Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
230
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Das Letztere ſagte Florita in einer ſo zerſtreuten, nachläſſigen Weiſe, daß Clairmont deutlich fühlte, wie weit ab ihr Herz ſeinen Wünſchen lag, wie er nur als Mittel zum Zweck gebraucht wurde. Er biß die Lippen zuſam⸗ men; in ſeiner Eigenliebe verletzt, wollte er eine ſcharfe Antwort geben; als er aber auf ſie blickte, verſtummte aller Groll. Hingeriſſen von den Leidenſchaften, welche ihre Bruſt durchſtürmten wie eine Rachegöttin, die im Be⸗ griff iſt den verderbenbringenden Strahl zu ſchleudern, ſo ſtand Florita vor ihm, und auch dieſer Zorn erhöhte den Zauber ihrer Schönheit, indem er durch neuen, diaboliſchen Reiz die Feſſeln, in denen ſie Clairmont hielt, noch en⸗ ger zog.

Er hatte ſie indeſſen zum Wagen geführt und, kühn gemacht durch ihr ſchweigendes Gewähren, neben ihr Platz genommen. Florita wußte kaum, daß ſie ihm eine Gunſt geſtattet, nach der er ſchon Wochen lang vergebens geſtrebt, und Clairmont freute ſich ihrer nicht mehr, denn er bemerkte

wohl, wie ſie ganz abſichtslos bewilligt wurde, wie die Ge⸗

danken ſeiner Begleiterin nur auf einen Gegenſtand gerich⸗ tet waren. Um ſo zu haſſen, um ſo nach Rache zu dürſten, wie grenzenlos, wie leidenſchaftlich mußte vorher die Liebe geweſen ſein! Dieſe Ueberzeugung entzündete auch ſeinen Haß gegen den Nebenbuhler, der freilich allem Anſchein nach die dargebotene Liebe verſchmäht hatte. Während

Herrmann Ohlen ahnungsvoll glücklich in die Zukunft

Und wer iſt die Dame, mit der ſich der Graf heut ſo viel beſchäftigte? fragte Florita mit bebender Lippe.

Die junge Gräfin Anna Lindau, die er ſchon lange durch beſondere Aufmerkſamkeit auszeichnet. Wenn Ihre Hoffnung ſich darauf gründet, an der etwas zu entdecken, was Ihrer Rache Vorſchub leiſten könnte, dann geben Sie dieſelbe gleich auf entgegnete Clairmont mit jenem ſcharfen Lächeln, das ihm eigenthümlich war.Dieſe Anna iſt das Mädchen par excellence, an der könnte und würde auch nicht der Neid den leiſeſten Tadel finden, an ihr glitte, glaub' ich, die ſchwärzeſte Verleumdung ſpurlos ab. Ja, ja, meine Gnädige, es geſchehen auch heut zu Tage noch Wunder; denn ein Wunder iſt es zu nennen, daß ein ſo hübſches Mädchen, nun ſchon ſeit einem Jahre in der Geſellſchaft lebend, auch nicht einen Widerſacher dort hat, nicht einmal unter den jungen Damen, und was noch mehr ſagen will, was wahrhaft unerhört in den An⸗ nalen der Creme iſt, nicht eine Feindin unter den Müttern! Die vortrefflichen alten Damen wahre Muſterbilder ſeit ſie alt geworden wiſſen doch ſonſt mit ſo echt chriſtlicher Liebe alle Fehler und Mängel an den gefeierten Schönheiten aufzufinden und durch ihr geſchicktes Aufde⸗

Schau zu ſtellen! Mit Gräfin Anna Lindau wird entwe⸗

cken derſelben die Vorzüge ihrer Töchter und Nichten zur

der eine Ausnahme gemacht, was fabelhaft klingt oder

ſie hat keinen Fehler; ſie iſt der Abgott aller alten Damen, ſchaute und keinen Gedanken für die Kunſtreiterin hatte, eine Art Liebling der ganzen Geſellſchaft, in der ſie nun

webte ſie ein dunkles Gewebe um ihn, thürmten ſich finſtere ſchon ſeit einiger Zeit lebt, ohne daß ihr Name auch nur Wolken über ſeinem Haupte zuſammen, die nur des gün- einmal in die chronique scandaleuse verwickelt war. Vor ſtigen Augenblicks harrten, ſich als ſchweres Ungewitter zu dieſer Güte, dieſer holdſeligen Freundlichkeit und Beſchei⸗ n entladen. Aber wie ſie ſich anſtrengten, die beiden Verbün⸗ denheit fühlen ſich ſelbſt die aͤrgſten Läſterzungen entwaff⸗ deten, um einen Makel an dem Verhaßten zu entdecken, net. Und dabei iſt ſie nicht etwa aus Beſchränktheit gut, d woran ſie die Fäden ihrer Rache anknüpfen und weiter wie es ſo oft in der Welt der Fall iſt, ſie beſitzt bei aller ſpinnen wollten, ſie fanden keinen; er ſtand, wenn auch Sanftheit einen geweckten Geiſt, ja ſogar Witz, und trotz 1 nicht überall geliebt, dennoch allgemein geachtet, ſeiner ihrer Schüchternheit hat ſie eine Art ihre Stellung zu be⸗

ſtrengen Grundſätze wegen ſogar gefürchtet da. haupten, die ſelbſt einem ſolchen alten Prakticus, wie ich V die natürlichen Grenzen dieſes Landes bilden, kommen mit zahl⸗ Die Geſchichte hat bis jetzt noch nicht den Urſprung der Kir⸗

reichen Ausläufern in ſeine Mitte herab und bilden mehr oder giſen erforſcht; es ſcheint jedoch, daß ſie ein Zweig jener zahlrei⸗ weniger Höhenzüge, welche ſich mit einem der beiden Gebirgs⸗ chen Stämme Mittelaſiens ſind, welche im 13. Jahrhundert unſe ſyſteme vereinigen. rer Zeitrechnung gewaltſam oder freiwillig unter die Herrſchaft 15

Dieſes Land hat keine Aehnlichkeit mit irgend einem Lande Dſchingis⸗Chans gekommen, mit dieſem ganz Aſien unterjochten, Europa's. Seinen ſüdlichen Theil nehmen die Sandwüſten Kara⸗ und ihre Kämpfe bis in die Mitte von Europa trugen, unter dem kum und Kizil⸗kum ein, im Volksmundedie Hungerſteppe ge⸗ gemeinſamen Namen derMongolen. 11. 1 naumt⸗Seine Mitte vom Kaspiſchen Meere bis zum Balchaſchſee Nach dem Untergange der Herrſchaft Dſchingis⸗Chan's, deſſen t bildet une ununterbrochene Reihe von ſalzigen oder bitterſalzigen Erinnerung bis auf den heutigen Tag fortlebt unter den Ange⸗ Seen, deren gr here, wie Meere, in verſchiedener Richtung fließende ſehenern der Kirgiſen, hauptſächlich nach der Zerſtreuung dergol⸗ 1 Flüſſe und lükchen aufnehmen, während die kleinern, theilweis denen Horde erſcheinen die Kirgiſen als ſelbſtändiges, unabhän⸗ 5 der gunz Si Binſen bewachſen, gleichſam grüne Oaſen bilden giges, die Religion Mohammeds bekennendes Volk. Es wählt 11 mitten in Sandwücten und öden, ſalzigen Ebenen. Das brachte ſeine Chane und theilt ſich in Horden, in die große, mittlere und

hel aturforſcher auf den Gedanken, daß dieſer ganze Raum ehe⸗ kleine; die Horden in Stämme, welche durch die Aeltern, das ſind B 1 der Boden eines weiten Oceans geweſen. Der nördliche die Sultane und Bije, aus ihrer Mitte erwählt, verwaltet wer. veh ndrichdiſ reicher an Vegetation, benetzt von den Flüſſen, und in ewigen Kämpfen mit den Nachbarn und fortwährenden Stepnen Norden ſtrönmten, und breitet ſich aus in unüberſehbare Zwiſten untereinander leben. Dies Land iſt ganz arm, ohne Waſſer, ohne Wald, ausgeſetzt Aus vielen Jahrhunderten ihrer Geſchichte, welche durch kein 1 den wildeſten Temperaturwechſeln. Im Winter bei 30 Grad Kälte ſchriftliches Denkmal verewigt wurde, exiſtiren kaum einige Namen, ſ wühlen Schnee⸗Orkane den ganzen Naum um von einem Ende deren Erinnerung in fremden Geſchichten oder in Ueberlieferungen le zum andern. Im Sommen bei 50 Grad Hitze ſpaltet ſich die Erde ſich erhielt. 3 ä. n tiefe Riſſe, in denen Thjex und Vogel Schutz vor der Gluth Erſt gegen die Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bewirkte w chen. Hes die wachſende Macht Rußlands, welches ſie von Norden her R Dies Land beſitzt, obgecch in den Ebenen zerſtreut liegende, mit dem Verluſte der Steppen, des einzigen Reichthums ihres Hir⸗ ſe bezeugen, daß es ei nſt von civiliſirten Völkern bewohnt tenlebens, bedrohte; ferner die mächtiger organiſirten Herrſchaften d nwärtig keine feſten Wohnſitze; denn die Kirgiſen haben von Turkeſtan, welche ſie im Süden in ihrem Tauſchhandel beengaa ſe lles ſtarke, geſunde, kräftige, in Mühen ausdauernde, ten; endlich das Bedürfniß der ſchwächern Stämme, Schutz vor

ulte, barbariſche, halbwilde Hirten⸗ und Nomadenvolk. den ſtärkern zu ſuchen, ſowie auch perſönliche Anſichten einiger 1