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Literariſche Beſprechungen.
Gedichte von Otto Banck.— Leipzig, Verlag von Carl Fr. Fleiſcher. 1858.
Wir begrüßen in den Poeſien von Otto Banck, dem langjährigen Mitarbeiter des„Dresdner Journals,“ der nebſt ſeinem Bruder Carl Banck, dem muſtkaliſchen Schrift⸗ ſteller und Componiſten, durch ſeine eingehenden und ſcharf pointirten Kritiken über neue Erſcheinungen in Literatur, Theater, Kunſt u. ſ. w. dem Feuilleton dieſes politiſchen Blattes weit über die Grenzen einer Localzeitung hinaus
Anſehn und Verbreitung verſchafft hat, Gedichte, die nicht
in kurzer Laune dahin geworfen, für das Bedürfniß des literariſchen Marktes ſchnell zuſammengeſtoppelt ſind, ſon⸗ dern Gedichte, die als die Reſultate eines reichen Le⸗ bens, als die beſten Blüthen und reifſten Früchte eines ach⸗ tungsvollen Wirkens ſich uns darbieten. Eine Reihe von nahe an zwanzig Frühlingen können wir in der Entſte⸗ hung dieſes Bandes nachrechnen, und was ein geiſtvoller Mann während einer ſolchen Dauer einflußreicher öffent⸗ licher Thätigkeit an Erfahrungen und Empfindungen ſeines intimſten Lebens uns künſtleriſch geſtaltet vorlegt, wird der allgemeinen Aufmerkſamkeit und Theilnahme ſicherlich werth ſich erweiſen. Dennoch können wir beim Aufſchlagen ge⸗ rade eines ſolchen Buches eines gewiſſen wehmüthigen Ge⸗ fühles uns nicht erwehren; wir kennen gerade hier all die Beſchwerden und Anſtrengungen, unter denen es entſtanden iſt, wir können den Werth uns denken, den ſein Inhalt für den Autor hat, wir kennen die Liebe, mit der er es verfaßte, die Hoffnungen, mit denen er es vollendete, und nun liegt es uns vor als eines von den huuderten von Recenſions⸗ exemplaren, die Jahr für Jahr den Redactionen eingeſandt
Dritte
folge.
„Dies Werk iſt mein, ich hab's mir ſelbſt gegeben!“ denn, ſo heißt es:
— Er hat die Wiege ſeines Geiſts vergeſſen
Und er verleugnet ſeiner Mutter Leben——
— Was in uns glüht, was für uns wirkt und ſchafft,
Du biſt's, der deutſchen Sprache Dichtungskraft!
—— Es wird ein Dom am Grabe Deutſchlands ſtehen
Und in die Zukunft fremder Völker ſehen,
Die meſſen an des Rieſenbaues Höh'
Den Wahn der nachgeborenen Idee!
Die Gedichte zerfallen, nicht nach der Eintheilung des Dichters ſelbſt, aber nach unſerem Ueberblick über den ge⸗ ſammten Inhalt, hauptſächlich in erotiſche und artiſtiſche Lyrik, und in Epigramme, die ſowohl erotiſche als auch artiſtiſche Pointen haben.
Die erotiſche Lyrik iſt namentlich reich vertreten. Was man dem kecken Feuilletoniſten nie angemerkt hätte, das kann der Lyriker nicht verbergen, wie durch ſein Gemüth ein Zug jener düſteren, im innerſten Grunde lebensſcheuen, nur durch Entſchluß das Leben liebenden Anſchauung geht, wie ſie ein häufiges Erbtheil des deutſchen Idealis⸗ mus zu ſein ſcheint. Gleich das erſte prächtige Lied „Friſch gelebt!“ gibt Zeugniß, wie der Dichter von vorn herein des Aufrufes„Friſch gelebt!“ ſelbſt bedurfte. Das darauf folgende„An den Jüngling“ preiſt das naive Glück der Jugend, wie nur der es preiſen kann, dem die Reflexion den vollen reinen Beſitz deſſelben ſelbſt nicht mehr geſtattet. Die übrigen Liebeslieder, die verſchiedenen Epo⸗ chen angehören, ſind alle von echter, urſprünglichſter Dichterkraft, zum Theil weniger originell und das Recht der Verausgabung vorhandener Sprachſchätze, das die erwähnte Zueignung beſingt, für ſich in Anſpruch nehmend. Der leidenſchaftliche Ton gelingt dem Dichter glücklicher als der ſchelmiſche oder naive, doch allerliebſt auch in dieſer Weiſe iſt z. B.(S. 94):„Kein' größ're Freud' auf
werden; wir können thatſächlich kaum ein paar Tage auf Erden iſt“ u. ſ. w.
Lectüre und Studium des Gegenſtandes für einen Wochen⸗ bericht verwenden, und nach dem Verhältniß eines Blattes
und des Gegenſtandes ſelbſt iſt es eine vorgeſchriebene Zahl nung ſeiner eignen Stimmungen gegeben.
von Zeilen nur, die wir ihm widmen dürfen. Wie ſoll da ein vollſtändiges Eindringen in eine Gabe der Lyrik von dreißig reich bedruckten Bogen, wie eine ausreichende Wür⸗ digung ihres mannigfachen Inhaltes ermöglicht werden! Es bleibt uns nur ein Troſt: auch der Verfaſſer dieſes Bandes hat ja zahlloſe Bände, in denen vielleicht nicht we⸗ niger Vergangenheit und Zukunft anderer Lebensſchickſale beruhte, Woche für Woche an ſich vorüber ziehen laſſen, auch er hat mit wenigen Zeilen über die Reſultate jahre⸗
langer innerlichſter Arbeit referiren müſſen, und ihn wie uns Journaliſten alle durfte dabei das Bewußtſein beglei⸗
ten, daß wir ja doch ein ſchließliches Urtheil weder ſprechen
noch ausführen, daß wir nur aufmerkſam machen, nur plaidiren für und wider vor dem letzten Richter, der das
Publicum iſt, von dem keine Appellation mehr möglich
wird und der denn doch auch nach dieſer oder jener Seite
manche nicht unumſtößlich gerechte Anerkennung oder Ver⸗ dammung ſich zu ſchulden kommen läßt.
Die vorliegenden Otto Banck'ſchen Gedichte treten zu⸗
In epigrammatiſchen Aufſchriften vor den einzelnen Abſchnitten hat der Verfaſſer ſelbſt die geiſtreichſte Bezeich⸗ So ſagt er zu den erſten Liedern:
Ureigne Freude, ureignes Leid,
Was Dir in der Gemeinſamkeit
Mit Andern halb nur klar wird,— Geh' in die ſtille Einſamkeit,
Damit Dir's offenbar wird.
Der Sinn iſt offen, das Herz iſt wach, Die Seele redet, der Mund ſpricht's nach
Die Lieder, Balladen und Romanzen„Aus früher Ju⸗ gend“ rechtfertigen ſich durch den Spruch:
Und was in früher Zeit erblüht,— Tootz aller Kunſtgebrechen
Trifft's überall ein jung Gemütb Und wird ſo weiter ſprechen.
Drum ſollt Ihr nicht vernichten Zu ſtreng der Jugend Lied,— Wer könnt' es wieder dichten, Wenn eine andre Sonne glüht?
Bei der Gemüthsart, der jene lebensfeindliche Stimmung
nächſt mit einer ſeltenen Beſcheidenheit auf. In der Zu⸗
eignung„An unſere Sprache“ macht der Dichter dem Dich⸗ ter einen Vorwurf, der von ſich zu ſagen ſich ermeſſen will:
nicht fremd iſt, ſoll man häufig finden, daß eine Neigung, wenn ſie einmal erweckt und genährt iſt, um ſo inniger, excluſiver und gewaltſamer ſich geltend macht. Der Cha⸗ rakter ſolcher Neigung ſpricht ſich namentlich in den Ge⸗


