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V. Jahrg.
tätte,
Cuti⸗Nameh. (Das Papageienburh.)
Nach der türkiſchen Bearbeitung zum erſtenmale überſetzt von
Georg Roſen.
In den indiſchen Büchern wird erzählt, daß in der Gegend von Suf eine große Stadt voll Reichthums und Wohllebens war und rings von vielen Städten und großen und kleinen Ortſchaften umgeben. Unter den Vornehmen dieſer Stadt befand ſich ein Kaufmann Namens Said, der das Maß ſeiner Reichthümer ſelber nicht kannte. Dieſer hatte keine Kinder, was ihn im höchſten Grade betrübte und unglücklich machte. So oft er von Jemandem hörte, deſſen Gebete Erhörung fanden, und wo immer man ihm von einer geſegneten Andachtsſtätte ſprach, da ging er hin und betete und flehte, daß Gott ihm ein frommes Kind be⸗ ſcheren wolle. Einſt wallfahrtete er nach einem Grabe auf der Beerdigungsſtätte gottheiliger Männer und flehte aber⸗ mals um Nachkommenſchaft. Da fand ſein Gebet im Him⸗ mel Erhörung. Wenige Tage darauf trat in ſein Haus ein erleuchteter Greis, welcher bei ihm zu Gaſte blieb. Derſelbe ſprach zu ihm:„O Said, wenn Du willſt, daß Dir ein Kind geboren werde, ſo gib von Deinem wohler⸗ worbenen Gute tauſend Goldſtücke den Armen. Dann waſche Dich und erfülle Deine Pflichten voll Vertrauen. Gott, der Erhabene, Herrliche, wird Dir aus der Fülle ſeiner Barmherzigkeit einen Sohn verleihen, den ſollſt Du Said heißen.“
Der Kaufmann that, wie ihm der Alte vorgeſchrieben, und nach dem Willen des Höchſten wurde ihm, als kaum neun Monate und zehn Tage verfloſſen waren, ein Knäb⸗ lein geboren. Die Gelehrten und Sterndeuter, deren es ſehr viele in jener Stadt gab, machten ſich ſogleich daran, des Kindes Horoſkop zu ſtellen, und fanden es höchſt glück⸗ lich und geſegnet. Kaum war der kleine Said vier Jahre alt geworden, ſo übergab man ihn zum Unterricht einem Lehrer; er wurde nun von Tage zu Tage ſchöner, ſo daß er, die ihn Sehenden entzückend— und die Herzen mit Lie⸗ bespein umſtrickend— als der reizendſte Knabe in ſeinem Jahrhundert nah und fern bewundert ward. Als er in ſein ſechzehntes Jahr getreten war, erhielt er Anleitung zur Erlernung der Kaufmannſchaft, und als er ſein zwan⸗ zigſtes Jahr zurückgelegt hatte, ſuchte man, um ihn zu be⸗ hüten vor der Wüſte— der böſen Gelüſte— und ihn zu bewahren— beim Guten und Ehrbaren— in der ganzen
Stadt nach einer guten, anſtändigen— edeln, verſtändigen
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— roſenwangigen, ſchönheitserkorenen— unter gutem Stern geborenen— reizenden Maid— der lieblichſten ihrer Zeit— um ſie mit ihm zu verheirathen. Man fand ſie in der Perſon der Mahi-Scheker, welche ſofort für Said zur Ehe begehrt wurde. Alsdann bereitete man eine Hoch⸗ zeit, und Said ward zum jungen Ehemanne. Als er die Mahi⸗Scheker ſah, wurde er ſo in ſie verliebt, daß er tau⸗ ſendmal ſein Leben für ſie gelaſſen haben würde und ſein innerſtes Herz an ſie gefeſſelt war. Ebenſo aber fing Mahi⸗Scheker, als ſie ihres Mannes Wuchs und Geſtalt ſah und ſie ſeine Leidenſchaft bemerkte, ihn bis zum Aeu⸗ ßerſten zu lieben an; kurz, dies treue und zärtliche Paar ging ſo ganz in gegenſeitiger Liebe auf, daß es über Koſen und Tändeln die ganze Welt, ja ſogar Eſſen und Trinken vergaß. Wie es im Liede heißt: Sie aßen, ſie tranken und ſchliefen nicht mehr, Sie liebten einander ſo ſehr, ſo ſehr!
Es kam ſo weit, daß Said ſein Geſchäft gänzlich liegen ließ und nicht einmal, um ſeinem Vater und ſeiner Mutter einen Beſuch abzuſtatten, ſeine Frau verlaſſen wollte.
Als nun Chodja*) Said ſah, daß ſein Sohn von der Liebe völlig umſtrickt ſei, ſprach er bei ſich ſelbſt:„O Gott, ich habe von Dir einen frommen, aufrichtigen— klugen und tüchtigen— Sohn begehrt, der in meinem Alter das Geſchäft übernehmen ſollte, ſo daß ich der Ruhe pflegen könnte. Welch ein unbegreiflicher Rathſchluß iſt es nun, daß dieſer Sohn mein Unglück geworden iſt?“— Wäh⸗ rend er ſo demüthig flehte, kam ihm der Gedanke, er wolle ſeine Freunde zu einem Gaſtmahl einladen, dann ſeinen Sohn herrufen und ihn vor aller Welt vermahnen.
Geſagt, gethan; er bereitete ein Gaſtmahl, und mitten unter ſeinen Freunden hub er an ſeinen Sohn zu vermah⸗ nen, indem er ſprach:„Du meiner Augen Sonne— und meines Herzens Wonne— Du biſt das Capital, von dem ich lebe. Siehe, der Garten meines Daſeins geht der Entblätterung entgegen, meine Geſtalt iſt zum Bogen ge⸗ worden und meine Füße haften im Schlamme des Grei⸗ ſenalters, Du aber bekümmerſt Dich um keinerlei Ge⸗ ſchäft und magſt Deine Frau keinen Augenblick verlaſſen. Nun will ich Dir freilich Erlaubtes nicht verbieten; aber es paßt ſich doch nicht, daß Du Dein ganzes Leben mit Deinem Weibe vertändelſt. Bei Tage betreibe Dein Ge⸗ ſchäft; dann gehſt Du Abends zu ihr, bleibſt bei ihr, ſcher⸗ zeſt, koſeſt und biſt luſtig mit ihr. In der Jugend fehlt es ja nicht an Trieben zur Luſt, und jeder Umgang läßt ſeinen Eindruck zurück. Ja, es iſt bekannt, daß achtzig
*) Ein Titel wie unſer„Herr“, mit dem vorzüglich Perſonen aus dem Kaufmannsſtande belegt werden.. 2


