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Nr. 9.] Dritte
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Reginald hatte, fortwährend von Clärchen genöthigt, ſchnell eine große Menge Bouillon und kalten Rehbraten vertilgt und verſicherte nun: ſeine Fähigkeit zu genießen ſei erſchöpft.
„Aber einen Kirſchkuchen,“ bat Clärchen,„ſieh, ſie ſind ſo gut, ich habe ſie ſelbſt heute früh gebacken.“
„Mit eigener Hand?“
„Mit eigener Hand. verſchmähen.“
Das that auch Reginald nicht, und fand ſie ausgezeich⸗ net;„aber die Kirſchen müſſen wohl in Deinen Treibhäu⸗ ſern gewachſen ſein,“ fügte er hinzu;„denn draußen habe ich nur Blüthen geſehen, die erſt in vielen Wochen ſolch ſchöne Früchte verſprechen.“
„Sage ihm Nichts, Mama,“ bat Clärchen.„Ja wohl, lieber Reginald, die Kirſchen ſind aus unſeren Treibhäu⸗ ſern, und noch dazu ſind es ſchöne Glaskirſchen.“
„Aber die wunderſchönen Kuchen ſind ein gelungenes Werf Deiner Hand, und ſo werde ich mir noch einen mit auf den Weg nehmen. Iſt er lang?“
„Clärchen kann Dich führen, ruhe ſanft, mein Sohn!“ ſagte die Baronin und reichte ihm die Hand, die er dank⸗ bar küßte. Clärchen geleitete ihn, dem mütterlichen Gebot folgend, bis an die Thür des blauen Zimmers, ſagte: „ſchlafe gut, aber nicht zu lange, mein Sohn,“ machte ihm einen ſpöttiſchen Knix und verſchwand.
Reginald trat ein, nahm reine Wäſche aus ſeiner Taſche und legte ſich nieder, weniger um zu ruhen, als un nachzudenken, wie plötzlich ſich Manches in ihm verändert habe—
Nun darfſt Du ſie doch nicht
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Die goldene Ankeruhr, die auf einem Tiſche neben Reginalds Sopha lag, zeigte auf 1 ½ Uhr, als er von dem Geräuſch erwachte, welches die ſich öffnende Thür verur⸗ ſachte. Er hob ſich in die Höh' und ſah einen ſchlanken,
blonden Mann von ungefähr fünf und vierzig Jahren in
leichter Sommerkleidung eintreten, den er ſogleich als den Baron erkannte, und der ihn mit dem freundlichen Lächeln begrüßte, welches ſich gewöhnlich auf dem Geſicht eines er⸗
fahrenen Mannes zeigt, wenn er einen jüngeren Standes⸗
genoſſen empfängt, dem er wohl will und der ihm Inter⸗ eſſe einflößt.
„Es freut mich, lieber Reginald,“ ſagte er zu unſerem aufſpringenden Freunde,„daß Du den vielfachen Einla⸗ dungen endlich einmal, wenn auch nach Jahren, gefolgt biſt. Ich hoffe, Du fühlſt es, daß Du uns ſehr willkom⸗ men biſt.“
Es folgte nun eins der Geſpräche, die ſich unter ähn⸗ lichen Verhältniſſen häufig und ſtets auf gleiche Weiſe wie⸗ derholen, und das daher hier keinen Anſpruch auf Inter⸗ eſſe machen kann. Als Reginald ſeinen Anzug vollendet hatte, führte ihn der Baron in das Speiſezimmer, wo ſie die Baronin ſchon fanden und Clärchen gleich darauf er⸗ ſchien. Von den Speiſen will ich nur verrathen, daß ſie
’ alle vorzüglich bereitet waren, und daß es zum Nachtiſch
kleine Kirſchkuchen gab, von denen Reginald nun erfuhr, daß die darauf befindlichen Kirſchen eingelegt geweſen waren. Das übrige Geſpräch bewegte ſich faſt ausſchließ⸗ lich auf dem Gebiet der Landwirthſchaft, die der Baron mit ſeltenem Eifer betrieb und die ihn faſt allein intereſ⸗
ſirte; bloß wenige Fragen widmete er dem Militair, dem
auch er in ſeinen jungen Jahren auf einige Zeit angehört hatte. Nach Tiſch zogen ſich die Eltern zurück, nur Clär⸗ chen führte ihren Freund in den Gartenſaal, der keinem Landhauſe fehlen darf, von deſſen Thür man über regel⸗ rechte Blumenbeete und friſche Raſenplätze hinweg einen ziemlich ausgedehnten Waſſerſpiegel erblickte, hinter welchem
Stelle mitgetheilt wurde, die darüber gar keinen Zweifel mehr aufkommen ließ, daß zum wenigſten die erſten mit jenem Namen vezeichneten Schauſpieler wirklich Engländer waren, und ſpäter⸗ vin hat ſich auch noch ergeben, daß die Kunſtwanderungen dieſer
Fremden durch die deutſchen Länder bis tief in das ſiebzehnte
Jahrhundert hinein fortgedauert haben.
Noch früher als die engliſchen hatten hin und wieder ſchon niederländiſche Schauſpielertruppen Deutſchland durchzogen und an verſchiedenen Orten Vorſtellungen gegeben. Neben und zum Theil auch wohl aus den einen und den andern müſſen ſich dann bald, wenigſtens ſchon in den beiden erſten Jahrzehnten des ſieb⸗ zehnten Jahrhunderts, deutſche Wandertruppen gebildet haben, die unter der Benennung hochdeutſcher Komödianten in dem Lande umherzogen, ohne irgendwo feſte Sitze zu haben; aus ihnen gin⸗ gen ſpäter mittelbar die berühmtern Geſellſchaften des Neuber ſchen Ehepaars, Schoͤnemanms, Koch's, Ackermann’s, Döbbelin's ꝛc. her⸗
ie Blüthe der deutſe Büh⸗ venemdi herbeifutteten“ örhundert die Blüthe der deutſchen Bü
„Wir dürfen es nicht bezweifeln, daß jene Engländer bei ihrem erſten Erſcheinen in Deutſchland ihre Stücke n ihrer Mutter⸗ ſprache geſpielt haben. An manchen Höfen und in größern, be⸗
ſonders durch Handel blühenden Städten befanden ſich gewiß un⸗
ter den Zuſchauern immer mehr oder weniger, die des Engliſchen kundig genug waren, um die darin abgefaßte dramatiſche Rede zu verſtehen, die übrigen mochten in Darſtellungen, die ihnen ganz etwas Neues waren, für das Auge einen hinlänglichen Erſatz für
1 8 doas finden, was dem Ohr vorenthalten blieb, um dadurch noch im⸗ ner angezogen und unterhalten zu werden.
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3. l Allein es dauerte gar lange, bis die engliſchen Stücke auch in Verdeutſchun⸗
———
gen geſpielt werden konnten: bereits im Jahre 1620 erſchien ein Band in ſchlechtes Deutſch übertragener„engliſcher Komödien und Tragödien, wie ſie von den Engländern in Deutſchland an könig⸗ lichen, kur- und fürſtlichen Höfen, auch in vornehmen Reichs⸗, See⸗ und Handelsſtädten“ waren„agieret und gehalten worden.“ Daß den Schauſpielen in dieſem Bande, der im ſiebzehnten Jahrhundert mehrmals aufgelegt wurde und dem 1630 noch ein zweiter folgte, der aber nicht mehr bloß aus England, ſondern auch anderswoher entnommene Stücke enthielt, wirklich engliſche, ſjedoch wahrſcheinlich ſchon vielfach mißhandelte Originalwerke zu Grunde lagen, hat Tieck in der Vorrede zum erſten Theil ſeines deutſchen Theaters hinreichend dargethan. Allein unerweislich iſt, daß eins oder das andere davon aus einem unzweifelhaft Shakſpea⸗ re'ſchen Drama hervorgegangen ſei, wiewohl das ſiebente mit den beiden Veroneſern“ ſehr viele Züge gemein hat und das achte,„Titus Andronikus,“ in einem ſehr nahen Verwandtſchafts⸗ verhältniß mit der gleichnamigen Tragödie ſteht, die von einigen Shakſpeare zugeſprochen, von andern abgeſprochen wird. Aber wir beſitzen ein anderes Stück von engliſchem Urſprung, ungefähr aus der Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts, deſſen erſte Verpflanzung auf deutſchen Boden man ebenfalls den engliſchen Komödianten wird zuſchreiben müſſen und das zu beſtimmt auf die luſtige Handwerkerepiſode in Shakſpeare’s„Sommernachts⸗ traum“ zurückweiſt, als daß nian gegen ſeinen Zuſammenhang mit Dieſem bisber hätte begründete Zweifel erheben können. Es iſt das bekannte Poſſen⸗ oder Schimpfſpiel von Andrſas Gryphius, Absurda Comica, oder Herr Peter Squenz.“ Nach Tieck s Meinun⸗g iſt dieſes Stück indeß nicht auf den„Ssommernachls⸗ a“ ſelbſt, als ſeine nach Deutſchland herübe rgebrachte Ur⸗


