Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
190
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ſchickt, wo er ſich in kurzer Zeit die franzöſiſche Sprache aneignet und die gewöhnlichen Anfangsgründe der Er⸗ ziehung ſich erwirbt. Trotzdem daß ſeine Eltern in der Stadt wohnen, lebt er doch als Zögling ganz im Colle⸗ gium, und nur bei gewiſſen Gelegenheiten beſucht er ſeine Eltern. Er lernt eine gute Hand ſchreiben, eine Fertig⸗ keit, die unter den Braſilianern allgemein zu Hauſe iſt, und die meiſten Knaben aus den höheren Ständen ſind gute Muſtiker, lernen Lateiniſch, und viele unter ihnen ſprechen das Engliſche ziemlich fließend. Die jährliche Prüfung war früher ein großes Ereigniß in dem Leben der Zöglinge der Collegien. Dieſelben ſpielten dabei ihre Rolle und die verſchiedenen Profeſſoren laſen oder hielten aus⸗ wendiggelernte Reden vor den bewundernden Eltern, wäh⸗ rend zuletzt die Schüler, die ſich am meiſten ausgezeichnet batten, von einem Gönner der Schule mit ſehr großen Blumenkränzen gekrönt wurden. Dann traten für einige Wochen Ferien in dem Collegio ein, worauf mit den Pen⸗ ſionairen von neuem begonnen wurde. Jetzt hat ſich das Alles ſehr verbeſſert, und viele Collegien werden ſehr gut geleitet.

Die Vorſteher dieſer Lehranſtalten gewinnen, wenn ſie mit einem guten adminiſtrativen Talente begabt ſind, große Summen. Einer, mit dem ich bekannt war, hatte nach wenigen Jahren, in denen er ſeine Anſtalt geleitet, ſich 10,000 Dollars Capital erworben. Die Profeſſoren woh⸗ nen nicht immer in dem Collegio, ſondern ertheilen nur ge⸗ wiſſe Stunden in demſelben, für die ein feſtgeſetzter Preis bezahlt wird, was ſie in den Stand ſetzt, während des Ta⸗ ges in vielen Lehranſtalten Stunden geben zu können. Die engliſche Sprache iſt in Rio ſo beliebt geworden, daß jedes Collegium ſeinen professor Inglez hat.

In der neuern Zeit iſt ſowohl in den Collegien wie in den öffentlichen Schulen eine große Verbeſſerung eingetre⸗ ten. Die Profeſſoren wurden von einer Commiſſion, an deren Spitze der Miniſter des öffentlichen Unterrichts ſtand,

Novellen⸗Zeitung.

aufgefordert, in der Militärakademie zu erſcheinen und ſich dort einer Prüfung in den Fächern zu unterwerfen, worin ſie ſich befähigt hielten Unterricht zu ertheilen. Wenn ſie die ſehr ſtrenge Prüfung beſtanden hatten, ſo er⸗ hielten ſie die Ermächtigung Unterricht zu ertheilen, wo⸗ für ſie eine gewiſſe Abgabe zu bezahlen hatten. Selbſt die Vorſteher der Collegien mußten ſich dieſer Prüfung unter⸗ werfen, wenn die Commiſſion es für nöthig hielt, und ſie hatten nicht die Erlaubniß, ohne ein ihnen zu ertheilendes Certificat ein ſolches Collegio zu leiten. Die Unterrichts⸗ behörden beſitzen dabei das Recht dieſe Privatakademien zu jeder Stunde des Tags und Nachts beſuchen zu dürfen, ſich von den Fortſchritten der Schüler zu überzeugen, ihre Schlafgemächer und ihre Nahrung zu unterſuchen und auf Alles zu ſehen, was das geiſtige oder körperliche Wohl der⸗ ſelben betrifft. Das war keineswegs eine leere Drohung; die Schulen wurden wirklich beſucht, und einige wurden viel ſchneller umgeändert als es den Vorſtehern derſelben lieb ſein mochte. Dieſe energiſchen Maßregeln verdankt Braſilien beſonders dem Visconte de Haberobs und dem Dr. Manuel Pachceo da Silva, welcher jetzt Präſident des erſten claſſiſchen Inſtituts in Rio de Janeiro, des kaiſer⸗ lichen Collegiums Don Pedro's II., iſt. Die Reform wurde vorgenommen und durchgeführt trotz aller Klagen der Pro⸗ feſſoren, welche als unfähig degradirt wurden, und der Un⸗ zufriedenheit der Eltern darüber, daß ihre Kinder ſtreng geprüft und in den öffentlichen Schulen nur dann in eine höhere Claſſe verſetzt wurden, wenn man ſich von ihren wirklichen Fortſchritten überzeugt hatte. C.

Miseellen. Ein weibliches Angeheuer.

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kamen in London ſo häufige Fälle des Kinderdiebſtahls vor, daß die Polizei ſich ge⸗ nöthigt ſah alles Ernſtes einzuſchreiten und die eifrigſten Nach⸗ furſchungen nach den Urhebern dieſer wiederholten Frevel anzu⸗ ſtellen.

Bald gelang es ihr die Spuren mehrerer Thäter aufzufinden, und es zeigte ſich, daß die Kinder theils geſtohlen worden waren, um ſie ihrer Kleider oder der werthvollen Gegenſtände zu berauben, die ſie an ſich trugen, theils um den betrübten Eltern einen mehr oder minder anſehnlichen Finderlohn zu erpreſſen, theils um die Kleinen zu allerhand Gewerben entweder zu verkaufen oder ſelbſt zu verwenden. Nur in ganz einzelnen Fällen waren die Kinder ermordet worden, um die Spur des an ihren werthvollen Effecten begangenen Raubes zu verwiſchen. Mit allgemeiner Empörung aber vernahm das Publicum eine unerhörte Abſcheulichkeit, welche durch die angeſtellten Nachforſchungen an den Tag gekommen war.

Die Polizei entdeckte nämlich ein altes Weib, welches den Kinderdiebſtahl förmlich als Gewerbe betrieben hatte, und zwar um die unſchuldigen Kleinen blind zu machen und ſie dann als Bettler und Gegenſtände des allgemeinen Mitleids auf verſchie⸗ denen Punkten in den Straßen aufzuſtellen.

Dies abſcheuliche Weib beraubte die Kinder des Augenlichtes dadurch, daß ſie ihnen glühend heiß gemachte Kupferplatten dicht vor dem Auge hin und her zog und ſie ſo allmählich blendete.

durch das erwähnte Verfahren des Augenlichtes bereits in höherem oder geringerem Grade beraubt waren, indeß noch nicht hinläng⸗ lich, um als gänzlich Blinde zur Straßenbettelei verwendet zu werden. Welche Strafe wäre wohl grauſam genug für ein ſolches Verbrechen? a.

Mannigfaltiges⸗

Man ſagt Schiller nach, er habe gern durch Wein ſich auf⸗ geregt. Von Goethe aber iſt es thatſächlich, daß er zwei bis drei Flaſchen täglich, auch noch in ſeinem Alter, trank. Dafür hätte bei Schiller ſchon der Gehalt nicht ausgereicht.

Im Jahre 1690 gab ein Dr. Keller in Nordhauſen ein Buch heraus über Schenkel⸗ und Beinbrüche. Das Buch führte den

ſeltſamen Titelder curieuſe Schenkeldiener.

Die Roſen kamen im Jahre 1522 als ein Geſchenk aus Ita⸗ lien nach England. Dort waren ſie als ein Zeichen, der Verſchwie⸗ genheit bekannt und wurden deswegen, auf Befehl des Papſtes, an den Beichtſtühlen befeſtigt, daher noch der bekannte Ausdruck: sub rosa.

Kant ſchildert das Fehlerhafte im Volkscharakter ſehr lako⸗ niſch alſo: Frankreich iſt das Modeland; England iſt das Land der Launen; Spanien das Ahnenland; Italien das Prachtland,

Als die Polizei in die Höhle dieſes Ungeheuers eindrang, fand ſie in einer verſteckten Bodenkammer mehrere Kinder, welche

und Deutſchland das Titelland.

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