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ginald.„Ihre Fehler und Tugenden erſcheinen dem ſie Beſchauenden aus der Ferne viel ſchwärzer und viel heller, als ſie wirklich ſind.“ 1
Man ſtieg in den Kahn hinab, um in voriger Weiſe zum Waſſerfall zu rudern.— Reginald ſtemmte das Ru⸗ der gegen das Ufer, aber der Kahn ſaß ſo feſt, daß er ſich nicht bewegte; da erhob ſich Helene in ihrer ſteten Hülfsbe⸗ reitſchaft, um ſeine Anſtrengungen zu unterſtützen, plötzlich glitt der Kahn ab, Helene wankte, und unfehlbar hätte ſie der gewaltſame Ruck über Bord geworfen, wenn Reginald, der bei Allem, was er that, doch nur Augen für ſie hatte, nicht in demſelben Moment ſchon bei ihr geſtanden, die Wankende aufgefangen und die Erbleichende auf die Ru⸗ derbank niedergelaſſen hätte. Doch es war nur ein Au⸗ genblick des Erſchreckens geweſen, im nächſten lachte man ſchon über den vorigen, man fiſchte die entfallenen Ruder auf, endete ohne ferneres Abenteuer die Partie und lan⸗ dete bei der harrenden Tante Boddel.
Bei Reginald jedoch war der Scherz nur die Maske für den tiefen Schrecken, mit welchem ihn die plötzliche Ent⸗ hüllung der Größe ſeiner Liebe erfaßt hatte. Als er He⸗ lene wanken ſah, war es ſchwarz vor ſeiner ſtarken Seele geworden, und ein Gefühl hatte ihn durchzuckt, als verſänke die ganze Welt zu ſeinen Füßen, ſo daß ſeine Hülfslei⸗ ſtung eine rein mechaniſche geweſen war, und als er ſich frug: wäre ſie ertrunken, was hätteſt Du dann gethan? da fehlte ihm jede Antwort; es war ihm bereits unmöglich geworden, ſich die Welt und ſein Leben ohne ſie zu denken.
In dieſem Augenblick der Gefahr erſt hatte Reginald erkannt, wie er Helene liebte; leider mußte der Augenblick der Rettung ihm ſagen, wie wenig er auf Gegenliebe zu hoffen habe, denn die unwillkürliche Bewegung, mit der Helene, als ſie aus einem Momente halber Bewußtloſigkeit erwachte, die Hand ihres Retters von ſich abwehrte, zeigte mehr als alles berechnete Benehmen die innerſte Stimmung ihres Empfindens für ihn.
Den Tag über mied er die Geſellſchaft, am Abend ſuchte er Arthur auf ſeinem Zimmer auf.„Ich bin Dir noch die Erzählung meiner Gefahren ſchuldig, denen ich meine bewußte Philoſophie verdanke.“
„Alſo erzähle,“ ſagte Arthur lächelnd, zwei Seſſel zu⸗ ſammenrückend und Cigarren anbietend.
„Vor fünf Jahren, als ich kaum ein halbes Jahr aus dem Cadettenhauſe entlaſſen war und mein Officiers⸗ patent erſt ſo viel Monate alt war wie heut Jahre, war mir in Folge eines Sturzes mit dem Pferde und einer hinzugetretenen Erkältung beim Manöver der linke Arm gelähmt. Die Aerzte ſchickten mich nach Bad Rehme in Weſtphalen, und ich wurde wirklich in ſehr kurzer Zeit wie⸗ der ganz hergeſtellt.
„Dort lernte ich eine junge Witwe kennen, ſchön, geiſtreich, liebenswürdig, lebhaft wie eine Südländerin und gleich einer ſolchen von dunklem Haar und Auge. Außerdem ſtammte ſie, dies wird Dich intereſſiren, aus einer alten Dynaſten⸗Familie und war an einen ſehr ange⸗ ſehenen Mann verheirathet geweſen, der freilich beinahe dreimal ſo alt war wie ſie ſelbſt; man behauptete auch, er ſei ſehr eiferſüchtig geweſen und habe ſie grauſam behan⸗ delt. Wie dem auch ſei, ſein Tod hatte ſie ſehr bald erlöſt, und ſie wurde wie natürlich als zweiundzwanzigjährige, liebenswürdige und reiche Witwe von einer Schaar Ver⸗ ehrer umſchwärmt, die aber zum größten Theil mehr um ihre Hand als um ihre Liebe warben. Sie ließ ſich dieſe Huldigungen gern gefallen, nahm an allen Vergnügungen Theil, die unter jedem erdenkbaren Vorwand faſt alle Tage ihr zu Ehren arrangirt wurden, und war ſtets in glänzen⸗ der, ſonnenheller Laune. Doch Keiner konnte ſich rühmen, von ihr ausgezeichnet zu werden, und fiel ein Wort vom Heirathen, ſo trübte ſich ihr Geſicht augenblicklich, und ſie zog ſich, wenn es irgend möglich war, zurück; ging dies nicht an, ſo wandte ſie ſich regelmäßig an mich und plau⸗
bens die ganze Kraft ſeines Geiſtes und Willens zum Bewußt⸗ ſein bringen und in Thätigkeit ſetzen. 11,
Hutten war ein unruhiger Geiſt. Wanderluſt lag tief in ſeiner Natur. Er hatte das Bedürfniß, die Welt nicht bloß aus Züchern kennen zu lernen. Städte und Länder zu ſehen, Men⸗ ſchen aller Art zu beobachten, ſich unter ihnen umzutreiben, mit ihnen zu meſſen, dazu empfand er einen unwiderſtehlichen Trieb. Selbſt die Verwickelungen, Stürme, Gefahren eines ſolchen Le⸗ bens reizten ihn als ein kühnes Spiel, deſſen Gewinn ihn lockte, ohne daß der mögliche Verluſt des Einſatzes ihn ſchrecken konnte. Er hatte auch Ehrgeiz. Er wollte etwas bedeuten in der Welt: da ſah er wohl, daß er ſich mit ihr einlaſſen müſſe. 14
Mit Selbſtgefühl ſpricht Hutten mehr als einmal von dieſem Drange. Während Andere die lieben Eltern und die heimiſche Scholle nicht verlaſſen mögen, habe er das behagliche Leben, das er daheim hätte führen können, dem Wunſche geopfert, fremde Länder zu beſuchen, um ſelbſt etwas zu werden und durch Thaten ſeinem Namen Dauer zu verſchaffen. Darin habe er zu Vorbil⸗ dern die weiſeſten Männer der alten Zeit, einen Pythagoras und Plato. Und was denn auch für einen friſchen, jungen Menſchen mehr Reiz haben könne? Ich, bekennt er, wohne nirgends lieber als überall, meine Heimath iſt allerorten. Es war etwas vom fahrenden Ritter in Ulrich von Hutten.
So litt es ihn denn auch auf den akademiſchen Bänken zu Frankfurt nicht allzu lange. Wie lange, wiſſen wir freilich nicht genau. Wenn er im Frühling des Jahres 1510 von einem Jahre ſpricht, daß er für die Freunde verſchollen ſei, ſo ſcheint ſeine Ab⸗ reiſe von Frankfurt in das Frühjahr 1509 zu fallen. Und im Spätſommer deſſelben Jahres treibt er krank und mittellos an die!
Pommerſche Küſte. Wie kam das? Wo hatte er ſich in der Zwiſchenzeit aufgehalten, umgetrieben?———
Eben ſo wenig wie über die Beweggründe wiſſen wir über die Stationen und die einzelnen Begebenheiten dieſer unglücklichen Reiſe bis zu dem übeln Ausgang der Fahrt auf der Oſtſee. Und ſeltſam, auch dieſer Seefahrt gedenkt Hutten ſelbſt nicht ausdrück⸗ lich, ſondern nur des mannigfachen Ungemachs einer Wanderung zu Lande, welche auf dieſen Unfall folgte. Joachim Vadian iſt es, der uns zwei Jahre ſpäter herichtet, wie Hutten zu ihm und andern Freunden nach Wien gekommen und von ihnen als vielge⸗ prüfter Ulyſſes mit Auszeichnung empfangen worden ſei. Auf ihr Verlangen habe er ihnen dann die Abenteuer ſeiner Reiſe der Ordnung nach erzählt, wie er auf dem deutſchen Ocean, den er berührt, die Wuth der Scylla erfahren habe, ſofort am nächſten Ufer in die Hände der Cyclopen gefallen ſei u. ſ. w. Ob nun wohl in dieſer Darſtellung auch weiterhin Manches augenſchein⸗ lich in die Formen der Odyſſee gegoſſen iſt, ſo dürfen wir doch nicht ſo weit gehen, auch was von dem Unfalle zur See geſagt wird, bloß für eine der homeriſchen Parodie zulieb vorgenommene Einkleidung zu halten; um ſo weniger, da Hutten ſelbſt um jene Zeit, wenn auch nur im Allgemeinen, neben den Gefahren zu Lande auch von ſolchen zu Waſſer ſpricht, die er durchgemacht habe. Worin nun aber dieſer Unfall beſtand, ob nur in einem Sturm oder ob das Schiff ſtrandete u. ſ. f., wiſſen wir nicht.
Es iſt eine klägliche Geſtalt, in welcher unſer Ritter am Ufer der Oſtſee uns wieder begegnet. Er war gänzlich mittellos und überdies ſchwer krank. Er bettelte ſich durch das Land, klopfte an arme Bauerhütten um ein Stück Brod und ein Nachtlager, mußte aber mehr als einmal abgewieſen im Freien den harten


