich dieſe Gräfin Lindau iſt?“
Verwundert blickte der Angeredete auf. Das Licht einer Laterne fiel auf das Geſicht ſeiner Begleiterin, das von einer todtenbleichen Bläſſe war.
„Können Sie es mir vielleicht beſſer ſagen, als daß ſie die einzige Tochter der reichen Gräfin Lindau iſt, die, durch den Tod ihres Gemahles früh zur Witwe geworden, ſeit einigen Jahren ihren Wohnſitz hier nahm und der allgemei⸗ nen Achtung genießt? Wiſſen Sie vielleicht etwas Näheres über ſie?“ fragte er ſpottend.
Florita neigte ſich zu ihm. Leiſe, als könne das laut⸗ geſprochene Wort trotz des Wagengeraſſels einen Lauſcher finden und dadurch ihre Abſicht verrathen und vereitelt werden, ſo flüſterte ſie die Vermuthungen, welche ihr Ge⸗ wißheit ſchienen, in ſein Ohr, ſo enthüllte ſie den Rache⸗ plan, der ſo treffend und geſchickt wohl nur dem Hirne einer
den Hang zu Abenteuern— die Einſamkeit der Wüſte macht ſie zu Improviſatoren.
Sonderbar iſt es, daß bei aller Wildheit und Ungeſchliffen⸗ heit die Kirgiſen Muſik und Lieder lieben; ihre wichtigſten Ver⸗ ſammlungen können ohne Sänger nicht beſtehen, und was das Wunderbarſte— ihre Volkslieder ſind voll zarter, wehmüthiger Gefühle,
Zu bezweifeln iſt, daß dieſes Volk irgendwie millionenweiſe zu einer Macht vereinigt, wenn es nach Art ſeiner Vorfahren weite Streifzüge unternähme, auch die reicheren und civiliſirten Staaten mit Finſterniß überſchwemmen würde; keine Gewalt und keine Tapferkeit würde es davon abhalten, wohl aber die geſelligen Zu⸗ ſtände angeſeſſener Menſchen, die heutzutage zu ſyſtematiſch und zu mächtig organiſirt ſind.
Das iſt ganz ſicher, daß die fortſchreitende und ſich verbrei⸗ tende Civiliſation des heutigen Europa, wenn ihr der Platz man⸗ gelt, ſich auch einmal auf die kirgiſiſchen Steppen werfen, ſie in Beſitz nehmen und die Eingeborenen in unfruchtbare Wüſten ver⸗ treiben wird, und daß es Beſtimmung dieſer Nomadenhorden iſt von der Erde zu verſchwinden, wie mit der Ausrottung der Ur⸗ wälder der neuen Welt die Reſte des amerikaniſchen Stammes verſchwinden.
Solche Skizze gibt uns Herr Albert Weiß(datirend aus Ru⸗ dolſtadt) als Einleitung zu ſeiner Uebertragung zweier Gedichte des Polen Guſtav v. Zielinski, betitelt„Die Steppe“ und „Der Kirgiſe“(Leipzig, F. A. Brockhaus, 1858). Dieſe Dich⸗
tungen werden für den deutſchen Leſer einen doppelten Werth ha⸗
ben. Einerſeits ſetzen ſie die hier in Proſa geſchilderte Poeſie der
ſo ganz im Widerſpruch zu ihrer barbariſchen Lebens⸗ 5 5
Steppe und des Kirgiſenlebens in die Scene lebendigſter poeti⸗ ſcher Darſtellung, die in ihrer Farbenpracht an die ethnographi⸗ ſchen Dichtungen Byron's erinnert. Andrerſeits geben ſie uns ein neues beredtes Zeugniß für die Schätze der polniſchen Litera⸗ tur, von denen ſo wenig und das Wenige oft in ſo ungeeigneter Auswahl die Grenze der Sprachenſonderung überſchreitet. Zie⸗ linski hat ſelbſt einen Theil ſeiner Jugend in den Steppen ver⸗
lebt und aus ihnen deshalb Bilder in die civiliſirte Welt herüber⸗ bringen können, die das Gepräge der Naturtreue und Urſprüng⸗ lichkeit an ſich tragen. Der Kirgiz hat in der Urſprache bereits mehrfache Auflagen erlebt und wird von den Polen unter ihre claſſiſchen Dichtungen gerechnet. Die Stepy iſt erſt vor kurzer Zeit erſchienen. Die Uebertragung des Herrn Weiß iſt voll Ge⸗ wandtheit und Schwung; ſie läßt bei uns, die wir den polniſchen Text nicht vergleichen können, kein Gefühl, daß wir ein Original entbehrten, aufkommen.
Theater. AneRdoten aus dem Leben der Rachel.
Dlle. Rachel nahm nie einen unfrankirten Brief an, und man kann ihr dies nicht verdenken, denn ſie wurde mit brieflichen Zu⸗ ſendungen aller Art wahrhaft überſchüttet. Darunter fehlte es denn auch nicht an Bettelbriefen. Die Antwort auf einen derſel⸗ ben, der in einer Nachlaß⸗Auction aufgefunden wurde, lautete: „Mein werther Herr! Wenn ich Ihnen die 500 Fr. ſchickte, die Sie zu haben wünſchen, ſo möchte ich ſie vielleicht eben dann
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