Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
223
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wie ich jetzt

Verehrer

S alen 4, 54 ſturm j accom⸗

2l. Tele⸗

galvyſo)

märzlichen, für den Royalismus und die

Nr. 14.) Dritte

Literariſche Beſprechungen.

Erinnerungsblätter von A. v. Sternberg. Dritter Theil. Leipzig, F. A. Brockhaus. 1857.

Herr v. Sternberg iſt uns mit einer politiſchen Anſicht zuletzt in ſeinemBerliner Carneval vom Jahre 1852 begegnet. Er ſtellte damals diehypochondriſche Be⸗ trachtung an, wie er ſie ſelbſt übertitelte, daß wahre Fröh⸗ lichkeit und Geſelligkeit aus der Welt verſchwunden ſei, ſeit der frühere durch die Geburt beſtimmte Unterſchied der Stände, die Trennung in herrſchende Grandſeigneurs und gehorſam dienende Habenichtſe aufgehoben ſei durch die Induſtrie. Die Armen, ſo meinte er damals, hätten die frühere nobele, ehrgeizige Ariſtokratie aus dem Wege ge⸗ räumt und ſeien nun von der geldgierigen Bourgeoiſie aufs Neue verdrängt, gegen die mit Recht ihre innerſte Menſchenwürde ſich empöre. Wie die alten Herren, ſo würden ſie auch die neuen todt ſchlagen, denn ſie wiſſen es, alsdann fällt Gold über Gold in die vorgehaltenen Hände der Mörder.Doch ſie warten noch mit dem Todtſchla gen, ſo declamirte Herr v. Sternberg wörtlich,man hat ihnen geſagt, ein gütlicher Vergleich werde noch Alles eini⸗ gen. Aber welcher gütliche Vergleich kann ſtattfinden mit dem feigen, ſchmuzigen, jeder Hoheit, jeder Würde ent⸗ kleideten Beſitz? Der Krieg iſt unvermeidlich, der Krieg, nicht um den perſönlichen Ehrgeiz der Fürſten, wie ihn frühere Jahrhunderte geführt, nein, der Krieg um das Hohe und dasNiedere in der Menſchenbruſt. Das Niedere muß herabgetreten werden, dasHohe muß wieder zur Geltung kommen; die moraliſche Würde, das große und ewige Heldenthum der Menſchheit, das eine in ihrem Innerſten entſittlichende und entnervende Induſtrie untergraben und geſtürzt hat, ſoll zur vollen Geltung kom⸗

men. Iſt das nicht ein Kampf des Blutes der Edelſten werth?

Es galt alſo damals, dasedle Volk, dieMenge

mit dem ewigen Heldenthum der Menſchheit in der Bruſt, der demokratiſchen Propaganda zu entreißen und ſie für die vergnüglichen und geſelligen Bedürfniſſe des Herrn A. v. Sternberg gegen die Bourgeoiſie, gegen das beſitzende und erwerbende Bürgerthum zu hetzen! Herr v. Sternberg aber hatte ja damals eben erſt gegen die Hohlheit der Phraſe vomedlen Volk und gegen die Unſittlichkeit der Demagogie bändereiche und gar nicht geiſtloſe Romane ge⸗ ſchrieben: wie kam er nun plötzlich zu dieſer hohen Begeiſte⸗ rung für die Canaille und dieſer Anſtrengung für neue de⸗ magogiſche Propaganda? Er ſelbſt gab als Einleitung zu dem citirtenBerliner Carneval in einem, wie er ſagt, Joyeuſen Vorbericht Bericht und Aufklärung darüber. Er erklärt darin frei und offen, wie es dem Cavalier ge⸗ ziemt, zunächſt daß ſein vormärzliches Cokettiren mit dem Liberalismus das frivole Tanzen einer Art von Menuette Cancan geweſen ſei, daß er aber auch über jene nach⸗ Ariſtokratie ge⸗ ſchriebenen Bücher den icht geſchrieben zu haben.

2 os dem Autor gedankt, 4 die zu ſeiner Partei

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Denn Niemand, ſo ſagt er dankt es ſich ſelbſt nicht. gehören, ſind in Deutſch⸗

folge.

naufrichtigen Wunſch hege, ſie

(land wenig bekümmert um das, was für ihre Intereſſen durch die Feder gewirkt wird, ſo dankbar ſie ſind für das, was das Bajonnet ihnen einbringt.

Sonderbares Cavalierthum, das Du ſo raſch, ſo oft und ſo entſchieden mit Deiner Farbe wechſeln und die Fri⸗ volität Deines Leichtſinnes oder die egoiſtiſchen Abſichten Deiner Berechnung auch noch ſo frank eingeſtehen darfſt! Und da will man auch noch ſagen, Du genöſſeſt keiner Vorrechte mehr, keiner Bevorzugung im öffentlichen Leben! Denken Sie ſich, meine Leſerinnen, Einer von uns biedern, honetten, bürgerlichen Literaten wollte ſo im Handum⸗ drehen vom prononcirten Liberalen zum Stimmführer der Contrerevolution und wieder zum Erfinder einer neuen Re⸗ volution auf eigne Fauſt avanciren, und er wollte auch noch eingeſtehen, daß er nur aus gekränkter Eitelkeit und Eiferſucht mit dem Kriegerſtolze ſolche Avancements vor⸗ nehme, würde man nicht von allen Seiten Ehrentitel wie verruchter Geſinnungspfuſcher, impertinenter Juden⸗ junge u. a. mehr und weniger geiſtreiche für ihn in Be⸗ reitſchaft halten? Auf einen Herrn von X. aber paſſen alle dieſe menſchlichen Branchen nicht, und wenn ſie auch auf ihn paßten, ſie tangiren ihn nicht, denn er iſt etwas, das über alle dieſe Ehrenſtufen und ihre Unterſchied un⸗ endlich erhaben iſt, und wenn er ihnen allen wirklich unter⸗ worfen wäre, er wäre doch immer noch das Eine, was er allein ſein will und ſein kann, er wäre und bliebe Ca valier.

Auch jener Krieg, der damals 1852 provocirt werden ſollte, der Krieg um das Hohe und Niedere in der Menſchenbruſt, der Krieg gegen die ſchändliche entſitt⸗ lichende und entnervende Induſtrie, der Krieg, der des Blutes des Edelſten werth ſei, nachdem die militäriſche Reaction ſeine Feder nicht hoch genug geſchätzt hatte, auch er hat den geiſtvollen Schriftſteller nicht verſchlun⸗ gen; Herr v. Sternberg iſt noch immer nicht Märtyrer geworden, er griff zur Feder und ſchrieb lieber ſehr amu⸗ ſante, wenn auch nicht ganz anſtändige Romane wieMa⸗ cargan unddie Ritter von Marienburg und ſchrieb endlichErinnerungsblätter, Erinnerungsblätter, in denen er Jedem eine Artigkeit ſagen konnte, dem er ſie aus irgend einem Grunde ſagen wollte, und in denen er Jeden, der ihm einmal Aerger oder Neid erweckt hatte, einen Judenjungen oder ſchlimmer zu ſchimpfen Gelegen⸗ heit hatte, und durch die er endlich für eine etwaige neue Conſtellation politiſcher Situationen auf neue Möglichkei⸗ ten ſich vorzubereiten verſuchen durfte.

Wenn man Talent und Charakter als entgegengeſetzte Pole menſchlicher Entwicklung bezeichnen darf, ſo iſt wohl Herr v. Sternberg als einreines Talent, als eins der reinſten Talente von der Welt anzuſehen. Er iſt der Heinrich Heine der Novelle und der Memoiren, für die Darſtellung in Proſa vielleicht noch begabter, wenn auch nicht ſo claſſiſch wie jener, weil er ariſtokratiſcher, d. h. in dieſem Falle nachläſſiger in ſeiner Schreibweiſe iſt. Ein Hauptkennzeichen des Talentes erſcheint uns nothwendig das, daß es amuſire; in der Schule und aus unſeren äſthe⸗ tiſchen Büchern erfahren wir freilich faſt nichts davon, was dazu gehöre und wie anerkennenswerth es ſei, wenn die Kunſt der Welt ein wenig Spaß mache; deshalb werden von den Gebildeten bei uns die Talente der Gegenwart