Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
192
Einzelbild herunterladen

V Redigirt unter Verantwortlichkeit von Alphons Dürr in Leipzig. Verlag von Alpho

144

dichten der ſpäteren AbtheilungIdeal und Wirklichkeit aus, die der Dichter mit einem doppelten Motto einführt:

Ihr Lieder, tönet hin, vom Traum erwacht,

Denn nicht der eignen Seele Macht,

Ach! nur was ihr beſingt, hat euch hervorgebr acht. *

*¼* Wir waren ſchon einmal verbunden, Aber Du biſt mir entſchwunden Irgendwo im Sphärenlauf! Hab' ich Dich endlich nun wiedergefunden, Du liebſte Seele? Lebſt Du nun auf? O ſtirb vor Wonne von Neuem nicht! Es war ein weiter, dunkler Weg: nun iſt es Licht!

So ſchön, wir können ſagen, wunderbar ſchön Vieles ge⸗ rade in den Liedern dieſer Abtheilung, dem Epos einer he⸗

roiſchen Leidenſchaft iſt, ſo können wir uns doch mit An⸗

derm nicht einverſtanden finden, das jenes Erbſchafts⸗

recht obigerZueignung über die Maßen geltend macht.

Dahin gehört das Gedicht S. 398. Auch der Zuſatz

Harmonie zu dem allgemeinen TitelIdeal und Wirk⸗

lichkeit will uns nicht zuſagen. Es ſcheint uns, als könne

eine excentriſche Leidenſchaft wie die, welche ſich hier ſchil⸗

dert, nie zu vollkommener Harmonie gelangen, und viel⸗

leicht wird ſie gerade dadurch, daß die Harmonie mit den

Verhältniſſen der äußeren Welt ihr fehlt, eben zu einer er⸗

centriſchen. Auch die HymneErbarmen!, erhebend, wie es ein Gebet nur ſein kann, zeigt, daß dieſe Harmonie ein innerer Zuſtand der gewaltſam erregten Seele, keine Har⸗ monie zwiſchen dem Ideal und dem iſt, was man fonſt als die Wirklichkeit bezeichnet.

Die andere zahlreiche Gruppe der vorliegenden Dich⸗ tungen hat artiſtiſche Stimmungen und Gegenſtände zum Vorwurf. So die didaktiſchen Gedichte, vom glücklichſten Humor gewürzt,Originelle Kunſtjünger,einem Tivoli⸗ theaterdichter,der Dichter und das Urtheil der Kenner, einzelne der GedichteAus Italien,Genius und Fa⸗ tum, u. a. m. Situationen aus dem Künſtlerleben, Verherrlichungen des Dichterberufes kommen in anderen Liedern zerſtreut vor.

Die abſchließende Harmonie in dieſer Richtung thut ſich in dem SchlußgeſangBegeiſterung kund, der dem eben erwähnten Hymnus ergänzend zur Seite tritt. Sein Schluß lautet:

der Begeiſtrung wunderbarſte Kraft Fühlt nur die Künſtlerſeele, wenn ſie ſchafft.

Wie hab' ich verdient Deiner Ewigkeit Nahrung, Daß ſo unter Tauſenden, Gott, Du mich liebſt!

Novellen⸗

Zeitung.[IV. Jahrg.

und ſtrahlend im Kelch Deiner Weltoffenbarung Du ſelbſt mir das heiligſte Abendmahl gibſt!

Doch willſt Du häufen Glück auf Glück,

So laſſe, wenn Dein Athem mich umloht, Von der Begeiſtrung Flammenaugenblick Mein Leben niederſengen in den Tod!

Das wär' ein Heil, zu groß faſt zum Erflehn: Unmittelbar in Gottes Arm vergehn.

Auch hier könnte der Kritiker einwenden, daß ſolche Harmonie nur ein innerer Zuſtand der gewaltſam erregten Seele, nicht eine thatſächlich realiſtiſche Verſöhnung zwiſchen Ideal und Wirklichkeit ſei, doch wozu der⸗ gleichen einem Autor gegenüber erwähnen, der wie Otto

Banck daſſelbe gewiß viel geiſtreicher ſagen könnte oder

über Andere ſchon geſagt hat! Nur die Bemerkung ſei uns hier geſtattet, wie, wenn ein Kritiker, und gerade einer von den tiefer denkenden, einmal zu den Poeten übergeht, man es erſt ſo recht erkennt, daß es doch ein ganz ander Ding iſt, ein Mal eine Tendenz auszuſprechen und das andere Mal ſie durchzuleben und die durchgelebte darzuſtellen.

Einen ſeltſamen Contraſt zu dieſen Poeſien des ero⸗ tiſchen und des künſtleriſchen Enthuſiasmus bildet die dritte große Gruppe der hier dargebotenen, die Epigramme, die in ihrem Humor, ihrer Ironie, ihrer ſteten Schlagfertig⸗ keit und ihrer oft herzerhebend gerechten Entrüſtung, alß ſehr wohl erklärlicher Gegenſatz zu jener idealiſtiſchen Rich⸗ tung, den ganzen Reichthum im Geiſtesleben des Dichters

erſt zur Anſchauung bringen. Sie ſind das Originellſte unda

das Vollendetſte, was wir ſeit langer Zeit gefunden haben. Es iſt keines darunter, das nicht auf einen hervorragenden Geiſt und Charakter ſchließen ließe; auch wo einzelne der Grenze des Zartgefühls ſich nähern, hat der Witz des In⸗ haltes und das Frappante der Form damit zu verſöhnen vermocht; die meiſten ſind werth, wie ähnliche Schlag⸗ worte unſerer größten Dichter, unvergeßlich zu werden. Einige Proben, die wir wohl gelegentlich mittheilen werden, mögen beſſer, als wir ſelbſt es können, für ſie ſprechen. Hier zunächſt nur das ſie einleitet:

Bald ſind wir Sinngedicht, bald Epigramm,

Bald zornig wie ein Bär, bald friedlich wie ein Lamm; Oft wie ein Sittenſpruch, oft was didaktiſch heißt, Bald der Zerſtörung Blitz, bald der Betrachtung Geiſt; Nicht ſelten grob, ironiſch und ſatiriſch, 8 Dann wieder tief erregt, dämoniſch ernſt und lyriſch, Als fühlten wir die Offenbarung nah ſein,

Mit einem Wort, wir gleichen unſerm Daſein.

R. Giſeke.

Allgemeiner Anzeiger.

Bei Meline, Cans& Comp. in Brüssel erschien in neuer Auflage:

Histoire générale de la Civilisation en Europe

par G. Guizot.

1 starker Band.

18⁰. Preis 20 Ngr.

ns Dürr in Leipzig. Druck von Gieſeckt& Pevrient in Leipzig⸗

dñꝗQ··ͥᷓͥᷓʒÿʒÿʒᷓᷓ́

Motto, mit dem der Dichter ſelbſt.

1

R