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V. Jahrg.
novellen-Zeitung.
Der Pöiloſoph in Aniform.
Erzählung nach dem Leben aus der Cavalier⸗Perſpective.
(Fortſetzung.)
Reginald war ſchnell entſchloſſen, dieſer Aufforderung Folge zu leiſten, ſie entriß ihn auf die natürlichſte Weiſe allen Conflicten, in welche ihn die Liebe und ſeine Philo⸗ ſophie gebracht hatten; aber erſt ſollte er noch ſein Ver⸗ ſprechen löſen und Clärchen überzeugen, daß er ſie nicht liebe.
Reginald ging alſo wieder zu den Damen hinab und zeigte ihnen ſeine Abberufung an.
„Da Deine Abreiſe ſo ſchnell geſchehen muß, ſo wol⸗ len wir wenigſtens noch einmal auf meinem lieben See fah⸗ ren,“ ſagte Clärchen.
„Dieſe Bitte wollte ich ſo eben an Dich richten,“ ent⸗ gegnete Reginald; die Baronin winkte ihm verſtändnißvoll zu, und er ging ſchweren Herzens mit dem ſtillen, jungen Mädchen zum See.—
Als ſie weit genug vom Ufer entfernt waren, daß kein fremdes Ohr ihre Wechſelrede zu belauſchen vermochte, be⸗
ann. Reginald:„Ehe ich auf lange Zeit von Dir fort
gehe, liebes Clärchen, muß ich mich mit Dir klar ſprechen und muß mich ſehr anklagen, daß ich als Mann, der doch ſtets bedenken ſoll, was er thut, Dir gegenüber ſehr un⸗ recht gehandelt habe; ich habe mich von momentaner Auf⸗ regung“(Clärchen ſah ihn bei dieſen Worten ſchmerzlich an, und ihr Blick ſchnitt durch ſeine Sele, ſo daß er ſeine Augen wegwenden mußte)„hinreißen laſſen zu Vergehen, Du weißt es, was ich meine, die ich unmöglich verantwor⸗ ten kann weder vor mir, noch vor Deinen Eltern, am aller⸗ wenigſten vor Dir ſelbſt, liebes Clärchen“(dieſe ſah auf und wiegte leicht das Haupt, als wollte ſie ſagen: vor mir biſt Du unſchuldig, doch ſie ſagte nur„o“ in jenem Ton, in welchem man ſolche Selbſtanklagen zurückweiſt).„Du willſt mich entſchuldigen, liebes Clärchen? das iſt gütig von Dir, aber unmöglich. Ich war als Dein Bruder im Hauſe aufgenommen worden und hätte mich ſtets in den Grenzen eines ſolchen halten ſollen, nicht aber Deine unſchuldsvolle Güte mißbrauchen, wie ich es ſchändlicher Weiſe gethan habe.— Jetzt wenigſtens will ich daher noch als älterer Bruder zu Dir ſprechen und gegen Dich handeln.— Nach dem heutigen Beſuche Arthurs kannſt Du unmöglich mehr zweifeln, daß er Dich herzlich liebt, ſo liebt, daß er koſt⸗ ſpielige Bauten unternimmt, bloß um ein Wort des Dan⸗ kes von Dir zu hören, und daß er ſelbſt, da Du ſtatt deſ⸗
ſen ihn ungerechter Weiſe ſchiltſt, doch nicht böſe wird oder gar in ſeiner Liebe wankt. Warum ſchleppt er Tante und Schweſter in der heutigen Sonnengluth hierher? Doch nur, um ihnen zu ſagen: ſeht, Dieſe liebe ich, lernt ſie auch lie⸗ ben! Dies wird ihnen aber heut ſehr ſchwer geworden ſein, liebes Clärchen, denn Deine Stimmung war keines— wegs ſo liebenswürdig, wie ich ſie dieſe Tage hindurch be⸗ wundern konnte.“
„Du wirſt wohl überhaupt nur Helene liebenswürdig finden!“ rief Clärchen jetzt, und ein Strom heißer Thrä⸗ nen ſtürzte unaufhaltſam aus ihren Augen.
Was ſollte Reginald thun? Lügen konnte er nicht, und ein Geſtändniß ſeiner Liebe wäre eine verletzende Beſchä⸗ mung für dies ſo lebhaft empfindende Mädchen geweſen. Seine Weisheit war zu Ende, und er ſah auf die Wellen, als könnte eine von ihnen ihm plötzliches Licht in die Seele tragen; Clärchen aber, nachdem die heftig ſtrömen⸗ den Thränen nachgelaſſen, ſah auf; als ſie keines Wortes des Vorwurfs oder der Ablehnung oder der Tröſtung ge⸗ würdigt wurde, und als ſie ihren Freund ſo traurig ſtumm da ſitzen ſah, glaubte ſie— denn ein unſchuldsvoll lieben⸗ des Mädchen iſt ein Engel— ihn ſchwer gekränkt zu haben und reichte ihm die Hand entgegen, mit der innig⸗ ſten Weichheit der Stimme bittend:„Verzeihe mir meine Unbeſcheidenheit, lieber Reginald.“ Reginald küßte die dargebotene Hand und ſagte:„Wir wollen Bruder und Schweſter bleiben, liebes Clärchen, nicht wahr?“ Clärchen nickte.„Und uns ſehr lieben,“ ſetzte er hinzu.„Ja,“ wollte Clärchen ſagen, aber ſie vermochte es nicht, erneute Thränen erſtickten ihre Stimme.
Reginald wandte den Kahn und beim Ausſteigen nahm Clärchen ſeine Hülfe in Anſpruch und drückte ihm dankend die Hand. Arm in Arm gingen ſie zum Wohnhaus, wo ſie ſehr befriedigt von der Baronin, ſehr überraſcht von ihrem Gemahl empfangen wurden. Man ſprach wenig mehr und trennte ſich zeitig, denn am andern Morgen wollte Reginald mit Tagesgrauen nach R. fahren, wo er ſein Gepäck finden ſollte, da noch am Abend ein Bote nach Schönau geſchickt worden war mit einem Abſchiedsbrief, welcher die Bitte enthielt, Franz möge ſeinen Weiſungen nachkommen.
Als am nächſten Morgen der Diener Reginald weckte, und dieſer um ſein Frühſtück bat, ſagte Johann:„die Herrſchaft iſt auch aufgeſtanden.“ Reginald fand auch wirklich die Familie im Frühſtückzimmer verſammelt, und Jeder ſuchte noch ſo viel als möglich Freundlichkeit und Liebe gegen ihn in die kurze halbe Stunde drängen. Der Baron hoffte ihn zur Jagdzeit nach dem Wesſnana
ver wieder in Waldbrunn zu ſehen, die Baronin dankte


