Freundin fürchtete er nicht, klänge, Wunderdinge.— „Das war meines Glückes goldener begannen meine Freuden zu nachten. „Als der Herbſt kam, ſang der Vogel immer weniger, immer ſchwermüthiger; ich glaubte, er ſei krank oder ver⸗
Tag; nun aber
berge mir einen Schmerz; eines Tages kam er von ſeinem Fluge nicht zurück.— Später erfuhr ich, daß es ſo der
Wandervögel Art, damals aber durchzuckte es mich wier jäher, tiefer Schmerz; Solches hatte ich nie erwartet.
„Ich ahnte damals ſchon, weiß es der Himmel, wie es danach ſo ſchnell über mich kam, ferneres Unheil, und das ſäumte auch nicht!—
„O, der Schmerz hat Eile zum Kommen und wird ſo
bald heimiſch zum Bleiben!
„Eines Tages vernahm ich viele, laute Stimmen: Männer mit blinkenden Eiſen kamen und beſchauten den Wald; ich wußte nicht, was ſie wollten, und als ſie zu meiner Mutter Edeltanne traten, glaubte ich, ſie kämen ſich deren Schönheit bewundernd zu freuen. Doch war es an— ders, wie mich bald des Eiſens Klang, der Mutter Seuf⸗ zer lehrten. Sie ſank zur Erde, die gute, treue Mutter, noch im Sterben die treueſte! im jähen Fall wandte ſie ſich zur Seite, mich nicht im Niederſturz zu verletzen, und nur als letzten, lieben Gruß ſchüttelte ſie ihr hohes Haupt, daß der ſchönen Haare viele zu mir herniederſanken.—
„So blieb mir nur noch meine kleine Freundin, und auch die, meines Unglücks Maß zu füllen, blieb mir fern; ich habe ſie nicht wieder geſehen, ſeit ich meine Mutter ver— loren; ich hätte wieder hinabſinken mögen unter das Moos!
„So traf mich der verfloſſene Winter, eine lange, lange, ſchwere Zeit! Endlich kehrte der Frühling zurück mit und Blüthen in den weiten, grünen, ewig jungen Wald. Wo war die Zeit, als mir noch das nächſte Gebüſch eine Unendlichkeit verſchloß und einen kleinen freudenvollen
Novellen⸗Zeitung.
Sang
lV. Jahrg. Aw
—
ſondern ſang uns Zauber⸗ Raum begrenzte? Jetzt war ich ſo groß, daß ich über die
Büſche hinweg ſah, bis zu den blauen Bergen hinüber, hinter denen ich das weite, ſchöne Land verborgen wähnte, wohin meine Freunde mir entflohen.— „Was Wunder, wenn ich es mit allen Gedanken er⸗ ſehnte! „Schon im verfloſſenen Winter hatte des Eiſens Schärfe mir viele Altersgenoſſen unter den Tannen meiner Nachbarſchaft geraubt, und die glaubte ich alle in jener ſchönen Fremde. „So mühete ich mich denn ihr Loos zu theilen; mit ſaller Kraft ſtrebte ich hinauf, groß und ſchlank und grade V zu wachſen, denn ſolche Tannen hatten, ich hörte und ſah ſes, die Männer geſucht; nur an ſolches Streben dachte ich den ganzen Sommer hindurch, und mein Mühen gelang; geſtern kamen die Männer wieder und— ich zitterte vor un⸗ geduldiger Sehnſucht— traten auch zu mir; ein ſchneller, tiefer Schmerz durchzuckte mich und ohnmächtig trugen ſie mich hierher, wo ich erwachte. Und nun— gewiß, gewiß, ich ahne es, ob ich es auch kaum zu denken wage— bin ich in dem erſehnten Lande, und noch Schönes, Herrliches ſteht mir bevor. Schon vernahm ich eine Stimme wie die jenes Mädchens; ob ſie mich erblickt, erkennt? Vielleicht im nächſten Augenblick ſchon ſieht mich ihr verwunderter Blick und——“
— Der letzte Funken im Kamin erliſcht, vom Winde getrieben ſchlägt der Schnee lärmend an die Scheiben, und der gefangene Vogel flattert ängſtlich gegen die Stäbe.—
Ob er erkannt, verſtanden wird, der arme, ſtumme Tannenbaum?
ſich die undankbare Mühe genommen, Alexander Dumas dadurch Lügen zu ſtrafen, daß er aus einer Menge Schriften Dumas: Stellen auszieht, in denen der Verfaſſer von ſich ſelbſt ſagt, er habe Cigarretten, Cigarren, Schibuks, lange Pfeifen, Meerſchaum⸗ pfeifen und wer weiß was noch Alles geraucht. Der Beweis iſt dem witzjagenden Figaro allerdings gelungen, aber was hat er damit überhaupt bewieſen? Unſerer Meinung nach weiter nichts, als daß man nach Witz jagen und dabei Grobheiten, Albernheiten oder Langweiligkeiten erhaſchen kann. Denn was kümmert es die Welt, ob Dumas raucht und geraucht hat oder nicht? Selbſt zum Lügner kann der Verfaſſer durch dieſe Widerſprüche nicht ge⸗ ſtempelt werden, denn es gehört gewiß mehr als ein naiver Kin⸗ derglaube dazu, das, was ein Romanſchreiber im Laufe ſeiner romantiſchen Ergüſſe von ſich ſelbſt ſagt, für buchſtäbliche Wahr⸗ heit zu halten. a.
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Eugen Sue als Rinderfreund.
Kurz zuvor, ehe die Revolution von 1848 ausbrach, welche für Eugen Sue die traurige Folge hatte, ihn in die Deputirten⸗ kammer und dadurch in das Exll zu führen, lebte der Verfaſſer der Geheimniſſe von Paris auf dem Lande, in Les Bordes, einem Landgute, das dem Schwager Sue’'s, Herrn Caillard, gehörte. Dieſer bewohnte hier ein prachtvolles Schloß, aber Sue fühlte ſich darin nicht wohl, ließ ſich daher eine alte Scheune abtreten, welche am Ende des Parkes lag und die er in ein wahres Puppen⸗ käſtchen des Geſchmackes und der Eleganz verwandelte.
Ein ſchlichtes Landmädchen gewann die Liebe des Blaſirten und beglückte ihn ſo, daß er zu einem neuen Leben zu erwachen
ſchien; allein der Tod entriß ihm dieſes Mädchen, und Sue ver⸗ fiel in eine große Traurigkeit. Dieſe zu bannen, griff er nicht zu wilden Zerſtreuungen und Ausſchweifungen, wie er früher gethan haben würde und bei ähnlichen Gelegenheiten gethan hatte, ſondern er ſuchte dadurch Erheiterung, daß er Morgens einen
grohen Leiterwagen anſpannen und mit Stroh beladen ließ und
dann damit auf den benachbarten Dörfern herumfuhr, um die Kinder abzuholen, welche einen zu weiten Weg zur Schule hatten. Nach beendigter Schulzeit ließ er ſie dann eben ſo wieder nach Hauſe fahren, und machte auf dieſe Weiſe für die Kleinen zu einem Feſte was bis dahin für ſie eine große Anſtrengung und Plage geweſen war.— In der ganzen Gegend wurde Sue, der noch außerdem viele Wohlthaten erwies, nicht nur geliebt, ſon⸗ dern wahrhaft verehrt. a.
Roth wie Werther. Einer meiner Freunde ſchickle kürzlich den Werther zu den Buchbinder mit dem Auftrage, ihn ſchön und elegant zu binden.
Der Auftrag wurde erfüllt, und nach einiger Zeit kehrte der Wer⸗
ther in einem Gewande von rothem Maroquin mit Goldtitel zu⸗ rück zu ſeinem Eigenthümer. 2 726
Eine Woche ſpäter ſchickte dieſer den Fauſt gleichfalls zu dem
7 2.; 2 2„ 5 chen ⸗
Buchbinder und ſchrieb dazu mit Bleiſtift auf ein Blättchen:
„Fauſt, roth wie Werther.“ Der Auftrag wurde abermals pünkt⸗
lich vollzogen, und in rothem Maroquin gebunden lief der Fauſt
ein, auf dem Rücken mit der prangenden goldenen Inſchrift:
Fauſt, roth wie Werther. u
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