Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
195
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Nr. 13.

Dritte folge.

Novellen-Zeitung.

Napoleon und die weiße Frau.

Von

L. Mühlbach.

1. Die weiße Frau.

Im Reſidenzſchloſſe zu Baireuth war Alles in Auf⸗ ruhr und Bewegung, geſchäftige Diener ritten hin und her durch die glänzend geſchmückten Gemächer, hier und dort noch einen Teppich ausbreitend, eine Vaſe mit duftenden Blumen placirend, oder den Staub abwiſchend, der ſich auf eins der glänzend polirten Meubles gelegt hatte.

Es war heute ein großer, ein wichtiger Tag für Bai⸗ reuth, Jedermann empfand das, und die Aufregung und Neugierde trieb die Einwohner hinaus auf die Straße. Niemand mochte in ſeinem Hauſe bleiben, Niemand wollte ſich den großen, hiſtoriſchen Moment entgehen laſſen, der heute über Baireuth einen Schimmer ſeines alten Glanzes ergießen ſollte.

Der Mann, dem die ganze Welt zu Füßen lag, vor dem Könige und Fürſten ſich beugten, vor dem Reiche er⸗ bebten und Throne zuſammenſtürzten und der nur die Hand auszuſtrecken brauchte, um neue Throne aus dem Nichts und neue Fürſten aus dem Dunkel zu ſchaffen, der Mann, den man bewunderte, obwohl man ihn haßte, Napoleon ſollte heute in Baireuth eintreffen. Die Couriere waren ſchon in der Frühe des Morgens angelangt und hatten im Namen des Kaiſers befohlen, daß Zimmer im Schloß in Bereitſchaft geſetzt würden, weil der Kaiſer heute am Nachmittag des vierzehnten Mai in Baireuth einzutref⸗ fen und dort die Nacht zu bleiben gedenke.

Die ganze Bevölkerung wogte daher auf den Straßen; überall an den Häuſern, an denen der Kaiſer vorüberkom⸗ men mußte, ſah man die Fenſter geöffnet und in denſelben die erſten Damen der Stadt und der Umgegend im ſchön⸗ ſten Schmucke der Toilette mit großen Blumenſträußen in den Händen, um dem Kaiſer damit ihre Grüße zuzu⸗ winken.

Die lebhafteſte Bewegung aber, wie geſagt, herrſchte auf dem neuen Reſidenzſchloß, denn dort, nicht in dem alten Reſidenzſchloſſe der Markgrafen von Brandenburg, hatte der Kaiſer ausdrücklich befohlen, daß man ihm ſeine Zim⸗ mer bereite. Graf Münſter, der Intendant der fürſtlichen Schlöſſer, hatte natürlich dem kaiſerlichen Befehl Folge geleiſtet, und vier glänzende Zimmer waren für den Kai⸗ ſer in Bereitſchaft geſetzt worden. Alle Auordnungen waren jetzt beendet, und zum letzten Mal durchwanderte der Fef ndant, gefolgt von dem Schloßcaſtellan Schluter, die

kaiſerlichen Gemächer, um noch eine letzte Muſterung der⸗ ſelben vorzunehmen.Nun, ich finde nichts mehr zu er innern, ſagte der Graf, als er eben in das für den Kai⸗ ſer beſtimmte Schlafzimmer eintrat.Alles iſt ebenſo be⸗ quem als glänzend und comfortable, das Arrangement macht Ihnen viel Ehre, mein lieber Schluter, und wird Ihnen ohne Zweifel ein koſtbares Geſchenk kaiſerlicher Dankbarkeit eintragen, denn der große Kaiſer iſt ſehr frei⸗ gebig, wie man ſagt.

Mag kein Geſchenk von dem Tyrannen annehmen, brummte der Caſtellan mit düſterm Geſicht,will meine Hände nicht beſudeln mit dem Raub, den er aus fremden Ländern daher führt und an dem nicht der Segen Gottes, ſondern nur der Fluch des Teufels haftet.

Sie ſind ein Narr, lieber Schluter, rief der Graf lachend.Wenigſtens ſehen Sie, daß der Fluch des Teu⸗ fels dem großen Kaiſer ſehr wohl bekommt, denn alle Tage wächſt ſeine Macht und ſein Anſehen; er geht jetzt nach Dresden, um dort alle Fürſten Deutſchlands zu ſeinen Füßen zu ſehen, und dann eilt er nach Rußland, um neue Siege zu feiern und den einzigen Mann der Welt, der es noch wagt ſich nicht vor ihm zu beugen, den Kaiſer Alexan⸗ der von Rußland, zu demüthigen und in den Staub zu treten. 1

Ich weiß noch Jemand, der ſich nicht vor ihm demü⸗ thigt und den er nicht in den Staub treten wird, ſagte der Caſtellan mit verächtlichem Achſelzucken.

Nun, und wer wäre das? fragte Graf Münſter raſch.

Das iſt die weiße Frau, rief der Caſtellan feierlich und laut.

Graf Münſter ſchrak zuſammen und warf einen ſcheuen und ängſtlichen Blick umher.Um Gottes Willen ſchwei gen Sie, befahl er haſtig.Vergeſſen Sie doch dieſe thö⸗ richten Träumereien, und vor allen Dingen wagen Sie es nicht jetzt davon zu ſprechen.

Der Caſtellan ſchüttelte langſam das Haupt.Es ſind keine Träumereien, Herr Graf, ſagte er feierlich. Die weiße Frau wacht und geht um, und ſie weiß, daß heute Nacht der Feind ihres Hauſes, des Hauſes Bran⸗ denburg, hier im Schloſſe ſein Quartier nehmen will. Die weiße Frau geht um, ſage ich Ew. Excellenz, und ihr Auge iſt voll Zorn, und auf ihren Lippen zittert ein Fluch für den Feind der Hohenzollern. Es ſollte mich gar nicht wundern, wenn ſie ihm dem Tyrannen dieſe Nacht ins Ohr ſchriee und ihn mit ihren Donnerworten aus ſeinem Schlafe weckte.

Mein Gott, Schluter, reden Sie doch nicht ſo ver⸗ meſſen, rief der Graf ängſtlich.Wenn irgend einer von