Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
197
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Nr. 13.)

Und ich ſagte Ihnen, Sie möchten es ruhig daſtehen laſſen und nicht mehr verſuchen es an der Wand aufzu⸗ hängen. Das große Bild iſt zu ſchwer für einen Nagel.

Drilte golge.

Wenn das große Bild an der Wand hängen wollte,

ſo würde es von dem kleinſten Nagel ſich halten laſſen, ſagte Schluter kopfſchüttelnd.Aber die weiße Frau will auf ihren eigenen Füßen ſtehen, und keine Menſchengewalt kann ſie halten.

Schluter, ich wiederhol' Ihnen, Sie ſind ein Träu⸗ mer, rief der Graf ungeduldig.Sprechen wir nicht mehr von dem Spuk. Es wird Einem ganz unheimlich dabei zu Muthe. Sagen Sie mir nur noch, ob Sie das Bild

auch gewiß ſo weit entfernt haben, daß es dem Kaiſer nicht

unter die Augen kommen kann?

Als ich vor einer Stunde drüben war, ſtand das Bild noch im Cabinet neben dem Audienzſaal. Aber wer kann wiſſen, was ſeitdem geſchehen ſein mag!

Nun, es iſt einmal Ihre fixe Idee! ſagte der Graf achſelzuckend. ſind vortrefflich eingerichtet, und ich finde nichts mehr daran zu erinnern. gangsthür ab und laſſen Sie uns durch die Palmengale⸗ rie, durch welche der Kaiſer hier eintreten muß, hinaus⸗

en.

Haben Ew. Excellenz nur die Güte voranzugehen, ich

Schweigen wir davon! Die Zimmer hier

den angebrachten Malerei tropiſcher Gewächſe den Namen Palmen⸗Galerie gegeben.

Eine tiefe lautloſe Stille herrſchte in der Galerie, durch die von dunklen Vorhängen beſchatteten Fenſter warf die Abendſonne ihre Strahlen und zog lange zitternde Silberſtreifen durch den hohen Raum. Die Schritte des Grafen hallten dröhnend von den Wänden wieder, daß der Graf ſelber davor erſchrak und ſeine ſcheuen ängſtlichen Blicke ſpähend um ſich herwarf.

Plötzlich erbebte er in jähem Schreck und that raſch einige Schritte vorwärts. Er hatte da an dem unteren Ende der Galerie ſich etwas bewegen geſehen, es war ihm als habe er ſich nähernde Schritte gehört. Ja, er hatte ſich nicht getäuſcht, jetzt ſah er es ganz deutlich. Eine Dame ſchritt von dem unteren Ende der Galerie daher. Die Strahlen der Abendſonne beleuchteten ihre hohe Ge⸗ ſtalt und warfen goldene Lichter über das weiße Gewand, das weit und in vollen Falten bis über ihre Füße nieder⸗ wallte. Mit langſamen Schritten kam ſie näher, ganz un⸗

bekümmert um den Grafen, der ſie anfangs erſtaunt an⸗

Schließen Sie nun die vordere Ein-

werde die Thür abſchließen und gleich nachfolgen, ſagte

der Caſtellan, indem er eiligſt durch die geöffneten Zim⸗ mer dahin ging.

Graf Münſter ſchritt langſam weiter, gedankenvoll vor ſich hinſchauend, voll innerlichen Bebens über den uner⸗ ſchütterlichen Aberglauben des Caſtellans, den zu verlachen alle hinausgejagt und die Thüre ſelbſt hinter ihnen ver⸗

und zu verſpotten ſein Verſtand ſich vergeblich bemühte. Und es iſt doch Thorheit, nichts als Thorheit, mur⸗

melte er leiſe vor ſich hin, indem er jetzt die hohe Saal⸗

r öffnete und hinaustrat in den Vorſaal, dem man we⸗ ſeiner Länge und Schmalheit und der auf den Wän⸗

blickte und ſich dann mit zürnendem Anlitz an den Caſtel⸗ lan wandte, welcher eben hinter ihm in die Galerie trat.

Sie haben alſo meine Befehle doch nicht reſpectirt, Schluter, rief der Graf heftig.Es war ausdrücklich be⸗ fohlen, daß die Zimmer verſchloſſen bleiben ſollten bis zur Ankunft des Kaiſers und daß Niemand hier herein kom⸗ men ſollte. Wie können Sie ſo vermeſſen ſein meinem Befehl nicht zu gehorchen?

Aber, Excellenz, ich habe ja gehorcht, rief Schluter. Keine Menſchenſele außer den Bedienten hat hier eintre⸗ ten dürfen, und auch die habe ich ſchon vor zwei Stunden

ſchloſſen. Wenn das wahr wäre, wie kommt es denn, daß ſich hier in der Galerie noch eine Dame befindet? fragte Graf

Münſter, indem er mit der Hand vorwärts deutete. 90

weſen, und des Mittags ſein Gemüſe für 1 Gr. ſelbſt heraufge⸗

holt. Jeden Mittag habe er dann ſeine Zeche bezabhlt, das ſei aber immer Alles, ohne daß ein Wort gewechſelt wäre, vorüber gegan⸗ gen. Nachdem er wohl ſchon zwei Wochen im Hauſe geweſen, habe er eines Tages ſein Eſſen geholt, als eben Niemand, als ſie, in der Küche geweſen. Da habe ſie auf das Gemüſe eine Carbo⸗ nade gelegt. Sobald er es geſehen, habe er geſagt, ſie ſolle das

Fleiſch herunter nehmen, das bezahle er nicht; da habe ſie geant⸗

wortet:Ich habe ja keine Bezahlung verlangt, aber wenn Sie nichts als Gemüſe eſſen, ſo muß das ja Ihrer Geſundheit ſchaden, und dann werden Sie doch nicht ſo hochmüthig ſein und das ver⸗ achten, was ich Ihnen aus gutem Willen vorſetze. Da habe er gelächelt und geſagt:nein, mein Kind, hochmüthig will ich nicht ſein! Von da an habe er geduldet, daß ſie ihm zuweilen etwas Fleiſch zum Gemüſe gelegt habe, doch nur von ihr; habe etwa in ihrer Abweſenheit die Köchin dies gewagt, ſo habe er das ſcharf zurückgewieſen. Gegen ſie ſei er nun immer freundlicher gewor⸗ den, und als eine Erkältung ihn gezwungen, ein paar Tage das Zimmer zu hüten, und ſie ihm nun immer ſelbſt Frühſtück und Eſſen beraufgetragen, ſei er allmählich geſprächiger geworden und babe ſſie gebeten ſich eine Weile zu ſetzen, worauf ſie dann meiſt des Nachmittags ihre Arbeit mitgebracht und ihm eine Stunde und länger Geſellſchaft geleiſtet habe; ja, als er wieder beſſer ge⸗ worden, habe ſie ihn überredet, herunter nach der Mutter Wohn⸗ zimmer zu kommen, wo er dann meiſt den Abend zugebracht. Wäre aber ein Fremder eingetreten, ſo ſei er gleich fortgegangen, ſelbſt die Gegenwart des Vaters habe er Anfangs ſehr geſcheut. Er habe ihr viel aus ſeinem Leben erzählt, aber nur aus ſei⸗ er Jugendzeit und aus der letzten Zeit von ſeinen Reiſen; ſo ſei

ſie denn zuletzt ſo keck geworden ihm allerhand abzufragen, nament⸗ lich auch über manche ſeiner Eigenheiten und Sonderbarkeiten.

So habe ſie z. B. bemerkt, daß er viele Briefe erhalten, je⸗ doch nur diejenigen angenommen, worauf ſeine richtige Adreſſe und insbeſondere der Name: Guſtavſon richtig geſchrieben gewe⸗ ſen, jeden andern habe er mit der größten Hartnäckigkeit ſich ge⸗ weigert anzunehmen; ſie ſei ſelbſt einmal dadurch in Verlegenheit gerathen, als ſie in ſeiner Abweſenheit einen Brief an den Oberſt Guſtavſohn angenommen, den ſie ihn dann durchaus nicht habe überreden können zu erbrechen. Da habe ſie ihn nun ſpäter um die Urſache befragt, warum er ſolche Briefe, die doch offenbar an ihn gerichtet ſeien und wobei die Abſender doch gewiß nicht die Abſicht gehabt haben ihn durch das unrichtige Schreiben der Adreſſe zu kränken, durchaus nicht annehmen wolle. Er habe darauf freundlich ihre Hand genommen und geſagt:Du biſt ein ſinniges und kluges Kind, daher will ich dir die Urſache davon ſagen; ſieh einmal: ich bin ein geborner Fürſt und ein von Gott eingeſetzter König geweſen, und die Könige haben das Recht Je⸗ mandem einen Namen zu geben, den ihm dann Niemand wieder rauben kann; als ich nun meine Krone verlor, habe ich zum letz⸗ tenmale von dieſem meinem Rechte Gebrauch gemacht und mir ſelbſt einen Namen verliehen. Dieſer Name iſt mein letztes und einziges wahres Eigenthum, er wird fortdauern in der Erinnerung der Menſchen, und wer ihn mir nimmt oder auch nur einen Buch⸗ ſtaben von ihm, der beleidigt mich zu Tode!

Der König, fuhr die kleine Erzählerin fort, duldete keinexlei Art von Dienſtleiſtungen; er hat namentlich ſeine Kleider ſtets ſelbſt ausgebürſtet und ſeine Stiefel ſelbſt geputzt. Von ihr um die Urſache gefragt, hat er geantwortet:Nach meiner Thronent⸗