Muſikaliſche Briefe.
Von einem Zukunftsmuſiker an zwei Enthuſiaſtinnen.
An Marie v. P. in St. Petersburg
und Lena P. in Zürich.
Man weicht der Welt nicht ſicherer aus, als durch die Kunſ Und man verknupft ſich nicht ſicherer mit ihr als durch die Kunſt. Goethe.
J.
Gegenſeitige Bekanntſchaft und allſeitige Wünſche.— Was man in zwei Briefen alles fragen kann.— Ein Vorſchlag zur Güte und ſeine bedenklichen Folgen.
Muſik iſt der Schlüſſel zum weiblichen Herzen.
Seume.
Könnten wohl drei Muſik⸗Enthuſiaſten in der civili⸗
ſirten Welt weiter von einander getrennt ſein als wir, meine Damen?
Sie, hochverehrte Frau Staatsräthin, in der glänzen⸗ den Metropole des Nordens, in der ſchneebedeckten Reſi⸗ denz der Czaaren, am äußerſten Bollwerk, welches deutſche Sprache und Intelligenz nach Oſten hin beſitzt;
Sie, meine liebenswürdige Zukunfts⸗Schwärmerin, im letzten Centralpunkt deutſcher Bildung nach Süden zu, im ſonnenbeglänzten Limmat⸗Athen, wohin die Lüfte Ita⸗ liens und die Stürme Frankreichs dringen, am Fuße der ſchneebedeckten Alpen, umſpült von den Wellen eines tief⸗ blauen Schweizer⸗Sees.
Und ich?— Leider gleich weit von Ihnen Beiden entfernt, bald hier, bald dort, wie es mein Beruf im Dienſte der Kunſt mit ſich bringt— aber doch immer„im kälteren Deutſchland,“ das zwiſchen der Temperatur Si⸗
ten ſucht. menswerthen Neutralität in der Temperatur— zwiſchen
biriens und Italiens„die goldene Mittelſtraße“ einzuhal⸗
Und wie mein liebes Vaterland ſich einer rüh⸗
den Extremen Ihrer beiderſeitigen Heimath bewußt iſt: ſo
gebe auch ich mir alle ordentliche Mühe, in meinen Ge⸗ fühlen zwiſchen Ihnen möglichſt neutral zu bleiben!
Und doch verbindet uns ein gemeinſchaftliches Band, das feſter hält als alle diplomatiſchen Friedensſchlüſſe und
Völker⸗Freundſchaften; das uns ſchneller ſich zu verſtän⸗
digen erlaubt als ſämmtliche Staatstelegraphen und Cabinets⸗Couriere; das tiefer in die geiſtigen Beziehungen unſers Lebens eindringt, als je einem Polizeiminiſter mög⸗ lich wäre: es iſt das geheiligte Band der Sympathie für
eine erhabene Kunſt, der wir die ſchönſten Stunden, die
reinſten Freuden unſers Lebens zu danken haben.
„Welche Stunden und Seelen und Körper müßten ſich aneinander reihen, um Dir nur eine einzige Innenfeier zu bereiten, wie Du ſie von der Tonkunſt in einer Minute, wie von unſichtbaren Händen, empfängſt! Habe groß und ſelig geweint, wie Du willſt: die Tonkunſt ſpricht Dir Dein Herz nach und bringt Dir alle Thränen wieder“ — ruft unſer herrlicher Jean Paul begeiſtert aus— und wir rufen's mit ihm.
Vielleicht ſitzen Sie, meine lieben Freundinnen, zu der⸗ ſelben Stunde, wo ich an Sie gemeinſchaftlich ſchreibe, auch Beide vor Ihren Flügeln. Und durch die gefrornen Doppelfeſter in der Newsky'ſchen Perſpective breitet ſich jetzt mit gedämpftem Schall Liszt's ſehnſuchtsvolle Träu⸗ merei an den Ufern des Wallenſee's über die weite Schnee⸗ fläche aus— und durch die grünen Jalouſien am Züricher See ſchwingt ſich Elſa's:„Des Ritters will ich wahren, er ſoll mein Streiter ſein!“— zum lachenden Himmel empor.—
Weit gefehlt habe ich ſicher nicht!— denn mein rech⸗ tes Ohr iſt eben jetzt nach Nord⸗Oſten und mein linkes nach Südweſten gerichtet, und ich glaube in beiden etwas „Zukunft“ zu hören!—
George Sand ferner:.
Die Weſen, welche uns die lebhafteſte Neigung einflößen, ſind nicht immer die, welche wir am meiſten achten.
Frau von Staël:— Die Leidenſchaften haben den Anſchein der Unabhängigkeit,
und in der That gibt es doch kein Joch, das ärger knechtet. , Büffon: 77 Bei der Liebe iſt nur das Phyſiſche allein gut.
In dem Alter, wo die Frauen anfangen weniger liebenswür⸗ dig zu ſein, verſtehen ſie es viel beſſer zu lieben. Montaigne: Die Eiferſucht iſt die gefährlichſte Leidenſchaft der Frauen, wie der Kopf ihr gefährlichſtes Glied. La Rochefoucauld: Nur die Perſonen, welche es vermeiden Grund zur zu geben, verdienen, daß man eiferſüchtig auf ſie ſei.
Eiferſucht
Der Prinz von Ligne: Die Eiferſucht währt länger als die Liebe. Man iſt einander ſchon ziemlich fremd, vielleicht ſogar ſchon anderweitig gefeſſelt, und bildet ſich noch immer ein Rechte zu haben. Das kommt da⸗ — her, weil djsl Figenliebe ſpäter verſchwindet, als die Liebe entflieht.
Fontenelle:. Die Frauen lieben es nicht, daß ein Liebhaber zu lange ſchmachtend ſei. Das Schmachten hat ſeine Rechte; aber wenn es V zu lange dauert, wird es langweilig.
Jean Paul: Neue Liebe gleicht den jungen ten Wärme bedürfen; ſpäter fordern
Vögeln, welche nur einer ſanf⸗ ſie auch Nahrung. 49,
V Ninon de Lenclos: 5 V Die Liebe iſt nie ſo heftig, als wenn man ſie in Folge eines Streites entfliehen zu ſehen fürchtet. Sie lebt in Stürmen; bei ihr iſt Alles krampfhaft; will man ſie in Regeln zwingen, ſo welkt ſie hin und ſtirbt.
V Beaumarchais:
Redliche Männer lieben die Frauen, die, welche ſie betrügen,
V beten ſie an.
Eine Frau gleicht unſerem Schatten: folgen wir ihm, ſo
flieht er; fliehen wir ihn, ſo folgt er uns. a.
goethe— ein Dieb!
Gcooetbe ſoll eine Stange Gold geſtohlen haben. Als ich das zum erſten Male börte, erzählt Lewes, es allen Ernſtes als eine
Thatſache erzählen hörte, die bewieſen werden könne, erklärte ich es— der Leſer kann denken mit welcher Indignation-— ſchlechthin
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