Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
106
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Ich durchſuchte alſo ihren Kleiderſchrank, und was finde ich? einen großmächtigen Hering. Ich ſehe in ihre

Novellen Zeitung.

Wäſchſchübe, und richtig, in jedem derſelben liegt auch ein

gleiches gewaltiges Thier. So ſehr liebte ſie Hering, daß ſie alle ihre Kleider und ihre ſämmtliche Wäſche mit dieſem entſetzlichen Geruch durchziehen ließ.

Du übertreibſt, Tante, und erzählſt Arthurs bos⸗ hafte Ausſchmückung, aber es iſt wahr, ich liebte Hering

Mann zur Rechten der Gräfin?

ſehr, ſagte Helene ganz verſchämt und bis tief in den

Nacken erröthend, als wäre ſie noch das dreizehnjährige Mädchen, und ihr Vergehen würde eben entdeckt.

Kann ſie nun noch in Fragen der Gourmandiſe mit⸗ ſprechen? rief Arthur.Jetzt ſprichnein, Reginald, wenn ich noch an Deine Unparteilichkeit glauben ſoll.

Es iſt gut, ſagte Reginald ausweichend,wenn wir durch ſolche Realitäten bisweilen daran erinnert werden, daß die Ideale, die uns begegnen, wirklich ſind und im Zuſammenhange mit unſerer gewöhnlichen Welt ſtehen.

Arthur zuckte gewaltſam die Achſeln, Helene aber ſagte:Du, lieber Arthur, haſt noch viel dümmere Streiche gemacht.

O ja, ſagte dieſer,den beſten aber mit vier Jah⸗ ren. Damals war ich ein wilder Burſche(die Tante ſagt zwar manchmal, lieber Reginald, ich wäre es heute noch), und als ſolcher mochte ich meinem erſten Herrn Lehrer wohl viel Mühe verurſachen, ehe er mich ans Stillſitzen ge⸗ wöhnen konnte. Er ſagte daher öfters zu mir: ſchaffe Dir doch mehr Sitzefleiſch an! Ich bedachte mich lange, wie ich das wohl anfangen ſollte, endlich faßte ich mir ein Herz und bat meine Mama aufs Schönſte, ſie möchte doch den Koch zum Fleiſchhacker ſchicken und mir ein Pfund Sitze⸗ fleiſch holen laſſen.

Alle lachten. Das Diner war beendigt. Man erhob ſich, um an dem Sophatiſch Kaffee zu nehmen. Arthur aber war ernſt geworden und ſagte:Ich glaube, es war dies das einzige Mal, wo ich meine Mutter lachen ſah.

(IV. Jahrg.

Tante Boddel ſtimmte mit zwei Thränen in den Augen zu, und man erging ſich in Familienerinnerungen, während Reginald zu Helene ſagte:Wer iſt denn dieſer blonde Dieſer iſt doch kein Schön?

Nein, er iſt der erſte Mann meiner Mutter, ein Brett⸗

witz. Sie wünſchte ſein Bild neben dem ihren hängen zu ſehen. Ich habe ſie nie begreifen können, ſetzte Helene

leiſe hinzu.

Warum? frug Reginald dagegen. erſten Mann trotz ihres zweiten liebte?

Nein, weil ſie überhaupt den zweiten, wenn es auch mein Vater war, heirathete.

Es mag für das weibliche Gefühl etwas Verletzendes in dem Gedanken liegen, ich kann dies nachfühlen; doch mehr noch muß ich mich über den Mann wundern, der einer Frau in zweiter Ehe anzugehören ſich entſchließt

Du mußt wiſſen, fiel hier Arthur ſchnell ein,Re⸗ ginald iſt ein geſchworner und principieller Feind aller Witwen!

Reginald merkte, daß Helene betroffen war, er ſah Tante Boddels große Augen, aber er erkannte keinen Zu⸗ ſammenhang mit ſeiner Rede und fuhr dreiſt fort:Sicher thut der Mann, der eine Witwe heirathet, eine große Thor⸗ heit, denn wenn die Frau ihre erſte Ehe mit aufrichtiger Liebe ſchloß, ſo wird er ihr dieſe nie erſetzen können, man kann nur einmal lieben!

Jetzt mußte Reginald doch erſchrecken über das, was er geſagt hatte. Welchen Eindruck riefen ſeine Worte her⸗ vor! Helenens Augen ſtanden voll Thränen, ſie drückte die Hand vor das Herz und mit krampfhaft ſchluchzender Stimme ſagte ſie, das Zimmer verlaſſend:Ja, Herr v.

Weil ſie ihren

Perlmeer, Sie haben Recht, man kann nur einmal lieben!

Auch Tante Boddel, dieſelbe Aeußerung ihm entrüſtet hinterlaſſend, ging ihr ſchleunig nach. Reginald war wie

Der Wiener Banquier, Baron Sina, hat ebenfalls dadurch von ſich ſprechen gemacht, daß er während ſeines Aufenthaltes in

Paris in dem von ihm bewohnten Höôtel du Louvre täglich 1000

bis 1200 Fr. ausgab und bei ſeiner Abreiſe unter die Dienerſchaft ein pour boire von 2000 Fr. vertheilen ließ.

Ein Ereigniß von welterſchütternder Wichtigkeit ſteht bevor. Man ſpricht in den ariſtokratiſchen Kreiſen ſehr ernſthaft von der

Wiedereinführung der Menuet.

Was für Gründe die Hausbeſitzer noch erfinden werden, ihre Miethsleute zu ſteigern! Eine Witwe entſchuldigte ſich bei ihren Abmiethern wegen der Steigerung: ſie ſchreite zu dieſer Maßregel mit Bedauern, und nur, um dem letzten Willen ihres verſtorbenen Gatten zu entſprehen.

Die Schauſpielerin Al O hat einem Herrn, den ſie nur ganz oberflächlich kannte, durch ihr Teſtament 20,000 Fr. ver⸗ macht, und zwar unter Begleitung folgender Worte: Zum Be⸗ weiſe dankbarer Erinnerung dafür, daß er mich bei einer Begeg⸗ nung am Ausgange des Induſtriepalaſtes achtungsvoll grüßte während er eine Dame von ſehr hohem Range führte. Dieſer Gruß drang mir in das Herz und kam durch dieſes in mein Te⸗ ſtament.

Der Schauſpielerin Düverger wurde ein prachtvoller Arm⸗ ſeſſel, ein Wunder der Kunſt und Bequemlichkeit und im Werthe von wenigſtens 500 Fr., überbracht.

Von wem? fragte die Künſtlerin den Träger. Von einem Freunde. 12 3 Einem Freunde? Der Ausdruck iſt ſehr unbeſtimmt; aber das muß ein Irrthum ſein. Es fehlen die übrigen elf Seſſel! O, künſtleriſche Beſcheidenheit. a.

Man erſtickt jetzt förmlich in Blumenduft. Ein reicher Por⸗ tugieſe hat einen Salon eröffnet, in dem man nicht ohne Gefahr verweilt. Die Blumen kletterten vom Hausflur an die Treppen hinauf, bildeten im Salon die Tapeten wie die Decke; die Leuch⸗

ter verloren ſich in Blumen, die Vorhänge, der Damaſt waren damit beſäet. Blumen, natürliche Blumen, nichts als Blumen! Im Vorſaale ſtanden vier Grenadiere von Blumen, die unter Palmen Schildwache hielten, auf denen helle Glaskugeln leuchte⸗ ten. Es war eine Decoration von 17,000 Francs. Das iſt nicht zu verwundern, wenn man weiß, daß Spalier⸗Cameliadie nur alle zwei Jahre blüht, 4500 Fr. werth iſt und 25 Procent Miethe koſtet. Viele Damen waren nur einmal im Stande, die Gemächer des portugieſiſchen Marquis zu durchwandeln; ſie zogen ſich eilig mit einer Migraine à la fleur d'orange zurück. Andere fliehen vor einer Cephalalgie aux ananas. So poetiſch wird man jetzt in Paris martyriſirt! Um elf Uhr mußten alle enſter geöffnet werden, kein Menſch konnte die Emotion der Kopfnerven länger aushalten. Schnupfen und Huſten drangen von draußen herein, um den Götterkampf mit den Blumengeiſtern zu beſtehen. Um Mitternacht war die Hedſchra allgemein, kein Menſch hatte den Muth auf das Souper zu warten. Der Marquis ſelbſt de⸗ ſertirte vom Schlachtfelde und ſchlief bei einem ſeiner Freunde. Freundliche Einladung an die Erſtickungsluſtigen, Blumenduft

Nr. 1.]

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