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zu bald aber kamen die Verhältniſſe von feſtem und beweg⸗ lichem Grundbeſitz zur Sprache, und an ſie reihten ſich eine Menge ſocialer Fragen über wahres conſervatives Weſen, über die Pflichten und Rechte des Adels, über Polizei⸗ Verwaltung u. ſ. w., die intereſſant und theilweis auch ori⸗ ginell genug waren, die aber nicht in dieſe kurze Lebens⸗ beſchreibung paſſen. Es iſt genug, wenn ich ſage, daß Re⸗ ginald Arthurs Anſichten gegen die Angriffe des Barons vertheidigte, und daß er gewöhnlich den Beifall der zuhö⸗ renden Damen gewann.
Es war zehn Uhr vorüber, als man ſich trennte. Der Baron ſchüttelte dem Gaſt herzlich die Hand, die Baronin umarmte und küßte ihn, und Clärchen bot ihm mit der Hand auch die Lippen, als ob ſich dies für den Bruder ſchicke, und Reginald berührte dieſelben leicht, ohne daß ihre Wangen ſich rötheten.
Jeder ging ſein Lager zu ſuchen, um den Schlaf auf demſelben zu finden; aber dieſe gütige Gottheit ſchien heute das Herrenhaus von Waldbrunn zu fliehen, denn die er⸗ hellten Fenſter verkündeten noch lange, daß acht müde Augen ſie vergeblich erwarteten.
Der Baron und ſeine Gemahlin führten noch eine lange Unterhaltung über das zukünftige Glück ihres Kindes; ob nicht Reginald als Störenfried ihren langgehegten Plan, die Verlobung mit Arthur, zerreißen könnte; ob Clärchen ihn lieben könnte, ob er Clärchen lieben würde u. ſ. w. Endlich ſchloß der Baron:„Mag's werden, wie Gott will, thun läßt ſich dabei wenig, und mir ſind Beide recht, wenn nur das Kind glücklich wird.“
Was Clärchen dachte oder träumte, wagen wir nicht zu enthüllen, Reginald aber ſaß vor ſeinem mitgenomme⸗ nen Tagebuch und ſtarrte darüber hin.
Dann ſchrieb er, der Philoſoph:
„Waldbrunn, den 16. Mai.
O Schickſal, wie ſpielſt Du mit uns Menſchen! Unſer
Wille und unſere Gefühle ſind in Deiner Hand wie weicher
Zeitung.
[(IV. Jahrg.
Thon, Du kneteſt ihn und drückſt ihn in die ſtarren For⸗ men der Verhältniſſe, ſo daß ihn Niemand wieder erkennt, der ihn in ſeiner alten Geſtalt ſah. Bin ich es denn, der dieſe Zeilen ſchreibt? Iſt es wirklich in dem Zeitraum dieſer wenigen Tage geſchehen, daß ich die Macht der Liebe verſpottet, dann ihr getrotzt, dann mich ihr gebeugt, dann ſie geflohen habe? Habe ich geſtern Abend erſt, erſt vor vierundzwanzig kurzen Stunden, wirklich Gott angeſchrieen, mich von einer Liebe zu erretten, von der mein Herz heute nichts mehr weiß? Sprich, Herz: was iſt Dir Helene? Du ſchweigſt? nichts iſt ſie Dir, und ich, ich war ein Narr!“
Reginalds erſter Blick am andern Morgen galt Clär⸗ chen; ſie war zum Frühſtück gleich ihrer Mutter in einem Morgenkleide von roher, graugelber Seide mit großem Kragen und trug auch ein kleines Spitzentuch um den Kopf. Sie ſah etwas angegriffen aus und war ſo ſanft und ſtill, daß es Allen auffiel und die Baronin ihren Mann bedeutſam anſah, als Clärchen gewiſſermaßen ſich entſchuldigend mit leichtem Erröthen ſagte:„Ich habe ſehr ſchlecht geſchlafen, es war während der Nacht ſo warm in meinem Zimmer.“
Nach dem Frühſtück forderte der Baron Reginald auf, ihn ins Feld zu begleiten, er wolle mit ihm reiten, wenn er dies einer Fußwanderung vorzöge, obgleich letztere eigent⸗ lich allein ſich für den Landwirth ſchicke; doch Clärchen bat, der Baron möge ihn heut noch zurücklaſſen, ſie müſſe ihm erſt ihre Schönheiten zeigen, d. h. die neuen Treibhäuſer durch Dampf geheizt, ihre Spaziergänge, Bücher u. ſ. w. Und nun ſah der Baron ſeine Frau an, doch dieſe ſagte: „Clärchen hat Recht, heute ſoll er noch uns gehören; denn wenn Du ihn erſt in Beſchlag nimmſt, ſo iſt er für uns verloren.“
nachfolgender Mittheilung erfährt, der Accent, welcher auf den ſocialen Geſichtspunkt gelegt wird, unter welchem die nach knech⸗ tiſchem Uebermuthe ſchmeckenden politiſchen Verdächtigungen und Verleumdungen des Ruſſen gegen die ſogenannte„neue muſika⸗ liſche Schule“ aufzufaſſen ſind.
Ddie Pointe dieſer Vertheidigung Beethoven's finden wir in folgenden Schlußworten des Angriffes auf Ulibiſcheff:
„In dem Inhalte irgend einer Muſik den Ausdruck eines „Illuminatenthums“ erblicken zu wollen, Beethoven als einen Beſeſſenen und Tollhäusler zu behandeln— iſt einfach eine von jenen empörenden Abgeſchmacktheiten, wie ſie einem zwar ſehr unbedeutenden, aber für ſeine Perſon ganz und gar nicht tollen Menſchen nur durch ſchlechte Leidenſchaften, neidiſche Gehäſſigkeit u. dergk. inſpirirt werden können. Ein Buch zu machen wie „Beetyoven und ſeine Gloſſatoren“ gehört zu jenen Dingen, die keinem Menſchen, ſelbſt Hrn. Ulib iſcheff, irgend wo anders hätten einfallen können, als gerade zu Niſchni⸗Now⸗ gorod, wo man ſich leichter innerhalb als außerhalb der chine⸗ ſiſchen Mauer fühlen, von Liſzt als bloßem Clavierſpieler() reden kann, Herrn Fétis ſich als ein Orakel der Wahrheit wie eine Pythia auf dem Dreifuß vorſtellen und ſo weit gehen darf, Herrn Scudo als Autorität aanzuführen, Herrn Scudo, deſſen Urtheil weder von denjenigen, die ſeine Feder beſolden, noch von denjenigen, die ſeine Lobeserhebungen oder Angriffe zu erdul⸗ den haben, nur die geringſte Gültigkeit beigemeſſen wird! Sollte jemals Herr Ulibiſcheff ſich wieder veranlaßt fühlen, die Feder aufs Neue zu ergreifen, um einem Componiſten die Ehre der Be⸗ ſchimpfung zu erweiſen, welche er Beethoven hat angedeihen laſſen, und ſeine Muſik für die eines Narren oder eines Schurken
zu erklären, ſo würde es ihm anzurathen ſein, ſich doch erſt die Mühe zu nehmen ſein Dorf zu verlaſſen und ſich ein wenig um⸗ zuſehen, was in Europa ſeit dem Jahre 1813 vorgegangen ſein mag, zu welcher Zeit er es zum letzten Male beſucht hat. Er trachte dann etwas Weiteres in Erfahrung zu bringen, als in den⸗ jenigen Büchern zu leſen iſt, welche bis zur äußerſten Grenze Aſiens dringen, und beſtrebe ſich wenigſtens zu⸗ vermeiden, lächer⸗ lich und albern aufzutreten, falls er geſonnen ſein ſollte im höch⸗ ſten Grade böswillig zu bleiben.“.1⁵.—
Indem wir unſere muſikaliſchen Leſer im Uebrigen auf den Inhalt dieſer Apologeſe ſelbſt verweiſen, deren Wärme den Freun⸗ den deutſcher Kunſt an ſich erfreulich und ehrenwerth erſcheinen muß, empfehlen wir zugleich die monatlich erſcheinenden„Anre⸗ gungen“ allen Anhängern der Fortſchrittspartei in der muſikali⸗ ſchen Welt, auch für den neu beginnenden Jahrgang. Die Artikel des Probeheftes„Franz Liſzt's neun ſymphoniſche Dichtungen“ von F. Dräſeke, W. Taubert’s„Macbeth“ vom Standpunkte des Muſitdrama's von E. Müller⸗Samswegen,„Gewerbliche Kunſt und ihr Einfluß auf Volksbildung“ von J. Criſtofani u. A. bieten auch den Gegnern dieſer Partei manches Geiſtvolle und manches Beherzigenswerthe. Der panegyriſchen„Rückerinnerung an Max Waldau“ können wir, trotz eigner tiefer Sympathie mit dieſem Dichter doch nicht ganz beiſtimmen. Waldau iſt doch nur ein Dichter ungelöſter Probleme; das Gefühl, daß ihm und ſeiner ganzen Zeit die Löſung fehle, war es wohl, was ihn ſo plötzlich verſtummen ließ. Wäre dem Dichter ſelbſt ſolche Lö⸗ ſung ſo nahe wie hier ſeinem Verehrer erſchienen,— wer weiß, vielleicht dichtete er noch!
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