Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
133
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haben, denn augenblicklich erſchien die Baronin, kam dem überraſchten Reginald mit ſo lebhaftem Schritt entgegen, als ihre Körperfülle erlaubte, und umarmte ihn und küßte ihn kräftig. So freundlich und herzlich hatte ſich Reginald den Empfang nicht gedacht, war aber natürlich durch den⸗ ſelben ſehr erfreut und gerührt, und als er nur erſt wieder ein Bischen zu Athem kam, küßte er die dargereichte volle Hand und wollte danken, die Baronin unterbrach ihn aber ſogleich:

Nenne mich nichtSie undFrau Baronin, lieber Reginald, Du biſt mein Pflegekind, ich habe Dich ſtets als ſolches betrachtet, und wenn auch der kleine, lockige Knabe nun ein großer, bärtiger Mann geworden iſt, ſo wird ſich wohl das gute Herz nicht verändert haben, die treuen Augen wenigſtens haſt Du immer noch.

Damit küßte ſie ihn von neuem, und dieſes Mal erwi⸗ derte Reginald ihren Kuß herzlich. Doch dieſe Scene hatte einen Zuſchauer oder vielmehr eine Zuſchauerin, und dies war Clärchen, die ohne Ahnung des Geſchehenen aus ihrem Zimmer kam und mit ſtummer Verwunderung auf ihre Mutter ſah, die ſo feſt den fremden jungen Mann um⸗ ſchlungen hielt.

Ja, Du biſt noch der Alte, ſagte nun die ſtarke Dame mit Mühe Athem holend,aber jetzt iſt's genug, jetzt will ich Clärchen holen mein Gott, da ſteht ſie ja! nun, Clärchen, kennſt Du denn unſeren Reginald nicht wieder?

Neginald? frug Clärchen, und Freude zitterte durch ihren Ton und blitzte durch die Züge, und ſie trat einen Schritt vorwärts, aber mehr konnte ſie auch nicht thun, denn Reginald war ſo ins ungewöhnte Küſſen hineinge⸗ rathen, daß er die erſchrocken Erröthende umarmte und, da ſie ſich abwendete, herzhaft auf die linke Wange küßte.

So iſt's recht, rief die Baronin, aber ihr verſchämtes

Töchterchen wußte in dieſem Augenblicke doch nicht, ob es

folge.

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recht ſei und ob ſie nicht lieber böſe und kalt ſcheinen ſolle, damit der ins Haus eingebrochene Herr, der ſo lange Nichts von ſich ſehen noch hören ließ, doch merke, daß zehn Jahre zwiſchen dem letzten Kuſſe und dem jetzigen lägen.

Es war nur ein Moment, während deſſen dieſe Wolke über Clärchens hübſches Geſicht flog, aber Reginald hatte ihre Gedanken errathen, er trat zurück und ſagte:

Ich habe Unrecht gethan, liebes Clärchen, daß ich von dem Sohnesrechte, welches mir Deine Mutter gütig und unverdient wieder eingeräumt hat, Dir gegenüber ſo vor⸗ ſchnellen Gebrauch machte, ehe ich auch⸗Deine Anerkennt⸗ niß meiner alten Bruderrechte erlangt hatte. Zehn Jahre Trennung machen eine große Kluft, und wer weiß, wem alle Deine Küſſe ſchon verpfändet ſind; doch die Hand kannſt Du mir geben, liebes Clärchen, wenn ich Dich bitte: verzeihe mir.

Hier haſt Du meine Hand, lieber Reginald, zu alter Freundſchaft. Und ihn treuherzig anblickend ſetzte ſie hinzu:und meine Küſſe ſind noch an Keinen verpfän⸗ det; doch, ſagte ſie lachend,das iſt ja gänzlich gleichgül⸗ tig für Dich. Du biſt aber der Alte und fängſt mit Dei⸗ nen Neckereien wieder an, wo Du vor zehn Jahren aufge⸗ hört haſt.

Sieh, erwiderte Reginald,das kommt daher, weil mir nach Eurem Empfange zu Muthe iſt, als wären die zehn Jahre gar nicht vorhanden und als wären wir erſt geſtern neben dem großen Säbel des alten Blücher im Saal zu Wahlſtatt zuſammen eingeſchlafen und heute hier aufgewacht.

Wie ſchlecht mußt Du mich unterhalten haben, daß ich auf dem Balle eingeſchlafen bin! Dies iſt mir mit mei⸗ nen langweiligſten Tänzern nicht wieder begegnet! lachte Clärchen.Denn Du warſt, dächt' ich, an jenem Abend mein einziger Courmacher?

Ja, dies Glück würde mir heute nicht wieder zu Theil

werden, ſagte Reginald wirklich mit einem halben Seuf⸗

Lucxezia Strozzi einging, welche kinderlos blieb. Francesco Cenci haßte ſeine Kinder erſter Ehe. Er ließ es ihnen an dem Nothwendigſten fehlen und ſtieß ſie, ſobald ſie heranwuchſen, in die Welt hinaus, um fern von ihn ſelbſt für ihren Unterhalt zu ſorgen. Mit Mangel kämpfend, wandten ſie ſich an den Heiligen Vaier und flehten ihn um ſeine Vermittelung an, und dieſer gebot bierauf, daß Francesco jedem ſeiner Kinder einen Jahrgehalt aus⸗ ſetze. Wuthend fügte ſich der unnatürliche Vater dieſem Gebote, und ſein Zorn, den er jetzt an den Abweſenden nicht auslaſſen konnte, traf nun um ſo mehr die Zurückbleibenden. Seine Gat⸗ tin mußte ſich ſeinen unbilligſten Launen fügen, Beatrice ſtrafte er unſchuldig mit harten Schlägen und ſchleppte ſie an ihrem langen blonden Haar umher, ohne daß ſie ihr Vergehen kannte. Ihr jüngerer Bruder wurde nicht minder hart gezüchtigt. Jahre vergingen. Beatrice, das Kind, war zur Jungfrau ge⸗ reift.Als der harte Vater eines Tages wieder ſeine Hand gegen ſie erheben wollte, fiel ihm plötzlich ihre Schönheit auf. Ueber⸗ naſch blieb er vor ihr ſtehen, als ſei ſie eine ihm neue Erſcheinung. E ſtrafte ſie jetzt nicht mebr. Bis dahin eine Gefangene in dein nuſ ihres Vaters, durfte ſie jetzt den alten Palaſt der Cenci itanterperlaſſen und ſich mancher Freiheit erfreuen. Sie ſchritt binn 8 auf die Straßen Roms, und kaum hatte man ſie geſehen, L 5 reitete ſich auch der Ruf ihrer wunderbaren Schönheit. Dieiſwollts ſie ſehen, Jeder einen Blick von ihr gewinnen. Abfr ſtumm und kalt nahm ſie dieſe Bewunderung hin, die ihr das größte Elend bereitete, das ſie treffen konnte; denn ſie durfte es ſich nicht verhehlen, die Blicke ihres Vaters vuhten auf ihr mit mehr als väterlichem Wohlgefallen. Wie ſehr ſie ſich auch träubte dieſer Ueberzeugung Raum zu geben, es war unmöglich

Und bald war es nicht mehr Beatrice al⸗ lein, deren Augen ſich dieſer unſeligen Leidenſchaft geöffnet, ganz Rom wurde endlich davon unterrichtet und zuletzt denn auch, wie das gewöhnlich iſt, Lucrezia, Francesco's zweite Gattin. Voll Entſetzen eilt ſie zu ihrer Stieftochter mit der unheilvollen Bot⸗ ſchaft, deren Wahrheit aus Beatricens bleichen Zügen zu leſen, und weinend umarmen ſich Beide und ſuchen ſich gegenſeitig Troſt einzureden. Die eiferſüchtige Gattin, die beleidigte Tochter wollen nicht ungerächt beleidigt ſein. Beatricens Herz ſchlägt hoch, ſie iſt eine ſtolze Römerin, die Leidenſchaft läßt ſie jedes andere Ge⸗ bot vergeſſen, ſie dingt die Mörder, liefert ihnen den eigenen Vater in die Hände und zahlt ihnen den bedungenen Lohn aus. Auf dem Schloſſe Rocca Petrella, dem Herzog von Colonna gehörig, wo die Familie einen Theil des Sommers fern von Rom zu⸗ brachte, ward dieſer Mord verübt, der Anfangs ein Geheimniß blieb. Sorglos kehrte die Familie in den alten Palaſt der Cenci zurück. Aber der Ankläger ſchwieg nicht. Vor Gericht ge⸗ ſtellt, leugneten ſie die That, bis die Tortur ihnen endlich die Wahrheit abnöthigte. Das Gefängniß der Corte⸗Savella nahm ſie nun auf. Hier wurde ihnen ein koſtbares Mahl berei⸗ tet das Henkersmahl, das die ſtolzen Abkömmlinge der Cenci gemeinſam verzehrten. Dann ging es zum Richtplatze. Der Papſt Clemens XII. hatte befohlen, daß die Cenci durch die Stra⸗ ßen Roms geſchleppt werden ſollten, an den Schweif wilder Pferde gebunden; der römiſche Adel lehnte ſich dagegen auf und es wurde erlaſſen. Beatrice ſtarb ungern. Schön, jung, reich, war ihr das Leben werth. Ein hohes graues Taffetkleid mit weiten Aermeln, den Kopf mit grauer, ſilberdurchwirkter Gaze umwunden, beſtieg ſie das Schaffot, ſtrahlend von Schönheit.

ſich ihr zu entziehen.