Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
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Jahrg.

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Nr. 12.]

Lage und übergibt die zarte Braut einer alten Duenna zur Bewachung. Des Morgens begibt er ſich mit dem erfreu⸗ lichen Gefühl der Sicherheit auf ſein Comptoir und des Abends kehrt er zurück, um ſeine ſchöne andre Hälfte in der Oper bewundern zu laſſen. Einige Jahr ſpäter ſchrei⸗ ten der jungen Matrone, wenn ſie in die Meſſe geht, ihre alle in ſchwarze Seide gekleideten Kinder mit bloßem Halſe und Armen, oder höchſtens mit einem leichten Krapp bedeckt, den üppigen Haarwuchs ſchön verziert oder vielleicht mit einem ſchwarzen Spitzenſchleier verſehen, voran. Sie ver⸗ ſchmähen unter der unbewölkten braſilianiſchen Sonne den Schutz ſelbſt eines leichten Sonnenſchirmes, während die Europäerinnen unter dem Hute und Schirme Schatten ſuchen. Die braſilianiſchen Damen haben viel Anlage zu einem großen Embonpoint, wenn ſie in den Jahren vorge⸗ ſchritten ſind. Der Grund davon liegt wahrſcheinlich in dem Klima und in dem Mangel an körperlicher Bewegung in der freien Luft, in keinem Falle an einem Mangel an Mäßigkeit. Sie trinken ſehr ſelten einen Tropfen Wein oder irgend ein andres geiſtiges Getränk. Wenn bei feier⸗ lichen Gelegenheiten Geſundheiten getrunken werden, ſo beobachten ſie die Form, doch der Wein berührt kaum ihre Lippen. Der Verdacht der Trunkenheit iſt der ſchrecklichſte Vorwurf, der auf ihren Charakter geworfen werden kann. Von einer trunknen Perſon ſagt man:Sie iſt ganz eng⸗ liſch. Der Contraſt zwiſchen dem regelmäßigen und oft unmäßigen Trinken der meiſten Ausländer und der durch⸗ gängigen Mäßigkeit aller Claſſen der Braſilianer iſt ſehr in die Augen ſpringend und ſchmerzlich.

Obwohl die braſilianiſchen Damen nicht von unmäßi

Dritte folge.

gen Gatten zu leiden haben, ſo ſind ſie dennoch in Folge der alten mauriſchen Ueberlieferungen die Gegenſtände

einer großen Eiferſucht. Etiquette nicht in der Straße erſcheinen, wenn ſie nicht von einem männlichen Verwandten begleitet ſind. Dann leiden ſie auch durch die Einrichtung ihres Haushalts an

Sie können ohne Verletzung der g

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einer fortwährenden Einförmigkeit. Mit Tagesanbruch iſt die ganze Familie auf dem Fuße und vor neun Uhr iſt die Hauptarbeit bereits verrichtet. Dann begeben ſich die Damen auf den Balcon, wo ſie einige Stunden lang mit ihren Nachbarinnen plaudern und ſich dem Vergnügen überlaſſen, ſich bloß im Allgemeinen oder nach dem Milch⸗ mann und dem Obſtverkäufer umzuſehen. Wenn der Hau⸗ ſirer mit ſeidenen Stoffen und Muſſelin ſich einſtellt, ſo fin det eine allgemeine Aufregung ſtatt. Er meldet ſeine An⸗ kunft durch einen Schlag mit ſeiner Elle, und ihm folgt einer oder mehrere Schwarze, welche die Stoffe in Behält⸗ niſſen auf dem Kopfe tragen. Er ſchreitet, ſeines Will⸗ kommens gewiß, die Treppe hinauf, denn wenn die Da⸗ men auch nichts zu kaufen beabſichtigen, ſo macht es ihnen doch großes Vergnügen ſeine Waaren zu beſchauen. Die Neger ſetzen die Waaren auf den Fußboden und entfernen ſich. Man eilt nun die Spitzen zu unterſuchen, und der Händler bietet dann ſeine ganze Beredſamkeit auf, um die Damen zu irgend einem Kauf zu beſtimmen. Die Garde⸗ robe einer braſilianiſchen Dame wird beinahe gänzlich im Hauſe gekauft. Faſt jede Hausfrau macht ſich ihren An⸗ zug ſelbſt oder ſie ſchneidet die Kleider wenigſtens zu und läßt ſie dann von ihren Sclavinnen nähen. Dabei richten ſie ſich ſtets nach den neueſten Pariſer Modekupfern, die feſt im Auge behalten werden.

Die Erziehung der Knaben in Braſilien iſt beſſer als die der Mädchen. Es herrſcht übrigens dennoch dabei eine große Oberflächlichkeit. Der Knabe wird, ehe er zwölf Jahre alt iſt, zu einemkleinen alten Manne gemacht der ſeinen ſteifen ſchwarzen Seidenhut trägt, einen ſteifen Kragen und ſeinen Spazierſtock hat und der in der Stadt einher geht, als wenn Jedermann auf ihn blickte und als ob er in einem Schnürleib eingerahmt ſei. Er läuft und ſpringt nicht, eben ſo wenig wirft er mit Steinen, wie es die Knaben in Europa und Nordamerika zu thun pflegen. In einem ſehr frühen Alter wird er in ein Collegium ge

Erzählungen bei Nacht. Novellen von M. Solitaire. Leipzig, H. Matthes. 1858. Herr M. Solitaire, bekanntlich pſeudonym, ein Mann in

anerkannteſter Lebensſtellung, iſt einer der Veteranen der gegen⸗ wärtigen Novelliſtik, ein Original, das aus den Zeiten höheren

Schwunges in der realiſtiſch nivellirenden Gegenwart noch ſeine Wir möchten M. Solitaire

ganze Selbſtſtändigkeit bewahrt hat. einen Grabbe der Novelle nennen; unter den Jüngeren ſteht ihm

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Arnold Schloenbach mit ſeinen Originalen und ſeinem Bauern⸗

buche(4. Aufl.) am nächſten. Es ſind faſt nur abnorme Zuſtände und Perſönlichkeiten, die Solitaire ſchildert; das Urromantiſche, das die Grenzen des ſog.geſunden Menſchenverſtandes berührt oder überſchreitet, wiegt bei ihm vor; das Fremdartige und My⸗

ſteriöſe iſt ſeiner Feder das Vertrauteſte und Beliebteſte; neben

barocker Phantaſtik liebt er die Idylle anzuſiedeln, und aus toll⸗ ſtem Humor ſpringt er gern in die blutige Tragödie über. Die Titel ſchon der vorliegenden Arbeiten zeigen des Verfaſſers Vor⸗

liebe für das Seltſame, z. B.: Zwei Abende bei den Feuer⸗

ſchiffern, 1) Der Ai, 2) Egon und die Egonia oder die Undine und die Rabenmutter; ferner: Die Hungermühle; Großmutter Schlangenbraut; das Waldteufelchen u. ſ. w. Uns zogen vor⸗ nämlich die Abende bei den Feuerſchiffern an, und zeigt der be⸗ jahrte Dichter gerade bei dieſer Erzählung die ganze Original⸗ kraft ſeiner phantaſievollen Situationsſchilderung. DerSo⸗ litaire, als der dieſer Dichter durch ſeinen Namen ſchon bezeich⸗ net wird, war jahrelang ein Schatz derAbendzeitung, ehrwür⸗ digen Angedenkens; da dieſes Blatt nach einer ruhmvollen Wirk⸗ ſamkeit durch mehrere Menſchenalter endlich auch das Zeitliche geſegnet hat, darf die Novellenzeitung boffen, außer andern Kräf⸗

ten ihres Inventars, auch dieſen Edelſtein dem Schmuck ihrer mitſtrebenden Geiſter einzureihen. A. S. Ein Frühling. Von Jakob Corvinus, Verfaſſer derChronik der Sperlingsgaſſe. Braunſchweig, F. Viewege und Sohn. 1857. Als wir vor etwas länger als einem Jahre das kleine Büch⸗ leinChronik der Sperlingsgaſſe(Berlin, Franz Stage. 1857) anzeigten, begrüßten wir den Verfaſſer als einen unſerer liebens⸗ würdigſten Genrebildner. Er erzählte mitIch und bezeichnete ſich ſelbſt als einen derlalten Herren, die noch immer Chambregar⸗ niſten ſind und auch als einſame Bewohner der höchſten Stock⸗ werke einer engen Nebengaſſe im beſchaulichſten Stillleben ein be⸗ neidenswerthes Glück zu finden wiſſen. Damals ſahen wir in ihm den Humor Hackländer's und die Innigkeit Marvel's verei⸗ nigt; nicht weniger verwandt iſt er auch mit Souveſtre, nur daß bei dieſem die moraliſirende, bei Corvinus die realiſtiſch⸗poetiſche Betrachtung vorwiegt. Ein Tagebuch einesGlücklichen in der Dachſtube iſt auch die vorliegende Neuigkeit zu nennen. Dieſen Geſichtspunkt aus der poetiſch-ſocialen Vogelperſpective hat es alſo mit dem vorigen Buche gemein; die geſammte Stimmung auch iſt dieſelbe, die Charaktere aber, obgleich liebenswürdig wie dort, ſind doch neue Figuren. Die Fabel iſt nebenſächlich, und die exquiſit liebevolle Detailſchilderung tritt in den Vordergrund. Ueber den Verfaſſer, der ſich ſelbſt einenalten Poeten, mit dem armen Poeten verwandt, nennt, ſind die verſchiedenſten Vermu⸗ thungen aufgeſtellt. Keine der aufgeſtellten ſcheint uns zutreffend zu ſein. G.