fen, und die Magd, welche er endlich im Hofe auftrieb, ver⸗ ſtand durchaus nicht, was er wollte; doch übernahm ſie, als er ungeduldig abſtieg, die Sorge für ſein Pferd mit offenbar kundigen Händen. Da kam endlich ein Mann, den er fragen konnte, eilig die Dorfſtraße daher: er ſah, daß es der Pfarrer im Ornat war, und hinter ihm erſchien auch der Küſter, welcher heilige Gefäße trug— waren ſie auf dem Gange zu einem Sterbenden? Als er in dieſem Gedanken zögerte, ihren Gang, wo vielleicht an jeder Mi⸗ nute Tod und Leben hing, zu unterbrechen, ſah er neben dem Küſter noch eine Frau im haſtigen Geſpräch mit ihm begriffen. Er faßte dieſe in das Auge und ſie ihn— da blieb ſie plötzlich ſtehen, ſchlug die Hände, wie vor jähem Schreck, zuſammen und ſtieß einen Schrei aus. Kannte ſie ihn? Er blickte ſchärfer, aber ſie war ihm ganz fremd. Doch näherte er ſich nun, grüßte den Pfarrer, welcher ernſt dankend an ihm vorüberging, dann wandte er ſich an die Frau, deren Schritte zu wanken begannen, als ſie ihn auf ſich zukommen ſah— am liebſten wäre ſie vor ihm ge⸗ flohen! Welche unerforſchliche Macht führte ihn in die⸗ ſem Momente in ihren Weg?
„Wem gilt die heilige Handlung?“ fragte der Fürſt, den demüthigen Gruß des Küſters erwidernd.
„Unſerm gnädigen Herrn, Ihre Durchlaucht—“ war die Antwort.„Es geht mit ihm zu Ende.“
Der Fürſt war betroffen—„Ich will Sie nicht auf⸗ halten,“ ſagte er,„Sie ſind im Amte— aber Sie, liebe Frau, Sie ſind wohl von der Dienerſchaft— ſagen Sie mir, wie iſt das ſo plötzlich gekommen?“
Die Frau war wie gebannt ſtehen geblieben, obgleich ſie mit unruhigen Blicken dem Küſter nachſah, der ſeinem Pfarrer auf dem Fuße folgte.—„Der Herr war ſchon lange krank“— ſagte ſie auf die Frage des Fürſten, ohne
ihm in das Geſicht zu ſehen.„Zurückgetretene Gicht—“
Ihr Betragen war ihm ſchon aufgefallen, nun klang ihm ſuchend, der ihr Benehmen, ihr Niederſtürzen zu ſeinen
ihre Stimme auf einmal ſo bekannt—
Novellen⸗Zeitung.
lIV. Jahr
„Ich muß Sie kennen!“ ſagte er ernſt und nachdrück⸗ lich. Da fiel ſie ihm, aller Faſſung beraubt, plötzlich zu Füßen— und er trat, von dieſem Beginnen unangenehm überraſcht, einen Schritt zurück.
„Wer ſind Sie?“ fragte er ſtreng.„Stehen Sie auf.“ Aber ehe ſie den Muth fand zu einer Antwort, von der Gewalt des Augenblicks ganz zu Boden geſchlagen, ging ihm plötzlich doch die Erinnerung auf.
„Lenore!“ ſagte er ſtaunend, aber gütig.„Was thun Sie! Kann ich Ihnen helfen?“ Er mißverſtand die Ur⸗ ſache ihrer Bewegung ganz und gar, ſie aber ſtand eilig auf, und indem ſie neben ihm weiter ging, da er nach dem Schloſſe zu gelangen ſtrebte, ſtammelte ſie:„Ach daß ich Sie hier ſehen muß, Durchlaucht! Und gerade heute! Gott! Du Barmherziger!“
„Sind Sie jetzt bei dem Baron von Rudow?“ fragte der Fürſt, heftig erſchreckt von einem flammenden Blitze, der durch die Wolken ſeiner Zweifel zuckte.„Sind Sie es vielleicht—“ Er ſprach ſeine Gedanken nicht aus, aber wenig fehlte, ſo wäre vor ſeinem Tone die alte Frau an ſeiner Seite wieder in die Kniee geſunken. Sie vermochte mit keinem Laute zu antworten. Es war ihr, als ſtehe ſie an der Pforte des ewigen Gerichts, um eine Blutſchuld zu büßen, mit der ſie die Seele eines Andern in frevelhaf⸗ ter Weiſe belaſtet hatte.
Der Fürſt konnte aber, da er ſeinen Gedanken nicht ausgeſprochen hatte, keine Antwort darauf erwarten und er glaubte auch wohl, ihr Unrecht gethan zu haben, denn er fragte in gütigem Tone, ſeit wann ſie im Dienſte des Barons ſei und ob es ihr wohl ergangen, ſeit ſie das gräflich Marburg'ſche Haus verlaſſen habe. Die alte Frau hatte ſich nun auch von der Gewalt der Ueberraſchung wie⸗ der erholt und gab ihm Auskunft, innerlich aber mit wah⸗ rer Angſt nach irgend einem wahrſcheinlichen Grunde
Füßen erklären könne. Ehe ſie einen ſolchen fand, ſetzte
Ach, ich war es nicht! Trotz Wein und Büchern drückte die Einſamkeit wie eine Bleiklappe auf mein Hirn; ich lag auf einer unſichtbaren Folter, die mich reckte und dehnte und mir Löcher in die Stirn bohrte, aus denen alle fröhlichen Gedanken entflohen. Ich zählte die Tage, die Stunden, die Minuten; ich ſchritt meine ſechs Schritte auf und ab, bis ich vor Schwindel nicht weiter konnte und aufs Bett fiel; ich kletterte mit Hülfe des Tiſches und Stuhles, die ich auf einander thürmte, zu dem kleinen Fenſterlein empor und betrachtete zwei und, wenn es hoch kam, drei Sterne auf dem Quadratfuß Himmel, der mir gegönnt war.
Oh Amélie? où êtes-vous à-présent?
Oh mes amis!
Die Locomotive im benachbarten Bahnhofe ließ mir. keine
Ruhe, ihr Pfiff, der einzige Ton, der zu mir gelangte, ging mir
wie ein ſchneidendes Meſſer durchs Herz. Sie erzählte mir, wie zum Hohne, von Italien, dahin ihre Bahn geht, von der weiten, weiten Welt, und wie ſchnell man ſich heute bewegt, und„daß ich bin gefangen.“
Der Abend, der dem Gefangenen willkommen ſein ſollte, weil er wieder einen Tag begräbt, der Abend iſt ſeine traurigſte Zeit, denn er iſt die Zeit der Sehnſucht des gemüthlichen Zuſammen⸗ ſeins. Dem Gefangenen wird die Sehnſucht zum Fieber. Man ſtarrt die unbewegliche Mauer an, ob ſie ſich nicht doch öffnen wird, und bald hat man nicht übel Luſt, ſeinen Kopf als Mauer⸗ brecher zu gebrauchen. Alle die Gedanken, die man den Tag hin⸗ durch, über ſich allein ſitzend, aus Büchern geſchöpft, alle die Phantaſien, Wünſche, Hoffnungen, Sorgen, die man ſelbſtquä⸗ leriſch oder in glücklicher Selbſtvergeſſenheit geweckt hat und die man im Zwiegeſpräche, im Austauſche nicht loswerden konnte,
eerheben ſich des Abends im wilden Gedränge und wollen heraus aus ihrem Gefängniß, heraus ins Leben, für das ſie geprägt ſind, und arbeiten an ihren Schädelkerkerwänden, als wollten ſie ſie ſprengen. Rettung! Rettung! Und die iſt nella miseria die Er⸗ innerung del tempo felice! Man ſchließt die Augen; heitere und traurige Bilder der Vergangenheit ziehen vorbei, man greift un⸗ willkürlich nach der Feder, jenem Zauberſtabe, um ſie feſt zu hal⸗ ten— und ſo begann ich, auf das Papier, das mir ein Kerkermei⸗ ſſter geliefert, nachfolgende Erzählungen und Skizzen niederzu⸗ ſchreiben.“ 122
Dieſe Skizzen führen den vollſtändigen Titel: Erzäh⸗ lungeneines Unſteten von Moritz Hartmann. Zwei Bände. Berlin, Franz Duncker. 1858.— Seine früher gerühmte Kennt⸗ niß der„ſchönſten Gegenden“ hat der Verfaſſer ſeitdem über Deutſchland hinaus nach Nord und Süd, nach Oſt und Weſt um
ein Beträchtliches erweitert, und ſo kann er denn aus dem öffentlich— ſten und dem privateſten Leben höherer und niederer Stände von Paris und der Provence, Conſtantinopel, London u. ſ. w. die mannigfaltigſten, ſachkenntnißreichſten und intereſſanteſten Enthül⸗ lungen geben. Der Geſichtspunkt dieſer Enthüllungen iſt auch ein realiſtiſcher in ſeiner Art, und der Verfaſſer ſelbſt verwahrt ſich davor, daß man einen zu hohen Maßſtab daran legen könnte; Her erzählt dafür ein nettes Gleichniß:.
„Ich gehöre nicht zu jenen Schriftſtellern, die in der Vorrede genau das Recept angeben, nach dem die Bewunderung ihrer Werke zu brauen iſt, während ſie es ſelbſt am deutlichſten fühlen müſſen, wie ſehr wir Epigonen ſind und nur die Grube auszufül⸗ len beſtimmt ſind, die zwiſchen der vergangenen großen Literatur⸗ lepoche und einer andern zukünftigen klafft. Niemand betrügt ſich
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