„Eine Dame?“ fragte Schluter erſtaunt.„Wo iſt ſie denn, Excellenz?“
Der Graf heftete ſeine Blicke forſchend auf das große Bogenfenſter, in deſſen hellem Licht er die Dame vorher mit unverkennbarer Deutlichkeit geſehen. Jetzt ſtand ſie nicht mehr dort,— die Galerie war leer.„Sie haben alſo V
Novellen-Zeitung.
vergeſſen die untere Thür dort zuzuſchließen, und während
ich mich zu Ihnen wandte und Sie ausſchalt, iſt die Dame durch die offene Thür entflohen,“ rief der Graf, während er eilig vorwärts ſtürzte und jetzt am Ende der Galerie an die Thür faßte, die von dort auf den äußern Corridor führte.
Aber dieſe Thür war verſchloſſen,— vergebens rüt⸗ telte der Graf am Schloß,— die Thür war und blieb ver⸗ ſchloſſen!
„Bei Gott, das iſt ſeltſam,“ murmelte Graf Münſter, indem er die Hand ſinken ließ.„Ich habe ſie doch ganz deutlich geſehen, es iſt unmöglich, daß ich mich getäuſcht habe! Wo iſt ſie geblieben? Was iſt aus ihr geworden? Wo kann ſie ſich verſteckt haben?“
„Was wird aus dem letzten Seufzer eines Sterben⸗ den, Excellenz?“ fragte Schluter feierlich.„Wo verſtecki ſich die Seele, wenn ſie dem Körper entflieht?“
„Ach, Unſinn,“ rief Graf Münſter.„Hier kann von einem Geſpenſt gar nicht die Rede ſein. Es iſt ja nicht einmal die Geiſterſtunde, und überdies habe ich die Dame ganz deutlich geſehen. Es war eine durchaus körperliche und irdiſche Geſtalt. Ihr Geſicht war bleich und ernſt, aber nichts Geſpenſterhaftes war darin. Sie trug einen ſchwarzen Schleier, den ſie von ihrem Antlitz zurückgeſchla⸗
gen hatte; den obern Theil ihrer Geſtalt bedeckte“—
„Ein dunkler pelzverbrämter Ueberwurf,“ unterbrach
ihn Schluter gelaſſen.„Unter dem dunklen Ueberwurf e Seidengewand, das in
aber hervor kam das weite, weiß vowellen Falten bis zur Erde herniederwallte.“
„Ja, ja, gerade ſo war ſie angezogen,“ rief der Graf. „Woher wiſſen Sie das aber, da Sie ſie doch nicht ſahen?“
„Es iſt der Anzng der weißen Frau, Ereellenz,“ ſagte Schluter,„und ſie war es, die hier ſo eben durch die Galerie gewandelt iſt. Belieben der Herr Graf nur jetzt mit mir hinüber zu gehen nach dem andern Schloßflügel und ſich das Bild anzuſchauen, Ew. Excellenz werden ſich dann überzeugen, daß ich die Wahrheit ſagte.“
„Nein, nein, ich will nichts mehr ſehen,“ rief Graf Minſter, deſſen Wangen bleich geworden waren und der ſein Herz wie von Todesſchauern überrieſelt fühlte. „Schließen Sie die Thür auf, Schluter! Ich will hinaus! Die Luft iſt hier ſchwül und beengt! Fort! Fort! Mein Gott, ſo öffnen Sie doch!“
Der Caſtellan öffnete die Thür, und Graf Münſter ſtürzte hinaus auf den Corridor, um dort ein Fenſter zu öffnen und in langen haſtigen Zügen die friſche Luft ein⸗ zuathmen.
In dieſem Moment vernahm man in der Ferne lautes Schreien und Rufen, und zu gleicher Zeit ſtürzte der Kam⸗ merdiener des Grafen athemlos über den Corridor daher.
„Excellenz, der Kaiſer kommt,“ rief er haſtig.„Er iſt ſchon in das Thor eingezogen, das Volk in den Straßen begrüßt ihn mit lautem Vivatrufen. Ich bin gelaufen, ſo ſchnell ich konnte, um es Ew. Excellenz zu melden.“
„Es iſt gut, ich komme ſchon,“ ſagte der Graf vor⸗ wärts eilend. Aber an dem Ende des Corridors wandte er ſich noch einmal um und winkte den Caſtellan zu ſich heran..
„Schluter,“ flüſterte er leiſe,„wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt, ſo ſagen Sie kein Wort über das, was hier ſo eben geſchehen iſt. Es muß ein ſtrenges Geheimniß bleiben!“
„Ein Geheimniß!“ brummte Schluter vor ſich hin, ündei er dem enteilenden Grafen mit einem leichten Ach⸗
ſelzucken nachſchaute.„Die weiße Frau wird's ſchon ſo ein⸗ I zurichten wiſſen, daß Er wenigſtens ein bischen von dem
ſetzung hatte ich noch einige Zeit eine Dienerſchaft; als mein Ver⸗ ß und da mußten die Leute in den Als ich nun arm geworden, da iſt es mir einſt in Frankfurt begegnet, daß Schlafengehen meine Stiefel vor die Thür geputzt wer⸗
den könnten. Am Morgen aber fand ich ſie noch ungeputzt vor der
Nachbarthür ſtehenden ge⸗ Menſchen er⸗ Dienſt mehr von ihnen anneh⸗
mögen ſchmolz, entließ ich ſie, Wirthshäuſern dieſe kleinen Dienſte
bei mir verrichten.
ich des Abends beim geſetzt hatte, damit ſie vom Hausknechte geholt und
Thüre ſtehen, ungeachtet die vor der putzt waren. Damals habe ich die Verachtung der kannt, und ſeitdem darf ich keinen ſt men und dulden!“
Wann er ſo des Abends bei Mutter und Tochter allein ge⸗ weſen, dann hat er oft ſtundenlang geſprochen, auch erzählt, an⸗ Ende jedoch
fangs immer zuſammenhängend und klar, gegen das
hat eer ſich häufig verwirrt ß ihn allerhand fire Ideen beherrſcht haben Stube auf⸗ und abgegangen. argwöhniſch gezeigt. Wenn z. Fenſter geſpielt erhitzt geklagt, zu turbiren, wandten!
Als er Aachen verlaſſen, hat er beim Abſchiede, als Mutter und Tochter geweint, der letzteren eine kleine eiſerne Kette, woran geſchenkt und ſie gebeten:„ſelbe in Geſchenk eines verarmten
er ſonſt ſeine Uhr getragen, Ehren zu halten, denn es ſei das letzte Königs.“
„ſo daß man hat merken können, daß ;er iſt dabei ſtets in der Oft hat er ſich ſehr aufgeregt und B. die Straßenkinder vor dem und etwa viel Lärm gemacht haben, hat er ganz das ſtifte die Regierung an und bezahle es, um ihn und ſie erhielte das Geld dazu von ſeinen! Ver⸗
Aus der Geſchichte. Peter der grauſame oder der gerechtigkeitsliebende.
In unſeren Zeiten ſcheint es ſchwer, die beiden Beinamen zu vereinigen, welche die Geſchichte dieſem Könige Spaniens beilegte, und gleichwohl iſt nichts leichter, wenn man den Charakter der Zeit in das Auge faßt, zu welcher Peter regierte, der übrigens häufiger mit dem erſten als mit dem zweiten Beinamen belegt
wird.— Frankreich Mittel an:
Mit Ludwig XI. von Zweck, wendete die gleichen; die Großen, ſchonte oder ſchützte. übte die keit oft ſelbſt, aber auf ſeine Weiſe, und hinterließ ein mit und Entſetzen gepaartes Andenken, und Theilnahme des Volkes gewonnen hatte. nen ein Werkzeug der Vorſehung in den Händen it Einige Anekdoten mögen zeigen, auf welche Art dieſer ſeine Gerechtigkeitsliebe bethätigte.
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gens ſehr früh, r Häuschen in einer der Straßen von Sevilla. ſtohlen fort, ſo daß er offenbar ſeine Gründe hatte, kannt werden zu wollen. Das hätte ein
ſichtigkeit beging ihn zu erkennen.
kaum hatte er den Namen des Königs genannt, niß dieſes nächtlichen Ganges um jeden Preis
verfolgte er den gleichen er vernichtete oder drückte die Kleinen, übte die Gerechtig⸗ Schrecken während er zugleich die Liebe Kurz, Beide ſchie⸗ der Zeit zu ſein. Mo⸗
— Eines Abends ſehr ſpät, oder vielleicht auch eines Mor⸗ verließ der König heimlich ein unanſehnliches Er ſchlich ſich ver⸗ um nicht er⸗ Unglücklicher beachten V ſollen, der ihm in der einſamen Straße begegnete und die Unvor⸗ Zu ſpät ſah er den Fehler ein, den er begangen hatte und den er mit dem Leben büßte; denpe der das Geheint bewahrt wiſſs w „ 1
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