Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
162
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. NXl. V 162 Novellen⸗Zeitung.[(IV. Jahrg. 4Iſſſſſ b ALBIIM 1 DO MTIL= &.. V W. Müller v. Königswinter. b Der Rattenfänger von St. goar. Und wie in andre Welt geführt, 1 Beglückt, gehoben, weich, gerührt. Da fährt die Alte plötzlich auf: Und Lore naht und trippelt leis 8Was fällt mir ein? Gott helfe mir, Auf ihren Zehen in den Kreis. Wär' jetzt der Florens wieder hier! Da ſteht ein Geiger in der Mitte; Wer iſt der Florens? fragt das Kind. Sein Kleid zeigt andrer Landſchaft Sitte, Die Alte ſpricht:Wie Hyacinth Der ſpitze, breitgekrempte Hut 1 Ein Geiger. e davon? Beſchattet dunkel das Geſicht, 1 Florens hieß mein Urenkelſohn! So ſieht man Stirn und Wange nicht; Und Lore meint:Der Rattenfänger? Zwei Augen funkeln nur voll Gluth, So hießen ſie ihn in der Stadt, Und ſchwarze Haare ſind wie Schlangen Der mich als Kind getragen hat. In Fülle um das Haupt gehangen. Der In⸗die⸗fremden⸗Lande⸗Gänger! Der Sammetjacke knapper Schnitt, Wo mag er ſein, der Wüſte, Wilde? Die weiten Hoſen, fliegenden Bänder, Verzeih' ihm Gott! ſo ruft Frau Hilde, Der ſtraffe Strumpf, das all' ſpricht mit: Daß ihn mein Alter nicht gerührt, Der Mann gehört in fremde Länder. 1 Daß ihn der wilde Sinn verführt! Und fremd auch kommt der Töne Wogen 3e Seiltänzervolk hat ihn gewonnen, Phantaſtiſch wild und mild gezogen. al Auf und davon iſt er entronnen. Bald klingt die Melodie getragen ſoy Er ſpielt dem leichten Volk zum Tanz, Unendlich traurig an das Herz, ſor Zehn Jahre ſind's, vergaß mich ganz. Bald ſpringt und hüpfet ſie im Scherz, lie Da ſeufzt das Mädchen:Ja, er war Als wollte ſie ſich überſchlagen. K Der tollſte Bub der tollen Schaar. Es iſt ein wunderlich Gemiſch Noch heut' erzählt man ſeine Streiche, Von Andacht, Schauer, Luſt und Witz. ze Die ſind ſchier aus dem Fabelreiche. Wie Chorſang klingt's oft ſchwärmeriſch, Einſt ſah man ihn am Kirchthurmhahne, Und bald wie Zecherlieder friſch, 1 Dort flatterte ſein Tuch als Fahne, Wie Weinen weich, wie Lachen ſpitz, 1 Einſt ſchwamm er ob der Stadt im Rhein Bald zuckt's, um Tänze anzuheben! 1 Ins Wirbelwaſſer keck hinein, Und doch rührt Keiner rings die Glieder. Das derbe Boote ſelbſt umſchiffen. So mächtig packen dieſe Lieder, Er war in allen Felſenriffen Daß ſchier verſtummt der Hörer Leben. Gleich wie ein wilder Luchs zu Haus, Nun kann ihn Lore hören, ſchauen. Und prächtig konnt' er Thiere greifen, Halb fühlt ſie Freude und halb Grauen, Er lockt' ſie aus der Erd' heraus, Zu nahen dieſem ſeltnen Weſen. Er fing im Walde ſie beim Streifen, Da reißet plötzlich ab die Weiſe, Lebendig führt' er heim ſie oft, Der Fremde ſonder Federleſen 5 Fuchs, Marder, Dachs in ganzer Koppel, Nimmt ſeinen Sack, als ging die Reiſe Kür Entlang die Haide und die Stoppel! Zu Nacht noch weiter. Rüſtig faſſen 9 Sie waren zahm, eh' man's gehofft. Die Burſche in die Taſchen ſchon. T Sie ſchwiegen. Horch, ſeltſamer Ton! Ja, mancher Kreuzer wird ſein Lohn! ſ War rings im Thurm nicht Ruhe ſchon? Doch will dem Spielmann das nicht paſſen; t Der Rabe krächzt, die Federn bauſchen, Er lacht:Das laßt, ich komme wieder,. Der Kater knurrt und ſtreckt ſein Fell, Dann fiedl' ich Euch noch andre Lieder! Die Eidechs läßt die Spalte ſchnell, Und raſch vorbei der blonden Lore Sitzt unverrückt. Die Thiere lauſchen, Lenkt er den Schritt zum alten Thore. Es iſt, ls ob in leiſer Klauauauaugng1 Ungeſehn.. Die Luft durchzucke. Angſt und bang' Sprang er zum Hexenthurm im Lauf, t Wird plötzlich es der blonden Lore. Und Hilde ſiebt ihn vor ſich ſtebn. Iſt's Spuk? Nicht länger hält ſie's aus.Mein Florens! ſchreit ſie plötzlich auf. Sie ſpringet auf:Ich muß nach Haus.Urahne! lacht er ihr entgegen 1 Lebt wohl! Sie ſchwindet in dem Thore. Und nimmt die Alte in den Arm. b Doch wie ſie vor dem Thore ſteht,Ihr lebet noch, daß Gott erbarm! Da ward es klar: Vom Städtchen weht Kein Schelten, gebt mir Euren Segen! 1 Ihr in das Ohr ein Geigenſpiel. Frau Hilde bebt und betet laut, v Sie rennet durch den Heckenpfad Daß ſie den Jungen doch noch ſchaut. T Und nimmt zum Markt die Straße grad', Sie hält ihn mit der dürren Hand Der B on iſt ,r 2 5 it de elken Ar ſ T Der alte Brunnen iſt ihr Ziel, Und mit dem welken Arm umſpannt. 3 Draus Tag und Nacht die kalte Quelle Der Kater buckelt ſich hinzu, d Herplaudert, kühlig, wonnig, helle. Der Rabe ſchlägt die Flügel plötzlich, G Was ſieht ſie dort? Im Mondenſchein Die Eidechs blinzelt her in Ruh; h Stehn rings die Mädchen mit den Krügen, Die Schau iſt allen ſehr ergötzlich: 1 Die Burſchen ſtehn in langen Reihn, Sie kennen ihren Spielgenoſſen b. 6 Und ernſthaft liegt auf allen Zügen Aus Tagen, welche längſt entfloſſen. d Tiefſtilles Staunen. Wie verzücktNun laßt uns froh ſein, ruft der Jun V Sind ſie, aus dieſer Welt entrücktDaß wir uns endlich wiederſehn!) V Der Rattenfänger von St. Goar. Rheiniſche Kleinſtädtergeſchichte von W. Müller v. Königswinter. Köln, M. DuMont⸗Schauſ 856