Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
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es gezeigt hatte. Doch in dieſem Augenblicke war ſein n gänzlich auf das Bild gerichtet, welches ihn entzückte. wohl könnte nicht ein Gleiches ſchon aus ſeiner Er⸗ ahrung erzählen? Tauſende von Geſichtern, ſchöne, geiſtreiche, charaktervolle, liebliche ſehen wir an uns vorübergehen, ſehen wir mit allem anregenden Reiz, den das Leben gibt, uns entgegentreten, und doch laſſen ſie uns kalt oder nehmen unſere Theilnahme nur in geringem Grade in Anſpruch; ja dieſe Theilnahme gilt noch da⸗ zu dem Geſicht am wenigſten, ſondern zumeiſt den an⸗ deren Eigenſchaften oder Verhältniſſen der Perſönlichkeit. Auf einmal aber ſehen wir ein Bild, oft nur das Geſchöpf der Phantaſie des Malers oder das Portrait des einſtigen Antlitzes eines jetzt längſt ſeligen Geiſtes, und unſere Seele erkennt in ihm mit der Sicherheit und Schnelligkeit der Offenbarung das verkörperte Ideal, welches ihr unbe⸗ wußt vorſchwebte, den Stempel ihrer Schweſterſeele; die⸗ ſer Augenblick wirkt auf das ganze Leben hinaus, denn er genügt dies Bild ſo feſt in das Gedächtniß zu prägen, daß weder Zeit noch Begebenheiten es verdunkeln; begeg⸗ net uns dann ein Geſicht, das uns anziehen könnte, ſo ſtellt es ſich herausfordernd neben daſſelbe, drängt es tief in den Schatten zurück und raubt ihm ſeinen Reiz. Be⸗ gegnen wir aber dem Originale, ſo müſſen wir uns ihm in Liebe verbinden, trotz der widerſtrebendſten äußeren Verhältniſſe, oder wir opfern unſere beſten Kräfte im Kampfe gegen dies Phantom und erliegen ſelbſt als Sie⸗ ger den empfangenen Wunden. Solch ein folgenſchwerer Moment war in dem Leben Reginalds von Perlmeer eingetreten und erfüllte ſeine

Novellen⸗Zeitung.(IV.

Seele mit unbeſtimmten, unfaßbaren aber bedrückenden preußiſchen Officier zu errathen, der bequeme Sommer⸗

Ahnungen. Er fühlte die Wirkung, ohne ſich die Urſache derſelben klar machen zu können. Doch Reginald war

rundem grünem Lederpolſter verſehenen, vergoldeten Stuhl mit ſteifer, runder, einem gebogenen Blatt ähnlicher Rückenlehne an den ausgeſchweiften Tiſch, deſſen Beine ſich während ihrer langen Daſeinsdauer unter der Schwere der Platte gekrümmt zu haben ſchienen, und ſuchte zur Fortſetzung des vor ihm liegenden Briefes den Faden wie⸗ derzufinden, den der Eintritt von Tante Boddel zerriſſen hatte.

Er mußte ihn auch bald wieder angeknüpft haben, denn die Feder flog ſchnell über das Papier, und nur zu⸗ weilen legte er ſie nieder, ſtützte den Kopf auf den aufge⸗ ſtemmten linken Arm und fingerte mit der rechten Hand auf dem Tiſch wie ein Kind, das Läufer auf den Taſten übt: eine Bewegung, die bei einem Schreibenden verräth, daß er Sylben zählt, um regelrechte Verſe aufs Papier zu bringen.

Alle ſeine Züge, Stirn, Naſe, Mund, Kinn waren wohlgeformt, aber nicht von jener ſcharfgeſchnittenen grie⸗ chiſchen Schönheit, ſondern ſtark, von einer gewiſſen deut⸗ ſchen Breite und Rundung, zeigten ſie einen feſten Cha⸗ rakter an, der durchführt, was er für Recht erkannt hat. Der Hauptausdruck aber lag in den dunklen Augen; lä⸗ chelte er mit dieſen, ſo ſtrahlte ein ſo mildes Licht über die unveränderten Züge, daß ſie den tiefen Eindruck von Weis⸗ heit und Güte machten, und blitzte die Leidenſchaft in ih⸗ nen auf, ſo ſchwor man, der dunkellockige Sohn des Mars ſei Pole oder Italiener.

Auch Reginald von Perlmeer war Soldat, er diente im gleichen Regiment mit Arthur, und aus der Kamerad⸗ ſchaft war eine feſte, innige Freundſchaft erwachſen; doch jetzt vermochte man nur am Schnitte des Bartes den

anzug von hellem leichten Wollenſtoff, gefüttert mit grauer

keineswegs der Mann, ſich von einem unbeſtimmten Gefühl Seide, die ſich in den weiten Aermeln und den vorderen

tyranniſiren zu laſſen; er murmelte noch einige Male: zu

Aufſchlägen dem Auge aufdrängte, das ſeidne Gazetuch,

ſchön, wirklich zu ſchön, und dann zog er den mit zirkel⸗ leicht um den Hals geſchlungen, die grauen Zeugſtiefelchen

Feuilleton.

05.

Mirabeau und Biſchoffswerder.

Th eodor Mundt in ſeinem neueſten BucheGraf Mira⸗ beau(4 Theile. Berlin, Otto Janke. 1858) nimmt den bekann⸗ ten Aufenthalt ſeines Helden in Berlin wahr, um(deſſen eignem Werke Histoire secrète de la Cour de Berlin folgend) die dama⸗ ligen Zuſtände des preußiſchen Hofes, ganz beſonders aber den Umſchlag des Syſtemes mit dem Tode des großen Friedrich zu ſchildern, und iſt in dieſer Hinſicht das Capiteleine Audienz bei Herrn v. Biſchoffswerder, der mit dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelms II. damals ſo eben an das Regiment gekom⸗ men war, charakteriſtiſch. Wir werden in die wunderbare Zeit verſetzt, in der Aberglaube und Unglaube, Frömmelei und Mai⸗ treſſenwirthſchaft, Roſenkreuzerei und Gaunereien à la Caglioſtro um die Herrſchaft in den öffentlichen Dingen ſich ſtritten. Graf Mirabeau hat ſo eben ſeine Schrift über Caglioſtro und Lavater (1786) vollendet und will ſie dem General von Biſchoffswerder als hommage d'auteur überreichen; über ſeine Abſicht dabei läßt Th. Mundt ſeinen Helden ſelbſt ſich ausſprechen:Ich denke ihn da⸗ durch im Geſpräch ſogleich auf das Glatteis ſeiner eigenen Rich⸗ tung zu führen. Denn was iſt dieſer Biſchoffswerder anders als

unſer Caglioſtro, wenn auch vielleicht in einem mehr ſpießbürger⸗ lichen Styl und mit weniger Genialität der Gaunerei, als ſie der italieniſche Abenteurer an ſich zum Beſten zu geben vermag. Ich habe in Caglioſtro ein Werkzeug der Jeſuiten geſehen, und was werden die preußiſchen Caglioſtro's, dieſe Biſchoffswerder und Wöllner, hier anders ſein? Uebrigens höre ich, daß die Roſen⸗ kreuzerei, deren Obere ohne Zweifel Biſchoffswerder und Wöllner ſind, ſeit einiger Zeit hier bedeutend um ſich gegriffen hat... Der erſte öffentliche Fortſchritt, den man jetzt gemacht hat, iſt die Anſtellung einer neuen ariſtokratiſchen und kirchlich geſinnten Maitreſſe(nach Entfernung der Rietz) durch Wöllner, und Bi⸗ ſchoffswerder, obwohl er ſelbſt Maitreſſen aller Art hat, wird nachgegeben haben, da ihm ſein Bundes⸗ und Ordensgenoſſe wahrſcheinlich das flammende Schwert der Roſenkreuzerei vorge⸗ halten hat..

Als Mirabeau in der verabredeten Audienz dem Herrn von Biſchoffswerder entgegentrat, ſah er ihn, die beiden Hände über die Mitte des Körpers gefaltet, in einer Wohlwollen lächelnden Beleibtheit, die ſein höchſtes Staunen erregte. ihm aber doch den Troſt gewährte, daß in dieſem Behagen des Fetts jede bösartige Abſicht verſchwimmen müſſe.

Nr. 6.

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