Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
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funden hätten; dann bemühten ſie ſich, dieſelben aus dem Wege zu räumen, dem trotzigen, widerſtrebenden Cour⸗ macher entgegen zu gehn, ihn von Neuem zu feſſeln, ihn zu verſöhnen. Denn jedes edlere Frauengemüth, welches wirk⸗ lich lebhafte Neigung empfindet, glaubt bei jedem Zerwürf⸗ niß ſicher zuerſt ſich ſelbſt in Schuld, wenn auch auf unbe⸗ wußte Weiſe in Schuld gerathen. Blieb dies Entgegen⸗ kommen aber fruchtlos, fühlten ſie die innerliche Kälte durch die verbindliche Form: dann wußten ſie, daß auch die äu ßere Trennung bevorſtände, und ſie benutzten die gegebene Zeit und Gelegenheit ſich zuerſt zurückzuziehen, dankbar, daß ich ihnen die Beſchämung einer wie ſoll ich ſagen Verabſchiedung erſpart hatte. Es war das ſtets meine Philoſophie und die Philoſophie meiner Kameraden, die bewährte Philoſophie der Garde finde auch hier ihre An⸗

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wendung! Aber mein Gott, fuhr er fort,ich habe ſie bisher nur an Frauen erprobt! Doch ein Mädchen, ein junges, lei⸗ denſchaftliches Mädchen wie Clärchen, ein ſo reines, unbe⸗ fangenes, unbedachtes Gemüth, wie ſoll ich ſie zart genug, um ſie nicht zu verletzen, und entſchieden genug, damit ſie mich verſteht, auf den Punkt leiten, von dem ſie ſelbſt den richtigen Weg findet? Großer Gott! Welche Verantwort⸗ lichkeit um einen Augenblick des Leichtſinns zu büßen! Doch nein, es waren nicht nur Augenblicke des Leichtſinns, es waren lange Tage unverantwortlichen Denkens und Handelns. Bin ich nicht hierher gekommen, um die Ruhe eines jungen, liebenswürdigen Mädchen planmäßig und kaltherzig zu untergraben? Und warum? Weil ich zu ſchwächlich und erbärmlich war, mich ſelbſt zu bezwingen. Ich habe wie ein abergläubiſcher Tyrann gedacht, der, ſtatt ſich ſelbſt die Ader ſchlagen zu laſſen, um ſein ſchwarzes Blut auszuſtrömen, ſich in Kinderblut baden will. Pfui! ich könnte mir ſelbſt zum Ekel werden! Und gegen Arthur, wie ſchlecht habe ich gegen Arthur gehandelt! Ich hätte ſo⸗ gleich an ihn ſchreiben müſſen, als ich am vorgeſtrigen Abend

Novellen⸗Zeitung.

[IV. Jahrg.

ſeine Liebe zu Clärchen ahnte, um mir vor allen Dingen Gewißheit zu verſchaffen; dann hätte ich nimmermehr Clär⸗ chen geküßt, und alle Qual und Schuld hätte ich mir geſpart.

Man ſieht, Reginald war auf dem beſten Wege zu der Anſicht zu gelangen, er gehöre zum Abſchaum des Menſchengeſchlechts, zur Hefe der Verruchtheit, als plötz⸗ lich eine Stimme an ſein Ohr klang, ſo ſanft, ſo mild und doch ſo klangvoll und friſch, daß augenblicklich alle ſeine Nerven vibrirten und ſeine Pulſe voller und ſchneller klopften, und wenig Secunden darauf trat Helene, gefolgt von Tante Boddel, den Damen des Hauſes und Arthur, durch die Thür, und lächelnd auf Reginald weiſend, rief ſie: Da haben wir ja unſern Deſerteur glücklich wieder ein⸗ gefangen.

Wenn meine gütigen Wirthe mich meinen grauſamen Verfolgern ausliefern, entgegnete Reginald.

Nein, rief Clärchen, dies thun wir nicht.

Gewiß nicht, ſagte die Baronin,er ſteht im Schutze des Gaſtrechts.

So müſſen wir uns recht liebenswürdig benehmen, dann werden wir ihn verführen, entgegnete Helene. b

Man muß die Menſchen da laſſen, wo ſie ſich wohl befinden, ſagte Tante Boddel ſpitzig, ſetzte aber gegen die Baronin gewendet hinzu:und wie könnte man ſich in Ihrem Hauſe nicht wohl befinden!

Warun ſtarrſt Du mich denn ſo an, Arthur? frug Reginald.

Weil ich ſchmerzlich erſtaunt bin, nach Deiner unver⸗ antwortlichen, gepäckloſen Flucht Dich nicht als zerlumpten Bettler zu finden.

An ausgeſprochenen Wünſchen kann man ſeine Freunde nicht erkennen! rief die Baronin lachend.Aber ich bitte,

ſetzen Sie ſich doch, Gräfin. V

Man nahm um den runden Tiſch Platz, und Reginald

echten Camee einen in Onyx geſchnittenen Negerkopf; neben einer

Schlange von Rubinen einen Kranz von Diamanten.

Eines Tages trat das Kammermädchen haſtig ein und rief Der Engländer!

Nun, was iſt dabei zu verwundern? fragte die Rache lachend.

Er iſt er hat eine runde nadel!

Keine Buſennadel? Dann ſage ihm, Haus bin!

Cravatte und keine Buſen

Das Nadelkiſſen enthielt vierzehn Tuchnadeln des Englän⸗ ders, und die Rachel vertheilte dieſe koſtbaren Nadeln am Neu⸗

jahrstage lachend unter ihre Freundinnen.

Aus der neuen Welt.

Amerikaniſche Prautwerbung.

Ein Amerikaner hatte ſich ein hübſ und dachte daran ſich zu verheirathen, Abſicht, er fand in ſeinem Lande nicht das

aber ſei es Zufall,

Nachdem er von verſchiedenen Geſchäften, von wolle geſprochen hatte, ging er o rath über. er.Ich finde hier nichts Paſſendes. Sie per erſtes Fahrzeug nachſtehend verzeichnete Frau zu ſchicken. Au

1 äöj

daß ich nicht zu

ches Vermögen erworben g lal ſei es behalten im Hafen an. Weib ſeiner Wünſche. Er nahm deshalb ſeine Feder und ſchrieb an einen ſeiner Londoner Correſpondenten, deſſen Genauigkeit und Redlichkeit er kannte.

Wolle und Baum⸗ hne weiteres auf den ArtikelHei⸗ Ich habe beſchloſſen, mich zu verheirathen, ſchrieb ſ Unterlaſſen Sie nicht, mir

nöthig, aber die Frau muß aus einer ehrbaren

Familie, zwiſchen 20 bis 22 Jahre, mittlerer Größe und wohlge⸗

ſtaltet, von angenehmem Aeußern, makelloſem Ruf, geſund und

ſtark ſein. Sie muß die Ueberfahrt, den Klimawechſel gut ertra-

lgen koͤnnen, damit ich nicht genöthigt bin ſogleich eine andere zu ſuchen.

ſteuer iſt nicht

Wenn ſie nach Beſtellung mit gegenwärtigem, von Ihnen girirtem Schreiben(oder beglaubigter

Abſchrift) hier eintrifft, ſo verpflichte ich mich, beſagtem Schreiben Schutznahme zu bereiten und die Inhaberin vierzehn Tage nach Sicht zu heirathen ꝛc. 2c. William R. Als der Londoner

Correſpondent dieſen Auftrag erhielt, war er nur mittelmäßig⸗

erſtaunt; Bruder Jonathan und John Bull verſtehen ſich, wo es ſich um eine

Excentricität handelt. Nach vielem Suchen glaubte der Engländer das Verlangte ge⸗ funden zu haben; es war ein arn

nes Mädchen, aber aus ehrbarer Familie und brap, welches den Antrag ohne Zaudern annahm. Mit den nöthigen Certificaten verſehen, ſchiffte es ſich mit den anderen, für Herrn William R. beſtimmten Waaren nach

Amerika ein. Im Frachtbriefe geſchah der zukünftigen Frau Gemahlin folgende Erwähnung:Ditto, ein

Mädchen von 21 Jahren, nach Beſtellung laut beigefügten Beſcheinigungen. Alles kam wohl⸗ t f William war am Landeplatze. Als er ein Mädchen ans Land ſteigen ſah, nannte er ſich; ſie über⸗ Brief des Correſpondenten, worin man las:Die Ueber⸗ bringerin iſt die Gemahlin, welche ich laut Ihres werthen Schrei⸗ bens vom... auf Ihre Rechnung und Gefahr, beſtconditionirt, expedirte.Fraulein, ſagte der Amerikaner,nie wurden meine Wechſel proteſtirt(NB. die Geſchichte ereignete ſich vor der Handelskriſe) und ſeit ich Sie ſah, werde ich mit dem, welchen Sie

präſentiren, ſicherlich nicht beginnen; ich werde mich glücklich

hübſches gab den

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