Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
231
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Nr. 15.] Dritte Folge.

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bin, imponirt, Ich glaube, von allen Menſchen bin ich der einzige, den die Kleine nicht leiden mag, den ſie gewiſſer⸗ maßen fürchtet; es iſt ihr unbehaglich in meiner Nähe, ſie blickt auf mich mit einer Angſt und Scheu, wie Gretchen vielleicht auf Mephiſtopheles geſchaut hat, und dennoch ſchämt ſie ſich einem Verdachte Raum zu geben, für den ſie keinen triftigen Grund weiß, und iſt bemüht durch dop⸗ pelte Güte und Freundlichkeit ein Gefühl zu bemeiſtern, das ihr ungerecht ſcheint. Wenn ich ſie zuweilen ſo beob⸗ achtete in ihrem Thun, in ihrem ſtillen, ſinnigen Walten, da überkam mich einmal ſelbſt der Wunſch, ich möchte ihr begegnet ſein, als ich noch jung, noch anders war als jetzt vielleicht wäre etwas Beſſeres aus mir geworden. Sie ſehen, ſchönſte Florita, fuhr Clairmont fort, den alten leichten, ſarkaſtiſchen Ton wieder annehmend, der ſo eben auf kurze Zeit verſchwunden warSie ſehen, wie groß die Macht dieſes Engels iſt, daß ſie ſelbſt mich zum Nach⸗ denken und Moraliſiren trieb; aber bah! das iſt längſt vorbei, das war ſolche krankhaft elegiſche Stimmung, die hin und wieder auch den Friſcheſten, Geſundeſten befällt. Ich muß geſtehen, ich möchte nicht, daß die Welt mit lau⸗ ter ſolchen Engeln angefüllt wäre, einen läßt man ſich ſchon gefallen zur Seltenheit und Abwechslung.

Florita, die aufmerkſam gelauſcht, während Clairmont Anna beſchrieb, war jetzt in tiefes Sinnen verſunken. Dieſes Mädchen liebte Graf Ohlen dieſes Mädchen, welches durch ſeine Zartheit und Weiblichkeit ſelbſt auf das leichtfertige, faſt verderbte Herz des Barons einen wenn auch nur vorübergehenden Eindruck gemacht hatte. Das war freilich ein großer Gegenſatz zu ihr. Und dennoch o wie weich wehte es durch ihre Seele, wie erhob die Liebe, welche ſie ſo ſchmählich ertödten wollte durch Haß und Rache, noch einmal ihre milde Stimme wenn ſie an Stelle dieſes Kindes, dieſer Jungfrau ſtände, wenn ſie ſo ſchuldlos wäre wie jene, wenn ſie das Leben noch einmal beginnen könnte! Eine Thräne drängt ſich zwiſchen Flori⸗

ta's Wimpern, eine Thräne der Reue und Qual; durch die Wellen der Leidenſchaft hindurch ſpricht eine Stimme mahnend und bittend von kommenden Tagen, von einem langen Leben, welches nicht Haß und Bitterkeit vergällen ſolle, das, wenn auch nicht durch Glück, doch durch Frieden und Tugend verſchönt werden könne warnt vor einer That, die vielleicht ſpäter das Herz mit nagender Reue er⸗ ffüllt und doch nicht zurückgehalten werden kann. Aber warum iſt es wie es iſt? warum iſt ſie nicht gleich jenem Mädchen? iſt es nicht die Schuld des Schickſales, das ſie an einen Platz geworfen, auf dem man nicht in heiliger

Stille und Unberührtheit leben kann? Wer weiß, wenn Anna an ihrer Stelle wäre, ob ſie gleich ihr da ſtände, und wer kann beſtimmen, wenn Florita ihren Platz einge⸗ nommen, ob ſie ſich nicht dennoch ſeine Liebe errungen hätte? Seine Liebe errungen! ein Strom der Glückſelig⸗ keit durchfluthet ihr Herz bei dem bloßen Gedanken aber das Lichtmeer wird bald durch dunkle Nacht ver⸗ drängt. Er verachtet ſie und Florita meint, daß er kein Recht habe ſie zu verachten. Sie vergißt, daß ſie ge⸗ rade ihm Veranlaſſung dazu geboten, ihm die Waffen ge⸗ gen ſich in die Hand gegeben hat. Denn unfähig, die Liebe, welche er in ihrem Herzen erweckt, ſtill und ſchwei⸗ gend zu tragen, hatte ſie ihm dieſe in ihrer maßloſen, un⸗ überlegten Weiſe bekannt und ſich dadurch nach der An⸗ ſicht eines Mannes von ſo ſtrengen Grundſätzen wie Graf Ohlen der überdies das Ganze für eine Laune hielt für immer aus der Reihe achtbarer Frauen gedrängt. Und dennoch iſt es gewiß, daß er, durch ein Zuſammen⸗ treffen verſchiedener Zufälligkeiten in ſeinem Glauben be⸗ ſtärkt, kleiner und niedriger von ihr denkt, als ſie es ver⸗ dient. Obgleich Florita ſchon vermöge ihrer ganzen Le⸗ bensſtellung einen bedeutenden Gegenſatz zu einem Mäd⸗ chen wie Anna Lindau bildete, ſo ſtand ſie dennoch nicht nur erhaben und unerreichbar in ihrem Ruhme, auch in je⸗ der Beziehung auf einer anderen Stufe als ihre Gefähr⸗

Führer, daß die Kirgiſen ſich für Unterthanen der ſie umringenden Völker erklärten.

diſirende, bekannt unter dem NamenWild⸗Stein⸗Kirgiſen, be⸗ wahrte die frühere Unabhängigkeit.

Die Kirgiſen, als ein auf der niedrigſten Stufe der Civili⸗ ſation ſtehendes Volk, haben alle Fehler der Völker, welche ſich nie aus der Wildheit aufrütteln ſie ſind habgierig, fremdes Eigen⸗ thum nicht ſchonend, wortbrüchig, namentlich Andersglaubenden gegenüber, träge, grauſam in der Rache; dabei aber gaſtfreundlich, mitleidig gegen Arme, muthig bis zur Verwegenheit; von großer Anhänglichkeit an ihr Wüſtenland, ziehen ſie ein armes, mühevol⸗ les Nomadenleben allen Freuden und Annehmlichkeiten einer an⸗ ſäſſigen Lebensweiſe vor.

Einer ihrer charakteriſtiſchſten Züge iſt die Baranta, das nächtliche Rauben ganzer Heerden und Tabuns. Die Baranta hatte urſprünglich den Anſtrich geſetzlicher Rache und vertrat die Macht der Geſetze und der Gerechtigkeit, erfolgte ſogar nach dem Ausſpruch der Richter oder Aelteſten und zwar in dem Falle, daß der Schuldige dem Beleidigten Genugthuung verſagte. Jetzt hat ſie ihren Charakter umgeändert: jeder Beleidigte, Beſtohlene oder

Mißvergnügte ſammelt eine Schaar Parteigänger, überfällt den

A⸗ul ſeines Gegners und treibt ihm Viehheerden und Roßtabuns weg. Der Ueberfallene wiederum ſammelt ſeine Freunde und Nachbarn, vertheidigt ſich gegen den Ueberfall und harrt, wenn er ſich zu ſchwach fühlt, des günſtigen Augenblicks, um gleichfalls dem Feinde Heerden und Tabuns wegzunehmen. Nicht ſelten ent⸗ ſtehen aus dieſen nächtlichen Ueberfällen

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an und ſchützt ſich ſo durch eine Ein kleiner Theil nur, und zwar der tiefer im Lande noma⸗

das iſt

1 hartnäckige Kämpfe; Blut Einfalt ihrer wird vergoſſen, oder auch der Räuber zündet, nachdem er die Beute keit liegt viel

in Sicherheit gebracht, zur Vernichtung jeder Spur, die Steppen Feuermauer vor der Verfolgung des Gegners; oft werden ganze A⸗uls und ihre Bewohner der Flammen Speiſe.

Dieſe Vergeltungen wiederholen ſich fortwährend die Zahl der Antheilnehmenden vermehrt ſich; die gewalſam von Ort zu Ort getriebenen Heerden verkommen und die Rache bringt nicht allein Tauſende von Menſchen ins Elend, ſondern ſetzt ſich fort durch lange Jahre und wird zum Verhängniß von Geſchlecht zu

Geſchlecht. Diejenigen aber, welche in ähnlichen Unternehmungen ſich am meiſten auszeichnen durch Schlauheit, Muth und Verwe⸗ genheit, ziehen ſich nicht nur keine Schande zu, ſondern erwerben ſich vielmehr den Ehrennamen Batyr, d. h. Held.

Noch lange, ſcheint es, wird jenes Volk in derſelben groben Unwiſſenheit und in denſelben wilden Sitten verharren. Die Kirgiſen, wie jedes eingeborne Volk Aſiens, ſtoßen aus Trägheit oder aus Antipathie Alles von ſich ab, was ihre Gebräuche, Un⸗ ſitten und Vorurtheile verändern könnte, und es iſt zu bezweifeln, daß aus ihrem Schooße ein Geſetzgeber erſtehen wird, welcher ihnen den nöthigen Eintritt in die Bahn der Civiliſation und des Fort⸗ ſchritts eingebe. Dies ſtarre, ungemüthliche Leben, dieſe fortwäh⸗ renden Kämpfe mit den dringendſten Bedürfniſſen, dieſes mehr thieriſche als menſchliche Vegetiren baben etwas Betrübendes vom Standpunkte der Humanität; ir n fortwährenden Wanderun⸗ gen aber aus den Winterlagern en Frütling der Steppen, in dem Getümmel ihrer Berathungen, in dieſem ununterbrochenen Verkehr mit der gewaltigen Natur unter offenem Himmel, in dieſer Sitten und in ihrer wilden Liebe zur Unabhängig⸗ Reiz und Poeſie, die phyſiſche Kraft gibt der Jugend