nehme ihn gewiß nicht mehr an, wenn er wieder kommt! Gewiß nicht!“
„Kommt er denn öfter zu Euch?“
„Verſteht ſich! Ein oder zwei Mal in jeder Woche, manchmal iſt er ſogar ſchon über Nacht hier geblieben.“ „Kennt Ihr ihn ſchon lange?“
„Mein Vater liebte den ſeinen ſehr, und im vorigen Herbſt ſuchte uns Arthur auf; der Vater freute ſich ſehr darüber und bat ihn recht oft zu kommen, und das thut er wirklich.“
„Was will er denn hier?“
„Nun, Du ſiehſt es ja: unſere Anlagen ſtehlen. Halte den Kahn feſt, ich werde einſteigen.“
„Das nenne ich aber genau copiren!“ rief Reginald. „Unſer Kahn war geſtern ganz ſo bekränzt wie dieſer. Warum iſt denn Dein Kahn bekränzt?“
„Weil geſtern mein achtzehnter Geburtstag war.“ In dieſem Alter ſetzt man noch die Zahl hinzu.
„Dann wünſche ich Dir nachträglich, liebes Clärchen, daß Du bald einen Mann bekommſt, den Du recht herzlich liebſt und von dem Du recht treu geliebt wirſt. Mir ſcheint, ich könnte ſeinen Namen errathen.“
„Wen meinſt Du denn?“ frug Clärchen, indem ſie un⸗ befangen zu ihm aufſah.
„Arthur Graf Schön zu Schönau.“
„J bewahre!“ rief Clärchen ganz eifrig.„Was Du Dir für dumme Gedanken machſt! Der kommt nur zum Vater, um Schafe ſortiren und brennen und pflügen und ſäen und ich weiß nicht was ſonſt noch zu lernen. Um mich kümmert er ſich nur, weil er meinen reizenden See ſtehlen wollte, und nun iſt er mir ganz verhaßt, das kannſt Du ihm ſagen, und ich werde es ihm auch ſelbſt ſagen. Jetzt aber laß mich nicht länger in der Sonne ſitzen, ſon⸗ dern ſteige hübſch ein.“
Reginald that, wie ihm geheißen, und band den Kahn
Novelſen⸗Zeitung.
[IV. Jahrg.
(los.„Aber,“ ſagte er dabei,„die geſtrige Kahnbekränzung in Schönau iſt mir doch verdächtig.“
„Du biſt mir ſchon langweilig mit Deinem Arthur
und ſeiner Liebe, an die er gar nicht denkt; halte lieber hübſch links, damit wir in den Schatten der Bäume kom⸗ men— ſo!“ Und der Kahn glitt vondden leicht und kunſtgerecht ge⸗ führten Rudern getrieben längs den Biegungen des Ufers im Schatten hin. Beide ſchwiegen, es ſchweigt ſich ſo gut, wenn man geräuſchlos über das dunkle Waſſer hin⸗ fliegt.
So hatten ſie den ganzen See entlang gerudert, als Clärchen rief:„Wende den Kahn um, Reginald, Du haſt die Spitze, und binde ihn dort am Pfahl feſt, ich werde ihn halten.“
Reginald folgte ihrem Befehl, ſprang dann hinaus und half ihr gleichfalls, ovgleich es eigentlich nicht nöthig war, denn ſie ſtieg auf das Ruderbret und ſprang an das Land mit der Gewandtheit, die durch Uebung von frühauf erzeugt wird.
„Da Du den Weg weißt, kannſt Du vorangehen, ich komme ſogleich nach.“ Er ging langſam, ohne ſich um⸗ zuſehen, und Clärchen, die nur ein Schuhband feſter ge⸗ knüpft hatte, holte ihn ein, ehe er noch den Gipfel des kleinen Hügels erreichte. Dort fanden ſie noch Bank und Stühle umkränzt, eine recht überflüſſige Mühe, da die den Platz umgebenden Büſche von allen Seiten ihre grünen Zweige als unverwelkliche Kränze über Tiſch und Bank ſtreckten, aber Clärchen rief doch:„Iſt dies nicht hübſch? Dies haben ſie Alles zu meinem Geburtstage bekränzt.“
So viel werther iſt dem kindlichen Herzen ein ſchnell⸗ vergehendes Zeichen der Liebe als alle unvergängliche Pracht der Natur!
Sie ſetzten ſich nieder auf zu nennende Bank, und Clärchen legte die Schoß, ſah vor ſich nieder, wie man thut,
die kaum noch geſchmückt Hände in den wenn man eine
Ben Jonſon übergeht, der ihm ſchon näher bekannt geweſen zu ſein ſcheint. Der nächſte, der Shakſpeare s gedenkt, iſt der als Operndichter und Verfaſſer anderer poetiſcher wie proſaiſcher Sachen bekannte Licentiat Barthold Feind in ſeinen„Gedanken von der Opera,“ die mit ſeinen Gedichten i. J. 1708 gedruckt wurden. Bei
ihm iſt es mir aber auch noch äußerſt zweifelhaft, ob er ſelbſt ſchon etwas von dem engliſchen Dichter geleſen hatte, obgleich Gervinus, auf den ſich Stahr beruft, keinen Anſtand genommen hat dies zu behaupten. Feind ſagt nämlich bloß:„Mr. le Chevalier Temple in ſeinem mehrmals angeführten Essai de la Poésie erzählet p. 374, daß etliche, wenn ſie des renommirten engliſchen Tragieci Shakſpeare Trauerſpiele verleſen hören, oft lautes Halſes an zu ſchreien gefangen und häufige Thränen vergoſſen.“
In Büchern aus den nächſten drei Jahrzehnten nach dem Er⸗ ſcheinen von Feind's Gedichten habe ich vergeblich dem Nanden Shakſpeare's nachgeſpürt. Noch im J. 1737 war er ſo wenig in Deutſchland bekannt, daß ihn Gottſched in der zweiten Ausgabe ſeiner„kritiſchen Dichtkunſt“ gar nicht erwähnt, auch da nicht, wo er von den engliſchen Dramatikern ſpricht; und drei bis vier Jahre ſpäter wußte Bodmer auch nur etwas von einem engliſchen Dich⸗ ter Saſpar oder Saſper, aber noch nicht deſſen wahren Namen.
Die Fortſetzung dieſes Shakſpeare⸗Aufſatzes führt es nun weiter durch, wie weit die Werke des großen Engländers bis zur Wieland'ſchen Ueberſetzung in Deutſchland bekannt waren und wie, je nach dem Maße der von ihnen erlangten Kenntniſſe, dar⸗ über geurtheilt wurde, bis mit Erſcheinen des Götz von Berli⸗ chingen die Dramaturgie der franzöfiſchen Technik factiſch Von der Herrſchaft über die deutſche Poeſie verdrängt war.
.=. 3 1:. Durch dieſes Eindringen in die Entwickelungen dramatük⸗
giſcher Ideen im Allgemeinen erſcheint uns der Koberſtein’ſche Aufſatz vornehmlich wichtig. Man ſpricht täglich und lieſt faſt
in jeder Literaturgeſchichte, in jeder Theaterrecenſion von franzö⸗
ſiſchem und engliſchem Styl des Dramass, und es iſt wohl anzu⸗
nehmen, daß in der öffentlichen Meinung eine gewiſſe Verſtän⸗
digung über dieſe Begriffe ſtattfinden muß. Eine beſtimmte,
ausführliche und gründliche Definition derſelben aber vermiſſen
wir in unſerer äſthetiſchen Literatur noch immer; über das ver⸗
ſchiedene Verhältniß, in dem Charakter, Situation und Handlung
zu einander ſtehen, über die verſchiedenen Gefetze, nach denen jedes
einzelne dieſer Momente des Drama's angelegt und ausgeführt
iſt, über die verſchiedene Oekonomie in der Conſtruction des ge⸗
ſammten Kunſtwerks wie jeder Scene bis zur kleinſten Einzelheit
hat man ſich noch immer nicht die Mühe genommen erſchöpfende heraus, ſondern nach dem Maß⸗
Was nach dieſer
Grundſätze, nicht aus der Idre 8* ſtabe der vorhandenen Kunſtwerke aufzuſtellen. ich die Hinſicht in der deutſchen Literatur, namentlich durch Gortſched und Leſſing angeregt, verbandelt iſt, darüber gibt ſchon Profeſſor Koberſtein's erwähnter„Grundriß“ einen umfaſſenden Bericht, und der Leſer hat nur, wie bei vielen andern Geſichtspunkten, nöthig, im Regiſter den betreffenden Artikel„Drama“ aufzuſuchen und die herbeigezogenen Paragraphen nachzuſchlagen, um zu einer reichen Sachkenntniß zu gelangen. Der vorliegende Shakſpeare⸗ Aufſatz bringt dazu neue ergründende Beiträge herbei. Es wäre eine verdienſtvolle Arbeit, für die er viel Dank erwerben würde, wenn Herr Profeſſor Koberſtein, dem das hiſtoriſche Material dazu in ſo reichem Maße zu Gebote ſteht, die angeregten drama⸗ turgiſchen Fragen einmal in principieller, abſtract äſthetiſcher Be⸗
handlung beantworten wollte.
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