Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
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beleidigen würden! Warum bemühen ſich im Gebiet der geiſtigen Formkunſt, im Drama und vorzüglich im Roman faſt alle ſchaffenden Künſtler um die Wette, nur möglichſt fehlerhafte, ja ſcheußliche Helden und Heldinnen vorzufüh⸗ ren? Wenn wir ihnen im Leben nur zu oft begegnen und ſie ertragen müſſen, ſo ſollte uns doch die Kunſt mit dieſen Mißgebilden verſchonen oder ſie höchſtens als Caricaturen zeichnen, um uns für unſer Dulden durch Lachen zu ent⸗ ſchädigen. Belehren und veredeln wird ſie durch ihr un⸗ ideales Streben ſchwerlich.

Helene gab zu, daß ihr hübſche Leute auch beſſer gefie⸗ len wie betrunkene Bauern und zankende Weiber, aber auf die Dauer ſei es langweilig, nichts wie Schönheiten und Edelmuth zu ſehen und zu hören; ein wenig Schatten ge⸗ höre auch ins Bild, und ein ſchlauer Böſewicht ſei gewöhn⸗ lich unterhaltender als ein guter Dummkopf.

Das iſt ja das Unausſtehliche, daß die Guten immer dumm und die Schlechten immer klug geſchildert werden, begann Reginald; doch Arthur, der während dieſer Zeit eingetreten war, unterbrach ihn und ſagte lachend:Höre, alter Freund, Du wirſt es mir nicht übel nehmen, wenn ich glaube ähnliche Anſichten ſchon früher von Andern gehört zu haben.

Das ſei auch ferne von mir, lieber Arthur, entgegnete Reginald,für den Alleinweiſen gelten zu wollen. Sagt

doch Goethe ſelbſt:Alles was Du denkſt iſt ſchon einmal

gedacht worden und der Ausſpruch Salomo's:Nichts Neues beſcheint die Sonne wird Dir ſchon durch ſein Alter ehrwürdig ſein.

Halt! Halt! Du fängſt an Reden zu halten, nun wirſt Du gefährlich! Darf ich Dir meinen geſunden Arm anbie⸗ ten, liebe Tante? Reginald, führe Helene.

L1 Sie ſetzten ſich, und Helene begann:Mein Bruder hat Sie vorhin in unſerem Geſpräch über Natur und Natür⸗ lichkeit unterbrochen; es iſt dies aber ein Thema, welches

Novellſen⸗Zeitung.

ich liebe, und da Sie auch über daſſelbe nachgedacht haben, ſo wollen wir uns nicht wieder ſtören laſſen.

So viel ich mich erinnere, hatten wir unſer Geſpräch über Kunſt ziemlich beendet, gnädige Frau, und es ſcheint, daß die Natürlichkeit jetzt den Stoff unſeres Disputs bil⸗ den ſoll..

Ich denke, Sie werden die Anſicht theilen, zu der ich mich bekenne, und unbefangene Natürlichkeit wenigſtens lieben, wenn nicht die reine Natur.

Ich ſtehe leider der Natürlichkeit gerade ſo gegenüber wie der Natur.

Was? Sie verdammen auch die Natürlichkeit?

Nein, ich verehre echte, ſchöne Natürlichkeit, wie ſie mir in Ihnen entgegentritt, gnädige Frau

Bedanke Dich, Helene, warf Arthur ein.

Ich danke, mein Herr.

Reginald verbeugte ſich und fuhr fort: wie ich die ſchöne, wahre Natur liebe. Aber Natürlichkeit iſt jetzt eben nur Modeverlangen, weil ſie ſo ſelten angetroffen wird, und eben darum wird ſie auch ſo vielfach gefälſcht und nachgeahmt. Die wirklich liebenswürdige Natürlichkeit bedingt beſondere Herzensgüte, mit ſcharfem Verſtande gepaart. Fehlt Eins von Beiden, iſt ſelbſt die wahre Na⸗ türlichkeit unangenehm, entweder ſchwächlich und langwei⸗ lig, oder grob und verletzend, ſo daß ich nachgeahmte Na⸗ türlichkeit oft vorziehe, da dieſe mit Bewußtſein handelt und daher mehr oder minder im Beſitz beider Grundſtoffe der Liebenswürdigkeit erſcheinen will.

Erklären Sie dies doch ein wenig deutlicher, Herr Philoſoph, ſagte Helene.

Dann muß ich aber wieder eine lange Rede halten, wie Arthur ſagt.

Schadet Nichts, er ſoll Sie nicht unterbrechen; über⸗ dies iſt die Suppe fürchterlich heiß, und ſie kühlt, während Sie ſprechen.

Ich habe in Berlin Gelegenheit, in jedem Jahre eine

letriſtiſchen wie von denen der politiſchen Blätter. Ich brauchte

mich gar nicht weit in das Alphabet zu verlaufen, um Dir eine

Zeitung zu nennen, die gewaltig hoch zu Pferde ſitzt, deren Redac⸗

rion ihr Blatt für mindeſtens eine europäiſche Großmacht hält und welche bisweilen in einer Anmerkung ein Wort an ihrege⸗ ehrten Herren Correſpondenten richtet, das ſich harmlos in die Mehrzahl verirrt. Freunde, obwohl, wie jeder vernünftige Menſch, nur wenige, der correſpondirt für jenes Blatt. Seine Ehrlichkeit hat ſich kerzengerade gegen das Anſinnen der Redaction aufgebäumt, unter verſchiedenen Zeichen aus verſchiedenen Orten zu berichten, zu thun, was der Sachwalter in Fielding'sTom Jones bedauert nicht thun zu können, ſich in zehn Stücke zu zerſchneiden und jedes an zehn Orten auftreten zu laſſen. Ich glaube, er hat ſich zuletzt gefügt, der Arme. i 4

Am Ende

Richtig; am Ende hat das wenig oder nichts auf ſich, wenn nur die Meldungen wahr ſind. Am Ende iſt es bloß ein Stück⸗ chen Aufſchneiderei, wenn eine Redaction einen ihrer Correſpon⸗ denten zu zehn Schüſſeln aufſchneidet. Und am Ende, mein klu⸗ ger Menſch, hätteſt Du dieſe Einſicht haben und Dich dabei be⸗ ruhigen können, ehe Du mich mit Deinem Coquin unterbrachſt. Im Uebrigen aber, gäbe es nicht Leſer, die Alles leſen und Nichts vergeſſen, Leſer, die vor Nichts zurückbeben, unermüdliche, nicht todt zu machende Leſer, mit wenig Scharfſinn und Unter dungsgabe und als gewöhnlichen Erſatz einem katakombenmä⸗ ßigen Gedächtniſſe, wie ſchön, ich meine, wie einträglich wäre es, es wäre eine der ſüßeſten Sinecuren, mit von fünfzig bis hundert Thalern Jahresgehalt oder mit von fünf Silbergroſchen bis einem

Ich habe einen Freund Du weißt, ich habe

Unterſchei⸗

Thaler Honorar für eine Spalte von neunundvierzig enggedruck⸗ ten Zeilen Dresdener Correſpondent deutſcher belletriſtiſcher Jour⸗ nale zu ſein. Das erſte Jahr freilich äße man ein ſaures Stück⸗ chen Brod, wäre der Holzhacker, was ſage ich Holzhacker! der ſtädtiſche Sträfling in grauer Jacke und Leinwandboſe, welcher Mittwochs und Sonnabends, wenn gutes Wetter iſt, den Pirnai⸗ ſchen und den Dippoldiswalder Platz oder andere Plätze gemüth⸗ lich langſam fegt, wenn ſchlechtes Wetter iſt, ruhig zu Hauſe bleibt und die Plätze ſich ſelbſt fegen läßt, er wäre ein glücklicher, beneidenswerther Menſch. Doch das erſte Jahr überſtanden, und kein conſtitutioneller König lebte ſorgenfreier. Man brauchte dann bloß das Datum des Berichtes vom betreffenden Monate des vorigen Jahres zu ändern, der Bericht ſelbſt bliebe wörtlich derſelbe; man ſchriebe ihn unverändert ab, dafern man gleich Jean Jacques Rouſſeau eine Leidenſchaft fürs Abſchreiben hätte, oder ließe ihn abſchreiben, dafern man ſo ungern abſchriebe wie z. B. ich, ſendete das Manuſcript fort und hätte nach Verhältniß der Anſicht das viele oder wenige Honorar mit leichter Mühe ver⸗ dient. Ein halbes oder ganzes Dutzend Jahre könnte man das Geſchäftchen ſo fortſetzen, wenn es nicht, wie geſagt, jene unglück⸗ lichen Leſer mit katakombenmäßigem Gedächtniſſe gäbe. Und die Redacteure nicht zu vergeſſen, mon cher. 31. Die Redacteure? Wozu die? Die würden wahrhaftig nicht hindern. 5 4 Du glaubſt, die würden ſich das gefallen laſſen, würden ihr ſchönes Geld wieder und wieder für dieſelbe Waare bezahlen? Das glaube Herodes! Ich bin kein Herodes, mein Ungläubiger, aber ich glaube es und will Dir auch ſagen warum. Zuvor aber die Bemerkung,

lIV. Jahrg.

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Nr. 1.)

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