Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
83
Einzelbild herunterladen

sonné

nente

rse turmente ut fermés!

Joeur;

Novellen-Zeitung.

Der Pöiſoſoph in Aniform.

Erzählung nach dem Leben aus der Cavalier⸗Perſpective.

Schloß Schönau liegt in einem der lieblichſten Theile Schleſiens, in den Vorbergen des blauen Gebirges, das jede der zahlreichen Ausſichten des Parks freundlichſt ſchließt und dem Blicke, der ſehnend in die Ferne hinaus⸗ ſchweift, eine freundliche Grenze ſetzt, damit er auf die Schönheiten, die er überflog, zurückfalle, ſie erkenne und befriedigt genieße.

Große Güter mit prächtigen Laubwaldungen umgeben das alte Schloß, das als Majorat ſchon ſeit Jahrhunder⸗ ten den Grafen Schön von Schönau gehört und in grader Reihe ſich ſtets vom Vater auf den Sohn vererbt hat bis zu dem jetzigen Beſitzer, dem jungen 24 jährigen Grafen Arthur, der erſt ſeit kurzer Zeit das Erbe ſeiner Väter an⸗ getreten, nachdem er bis zu ſeinem Mündigwerden, am 11. Februar 185, den weißen Rock des preußiſchen Cüraſſier⸗ Officiers getragen hatte.

Lange Jahre ſeit dem frühen Tode des letzten Beſitzers hatte das weitläufige Schloß unbewohnt geſtanden, und der dicklagernde Staub wurde nur ſelten aufgeſtört von den alten Rococo⸗Möbeln und den geſchnitzten Bildrah⸗ men, welche ſchöne, ernſte, ſich ähnelnde Männergeſichter und lieblich lächelnde Damen umgeben, die in ewiger Ju⸗ gendfriſchenprangen und unermüdlich Briefe leſen, mu⸗ ſiciren, Vögel, Hunde, Katzen liebkoſen, in grüner Jäger⸗ tracht Gewehre halten oder gar, aber dies wagt nur die Eine, vom edlen Pferde ſtolz herabſehen.

Wie ſchön iſt ſie! wie wundervoll wird der herrliche Teint von dem dunklen Reitkleid gehoben! welche köſtliche Geſtalt! wie fein die Hand! wie ſeelenvoll das blaue Auge! So rief ein jugendlicher Gaſt des Schloßbeſitzers vor dem einen der Bilder aus.

Ja, ſagen Sie, Herr von Perlmeer, war meine Schwägerin blond oder brünett? unterbrach hier eine ältliche Dame, die gute Tante Boddel), den entzückten jungen Mann.Sie werden es aus dem Bilde kaum ent⸗ ſcheiden können. Sehen Sie, ſie hat blaue Augen, aber dunkle, wie die eines Kindes, und den ſchönen Farben des Teints, dem reinen Weiß und Roth, ſteht das Haar wie ſchwarz prächtig entgegen.

Das iſt allerdings eine ſchwierige Frage, meine gnä⸗

)) Für Etymologen die wichtige Nachricht, daß dies heidniſch klingende Wort bloß eine Abkürzung des echt chriſtlichen Namens Eli⸗ ſabeth iſt.

digſte Comteſſe, die ich nicht löſen kann; aber ob blond oder brünett, ſchön iſt ſie, wunderſchön!

Herr Gott, ich bitte Sie, Herr von Perlmeer

Was erſchreckt Sie, meine Gnädigſte?

Die Spinne! Sehen Sie, ſehen Sie! ſie läuft grade über die Naſe meiner armen Schwägerin. Was man alles erdulden muß, wenn man todt iſt!

Beruhigen Sie ſich, ich werde dieſe dreiſte Spinne ſogleich beſtrafen.

Doch die Bemühungen Perlmeer's waren vergeblich, die Spinne verſchwand zwiſchen Rahmen und Leinwand, und Tante Boddel eilte von dannen, um das Stubenmäd⸗ chen und die alte Haushälterin tüchtig auszuſchelten, denn dies muß man der guten Tante Boddel nachrühmen, Ord⸗ nung und Reinlichkeit waren ihr auf dem Fuße gefolgt, als ſie ihrem Neffen zu Liebe den langgewöhnten Geſellſchafts⸗ kreis in Breslau aufgab und auf Theater und Café's ver⸗ zichtete, um Schloß Schönau wieder bewohnbar und hei⸗ mathlich für ihren vergötterten Arthur zu machen.

Das Reich des Staubs und der Spinnweben war ſeitdem aus; zwar hatte erſterer ſich ſeiner Vertreibung mit aller Macht widerſetzt; er war ſeinen Feinden zu Leibe gegangen und hatte Kleider und Haar nicht geſchont, war in Augen, Ohren, Mund und Naſe gedrungen um⸗ ſonſt. Er hatte, von Bürſten und Tüchern aus ſeinen Lieblingsſitzen vertrieben, ſich in die Lüfte erhoben, um ſich in unbewachten Augenblicken ſtets von Neuem auf den alten Plätzen niederzulaſſen umſonſt, er mußte der hartnäcki⸗ gen Ausdauer der Tante weichen und hatte ſich jetzt in die unzugängliche Feſte des nördlichen Schloßflügels zurück⸗ gezogen. Unzugänglich war dieſer Zufluchtsort, weil ſeine Gemächer, der Marmorſaal und die anſtoßenden Zimmer, ſchon ſeit vielen Generationen nicht geöffnet worden waren, indem der jedesmalige Beſitzer in conſervativer Geſinnung ſeinem Vorgänger folgte. Man glaubte, daß ein dahin bezügliches Geheimniß ſich von Haupt zu Haupt der Fa⸗ milie vererbe; die Leute des Dorfs aber behaupteten, Geiſter trieben in dieſen öden Räumen ihr Weſen, und auch mancher Gaſt, der in den angrenzenden Zimmern logirt hatte, wollte von kaltem Hauch ſich angeweht gefühlt ha⸗ ben. Einige ſogar verſicherten, daß ſie im Schlaf von eiſigen Händen angefaßt, aber ohne daß ihnen ein Leid zu⸗ gefügt ſei.

Doch an all' dieſe Gerüchte dachte der junge Perlmeer nicht, obgleich er ſie genau kannte und auf ſeinen beſon⸗ dern Wunſch in das verrufenſte Zimmer, welches an den Marmorſaal grenzte, einquartiert war, und hätte er an

ſie gedacht, ſo wäre es nur im Aerger geweſen, weil ſich bis jetzt ſeinem abenteuerluſtigen Geiſt nichts Ungewöhn⸗