Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
88
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denn eine eigenthümliche Erſcheinung, lich jahrelang vergeſſene Bilder durch einen anklingenden Ton oder Geruch oder äußeren Gegenſtand wachgerufen werden und ſich mit überraſchender Deutlichkeit unſrer Be⸗ trachtung aufdrängen. So ſtand vor ſeinen Augen, viel⸗ leicht durch die blühenden Bäume am Wege hervorgerufen wie durch einen Zauberſchlag, der Gaſthausgarten zu Wahlſtatt mit ſeinen blühenden Bäumen. Er ſelbſt er⸗ ſchien ſich als dreizehnjähriger Cadett, bei ihm ſein früh⸗ verſtorbener elfjähriger Bruder, dann ein gleich alter locki⸗ ger Burſch und vor Allen deſſen reizendes achtjähriges Schweſterchen mit den fliegenden blonden Locken, dem tö⸗ nenden Stimmchen, der ewig heiteren Beweglichkeit und übergroßen Zärtlichkeit, deren Hauptgegenſtand er war. Auch ſein früherer Hauslehrer, der den Bruder zum Exa⸗ men begleitete, ſtand dabei und blies auf einem primitiven Inſtrument, ich kann ſeine Mechanik verrathen, es war ein mit Papier umhüllter Kamm, und die kleine Geſellſchaft walzte und galoppirte zu dieſer herrlichen Muſik nach Her⸗ zensfreude. O glückſelige Kinderluſt, deren Phantaſie, mächtiger wie Midas, auch das Geringſte in lautern, ſtrah⸗ lenden Freudenſtoff verwandelt!

Und dann kamen der Baron Hallſtein und ſeine Ge⸗ mahlin mit den großen, freundlichen, braunen Augen, und ſie küßte den kleinen Wirth, der ihre Kinder mit Bonbons und Chocolade tractirt hatte, und da ſie hört, er habe keine Mutter mehr, wollte ſie ſeine Mutter ſein, und er muß bei ihnen ſpeiſen, und es gibt köſtlichen Champagner und wundervolle Mehlſpeiſe, und das kleine Clärchen will durchaus neben ihm ſitzen und läßt ihn gar nicht eſſen, weil ſie fortwährend Küßchen haben will, bis die Mama ſehr ernſt ſagt: Das paßt ſich nicht für ein junges Mäd⸗ chen. Dann folgt ein thränenreicher Abſchied und nach einem halben Jahr ein freudenvolles Wiederſehen und ei⸗ nige Tage Schwelgerleben in allerlei Obſt, und ein Cadet⸗ ten⸗Ball zum Geburtstag des Königs am 15. October,

Noveſſen⸗Zeitung.

lIV. Jahrg.

daß oft ganz plötz⸗ bei welchem Clärchen nur mit Reginald tanzen will und

zuletzt Beide zuſammen einſchlafen. Und wieder folgt Trennung und diesmal Trennung ohne Wiederſehen. Zu Weihnachten erſcheint zwar eine Börſe, von Clärchens klei⸗ nen Händen gearbeitet, und hin und wieder eine unortho⸗ graphiſche Einladung zu den Ferien, auf ſehr ſchönen Brief⸗ bogen mit Paradies-Vögeln, die ſich auf goldenen Zwei⸗ gen ſchaukeln, und einem bunt gekleideten Tänzerpaar, dem ſie die ſchönſten, taktvollſten Polka's vorſingen mögen. Die Einladungen können aber nicht angenommen werden und hören bald auf, und ſeit acht Jahren gibt es keine Nachricht mehr von ihr.

Da raſſelt der Wagen auf dem ſchlechten Steinpflaſter von R. und Reginald kann nur noch ſchleunigſt den Ent⸗ ſchluß faſſen, ſich in Schönau nach ſeinen früheren Freun⸗ den zu erkundigen, denn ihre Beſitzung Waldbrunn muß in der Nachbarſchaft liegen, und wenn die Verhältniſſe es erlauben, will er ſie aufſuchen. Damit hören ſeine Gedan⸗ ken auf; denn wer kann denken, wenn er über ſchlechtes Steinpflaſter gerädert wird?

Endlich zieht Gottlieb die Zügel an, ruft: Brrr, und der Wagen hält vor dem Stations⸗Gebäude. Dienſtfer⸗ tige Gepäckträger ſpringen herzu, nehmen dem eifrigen Franz, der in der kurzen halben Stunde bis zur Ankunft des Zuges einen unendlich langen Beſorgungszettel ablau⸗ fen ſoll, den Mantel ab und leiten Reginald in den Salon; Gottlieb aber bedeckt die warmen Pferde, damit ſie von den ſchwärmenden Fliegen nicht zu arg gequält werden, und führt ſie in den durchſichtigen Schatten, den das junge Laub einer alten Kaſtanie auf den Weg wirft.

Das Erſte, was Reginald beim Eintritt in die Augen fiel, war eine Geſellſchaft junger Männer, welche dieſen Salon als Vergnügungs⸗Ort zu betrachten ſchien: ſie rauchten, ſpielten Karten, Schach, Domino, ſchwatzten und lachten. Es waren anſtändig ausſehende Civiliſten, und nur ein Infanterie⸗Officier verrieth durch Sporen an den

während er im Reich der Geiſter und Geſpenſter einen laufenden Credit hatte, und die Geſtorbenen ohne allen Rückhaßt ihm ihre ehemaligen Leiber zu jeder beliebigen Benutzung borgken. Man ſagt, daß er nicht nur beſondere Hohlſpiegel dabei angewandt, ſondern auch einen mit Milchflor beſpannten Rahmen erfunden habe, auf dem ſich die Geiſter bei ihm mit dem größten Vergnügen einfangen ließen. Der vornehme Herr, welcher Schrepfer's Ap⸗ parate geerbt, ſoll damit bei weitem glänzendere Geſchäfte gemacht haben und wird gewiß nicht nöthig haben ſich wegen ſeiner Schulden zu erſchießen, wie dies Freund Schrepfer im Leipziger Roſenthal gethan haben ſoll.

Die weitere politiſche Debatte der Audienz übergehen wir. Th. Mundt läßt Mirabeau das Geſpräch mit den Worten enden: Ein Staat kann ſeine Beſtimmung verfehlen, wie ein einzelner Menſch. Zuweilen glaubt man, daß ein Staat ſeiner Größe entgegenreift, und wenn man eines Tages näher zuſieht, gewahrt man an ihm ſchon die Fäulniß, die vor der Reife eingetreten iſt, bekanntlich das berühmte Wort Mirabeau'sPourriture avant maturité, das er in Bezug auf das damalige Preußen gethan!

Portraits. Der Herzog von Reichſtadt.

Wir entlehnen dieſe anziehende kleine Skizze den kürzlich in Frankfurt a. M. erſchienenenErinnerungsblätter aus den Pa⸗ pieren eines Diplomaten von Franz Frhrn. von Andlaw.

Ich ſah den Prinzen zum erſtenmal im Jahr 1818 zu Schönbrunn; er war damals 7 Jahre alt, ein ſchönes Kind mit

blonden Locken und jugendlich friſchem Geſicht, ſanften, blauen Augen.

geIm Jahr 1826, als ich ihm zum zweitenmal begegnete, war er ſchon raſch aufgewachſen, ſehr groß für ſein Alter, doch noch von blühendem Ausſehen, ungemein freundlich in ſeinem Beneh⸗ men. Er war ſchlank, behende, ritt, tanzte, ſchwamm gut und zeichnete ſich in allen Leibesübungen aus. Gegen das Jahr 1830 nahm das Wachſen mit der Magerkeit zu; Geiſt und Körper wa⸗ ren gleich lebhaft angeregt von einer beinahe verzehrenden Thä⸗ tigkeit; er ergab ſich mit Leidenſchaftlichkeit den militäriſchen Stu⸗ dien und den kriegeriſchen Uebungen. Als ich den Herzog im Jahre 1832 zum dritten⸗ und letztenmal ſah, erſchien er ſchon mehr ein Geſpenſt, eingefallen, mit bleifarbenem Teint und erlo⸗ ſchenen Augen. Die kurze Erſcheinung des Herzogs von Reich⸗ ſtadt beſchäftigte die Politik wie die Einbildungskraft; er regte wohl die letztere mehr an. Als politiſche Perſönlichkeit, als Haupt einer Partei war ſeine Stellung zu paſſiv, ohne Thatkraft und eigenes Eingreifen in die Ereigniſſe. Aber als vorübergehende Geſtalt liegt etwas ungemein Anziehendes und Poetiſches in ſeiner verhängnißvollen Exiſtenz wie in ſeinem Geſchick.

Bei ſeiner Geburt mit dem ſtolzen Titel eines Königs von Rom begrüßt, erhielt er mit der Benennung als Herzog von Reichſtadt die Herrſchaft gleichen Namens. Das Patent des Kaiſers über dieſe Verleihung iſt vom 22. Juli 1818. An dem⸗ ſelben Tag im Jahr 1822 erfuhr er den Tod ſeines Vaters, und wieder der 22. Juli 1832 war es, an dem der Prinz ſtarb. Als Napoleon II. geht er nun in die Geſchichte über..

Das beſte vollſtändigſte Werk über den Herzog iſt von Mont⸗ bel geſchrieben; die darin enthaltenen Thatſachen ſind vollkommen

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