V. Jabrg.
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Aber— da beſinne ich mich zur rechten Zeit, daß Sie einander noch gar nicht vorgeſtellt ſind! Ich bitte tauſend⸗ mal um Entſchuldigung! Schwerlich dürften Sie bis zu dieſer Stunde von Ihrer beiderſeitigen Exiſtenz eine Ah⸗ nung gehabt haben. Das kann Niemand beſſer wiſſen als ich.
Sie dürfen mir aber aufs Wort glauben, daß Sie, meine Damen, ganz vortrefflich zu einander paſſen— ſchon zufolge des alten Lehrſatzes aus der Geometrie(den ich heute freilich nicht mehr beweiſen könnte), daß zwei Größen, die einer dritten ähnlich ſind, ſich ſelbſt ähnlich ſind. Da⸗ mit will ich nun zwar nicht geſagt haben, daß wir uns für „Größen“— ſeien es muſikaliſche, literariſche oder ſonſtige — halten ſollen. Im Gegentheil iſt Selbſterkenntniß un⸗ ſere gemeinſame Tugend.
Aber hier iſt ja vorläufig noch nicht von Kunſt, ſon⸗ dern nur erſt vom Euklid die Rede. Und im Sinne dieſes, übrigens ſehr trocknen„Claſſikers“(den Sie niemals ſtu⸗ diren ſollen) verſichere ich Ihnen, daß Sie Beide ſo über⸗ aus ähnliche weibliche Seelen⸗Größen ſind, daß es ſehr zu bedauern wäre, wenn Sie Ihre gegenſeitige Bekanntſchaft durch meine Vermittelung nicht gemacht hätten. Sie haben überdies, ohne es zu wiſſen, ſchon längſt Ihre Viſiten⸗Kar⸗ ten ausgetauſcht— nämlich durch die Werke unſerer gro⸗ ßen Zukunfts⸗Muſiker!
Oder verlangen Sie einen noch ſchlagenderen Beweis für Ihre Sympathie? Nun, ſo vernehmen Sie, daß ich in derſelben Woche von Ihnen Beiden ſehr graziöſe Briefe er⸗ hielt, die dem beglückten Empfänger faſt wörtlich denſelben Inhalt enthüllten.
Sie klagen Beide:„Wie glücklich ſind Sie doch in Ihrem Deutſchland!“— Nicht immer, meine Verehrteſten. Am wenigſten dann, wenn ich mich erinnere, wie weit ich von Ihnen getrennt bin!—„Sie können an der Quelle der Kunſt ſchöpfen; Sie dürfen mit den größten Meiſtern
der Gegenwart verkehren; Sie können ſie ſehen und ſprechen, Sie können ihre Werke hören und ſtudiren! Wir aber ſitzen wie Gefangene in fremden Landen und ſuchen um uns herum vergeblich nach künſtleriſcher Anregung, nach vorurtheilsfreier Belehrung, nach muſikaliſchen Genüſſen in unſerem Sinne,— kurz nach Sympathie für unſere Em⸗ pfindungen!“— 4
Was die letzteren betrifft, ſo erlauben Sie mir wohl die Bemerkung, daß man die Sympathien für die Kunſt, die Sie fühlen— jenes ſich ſelbſt vergeſſende Aufgehen im Kunſtwerk, jenes begeiſterte Nachempfinden der Schöpfungen eines gottbegnadeten Künſtlers— nicht nur in Peters⸗ burg und Zürich, ſondern in der ganzen Welt mit der Diogenes⸗Laterne ſuchen könnte! Aber daß Sie der geiſti⸗ gen Nahrung für Ihre innere Welt mehr und ſchmerzlicher ſentbehren müſſen als Andere, die den Centralpunkten deutſcher Künſte näher ſind; daß Viele ſogar beſitzen, was Ihnen unerreichbar ſcheint, aber ebenſo Viele das Er⸗ habene und Schöne, was darin lebt, nicht zu erkennen und zu ſchätzen wiſſen— das weiß ich nur zu gut und be⸗ dauere es mit Ihnen von Herzen.
Könnte ich Ihnen nur in Ihrer muſikaliſchen Noth helfen! Könnte ich Sie nur im Geiſte zu mir verſetzen! Denn leider iſt unſer ingenieuſes Jahrhundert die höchſt wichtige Erfindung uns bis jetzt noch ſchuldig geblieben, Concert⸗ und Opern⸗Aufführungen durch den Telegraphen zu translociren. Ein vielverſprechender Anfang dazu iſt allerdings durch das neueſte Verfahren gemacht worden, verſchiedene Pianoforte durch den elektromagnetiſchen Strom in Verbindung zu ſetzen und zugleich erklingen zu laſſen. In Anbetracht der ohnehin ſchon ſehr reſpectablen Anzahl von Klavier ſpielenden Virtuoſen und Dilettanten hat dieſe neueſte Nachricht allerdings bei den Muſikern ge⸗ rechte Beſorgniß erregt, indem man nunmehr Gefahr läuft jeden Klavierſpieler ſich verdoppeln, verdreifachen, ja verzehnfachen zu ſehen und— zu hören!— Aber halten
für unmöglich und verlangte den Beweis,
1 obſchon der Beweis freilich überwältigend hätte ſein müſſen, ehe ich ſo etwas von Goethe glaubte. Indeß der Beweis blieb aus. Schon hatte ich die Sache ganz vergeſſen, als ſie mir noch einmal vorgebracht wurde, und noch dazu in Weimar. Da ſtellte ich die nöthigen Nachforſchungen an und fand, daß der Klatſch auf folgender Grundlage beruhte. Der Kaiſer von Rußland hatte für den be⸗ rühmten Chemiker Döbereiner eine große Platinaſtufe nach Wei⸗ mar geſchickt. Sie wurde an Goethe gegeben, der ſie prüfen, Ver⸗ ſuche daran machen und ſie dann nach Jena an Döbereiner ſchicken ſollte. Goethe, der für Mineralien bekanntlich eine wahre Nadnn ſchaft hatte, ſtellte ſie zu ſeinen liebſten mineralogiſchen Schätzen, freute ſich an ihrer Betrachtung und konnte ſich endlich nicht mehr davon trennen. Döbereiner wurde ungeduldig und ſchrieb ihm darum. Keine Antwort. Er ſchrieb wieder; abermals vergebens. Es ging ihm wie einſt dem Profeſſor Büttner mit ſeinen Prismen und optiſchen Inſtrumenten, die er auch von Goethe nicht wieder ekommen konnte. Goethe verſchob die Abſendung weiter und weiter; endlich verlor Döbereiner die Geduld und beſchwerte ſich beim Großherzoge. Karl Auguſt lachte:„Laßt den alten Eſel in Ruhe! Ihr bekommt's doch nie von ihm. Ich will den Kaiſer um
Hierher gehört auch, daß Goethe in ſeiner erſten weimar'ſchen Zeit hundert Stiche von Albrecht Dürer dan Knebels Baniihen entnahm, um ſie zu Haufe mit Muße zu ſtudiren, und daß ſie Knebel nie wieder zu ſehen bekam. Nun war dergleichen zwar in der Genieperiode ganz gewöhnlich, wo man alles Mögliche von einander lieh und ans urückgeben nie dachte, und auch heute noch gibt es Leute genug, die im Behalten geborgter Bücher, Regen⸗
ſchirme u. dgl. ein gar weites Gewiſſen baben; aber zu rechtfer⸗ igen iſt es doch nicht, und ich will's nicht entſchuldigen. Mag der Leſer daher über ſolche Leichtfertigkeiten ſo ſtrenge urtheilen, wie es ihm gut ſcheint; nur verſchone man uns künftig mit Ge⸗ ſchichten wie die, Goethe habe ein Stück Gold oder eine Platina⸗ ſtufe geſtohlen.
Mit Döbereiner verfolgte er in jenen Jahren alle neuen Er⸗ ſcheinungen, welche die fortſchreitende Chemie der erſtaunten Welt vorführte, und durch die anregenden Auffaſſungen des univerſellen Dichters war der Gelehrte für jenen angeblichen Diebſtahl ſomit reichlich entſchädigt.
Raritäten aus dem Naturaliencabinet Münchhauſen’s.
Der Streitkolben eines Patagonier⸗Häuptlings, angefertigt aus einer durch das Hydro⸗Oxygen⸗Gasmikroſkop vergrößerten Froſchkeule.
Ein verſteinerter Blitzſtrahl, von dem Sammler ſelbſt auf den Himalaja eingefangen.
Eine eingefrorene Gewitterwolke vom Chimboraſſo.
Eine eingeſalzene Honigſcheibe aus einem urweltlich nenſtocke.
Ein Stück von dem Regenbogen, der 5 der Arche Noah's zeigte.
Ein transportables Echo, welchezz aufgeſtellt werden kann und ſiebzeha
Die Räder von dem Muſche
Ein elektro⸗magnetiſcher
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