ſddie Boulevards entlang.
Herzen, nur beſtärken; gab es einen andern Weg? Aber Gott verhängte das Schwerſte über mich— Herrmann fiel von der Kugel ſeines Gegners. Und nun, mein theurer Freund, ich lebe jetzt in der Nähe des Mannes, der mir den Gatten geraubt— er hat ſeinen Haß noch nicht vergeſſen, er hat auch mir Unſchuldigen Wider⸗ wärtigkeiten bereitet— ohne mich einmal geſehen zu haben. Der Zufall führte uns ſchon früher einmal un⸗ bekannt zuſammen: es war auf einer Reiſe, wo er mit zwei jungen Töchtern ſich zu uns bei einer Bergpartie ge⸗ ſellte. Seine ſcharfe, ſtreng aburtheilende Weiſe gab mir zu mildernden Gegenbemerkungen Anlaß, er lächelte über meine Lebensanſichten, die Alles im klarſten Lichte betrach⸗ teten,— und nannte mich ſcherzweiſe Serena. Da haben Sie den Urſprung dieſes Namens, den mein Stiefſohn, der mich begleitete, mit Wohlgefallen feſthielt; hätte ich gewußt, daß ich ihn dem Manne verdankte, der mir das Bitterſte in meinem Leben angethan! Wir trennten uns, ohne unſere Namen zu erfahren, ſo viel Alexis ſich Mühe gab um den ſeinigen. Denn das älteſte der jun⸗ gen Mädchen, wirklich ein liebenswürdiges Kind, hatte auf ihn Eindruck gemacht und, wie ich nie geahnt hätte, einen bleibenden.
Als ich ſpäter bleibend in meine Heimath nach Lom⸗ nitz zurückgekehrt war, wurde ich auf einmal durch die Nachricht erſchreckt, daß ſich ganz in meiner Nachbarſchaft ein Baron Rudow angekauft habe— noch wollte ich mich dem Gedanken nicht hingeben, daß es derſelbe ſei, welcher mir den Gatten geraubt hatte, aber Alexis, der bald nach⸗ her auf einer Urlaubsreiſe auch nach Lomnitz kam, nahm mir den letzten Zweifel. Auch für ihn war es von Be⸗ deutung geweſen und er hatte ſich genau unterrichtet. Zu⸗ gleich aber wußte er nun, daß wir mit ihm und ſeinen Töchtern im ſchleſiſchen Gebirge zuſammen getroffen waren uunnd— den Zwieſpalt ſeiner Gefühle können Sie ſich den⸗
ken! Er ruhte jetzt nicht, bis er die Bekanntſchaft er⸗
38 Novellen⸗Zeitung.
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— V. Jahrg Ar. neuerte— nicht mit dem Vater, das wäre ihm ſelbſt nicht Daß wit 4 zu ertragen geweſen: wie hätte auch Rudow dem Sohn pl ich nn ins Auge blicken können, deſſen Eltern beide— doch ich ren, die J will das nicht weiter ausführen, was mich noch jetzt mit er mir ni Gefühlen erfüllt, über deren unverſöhnte Bitterkeit ich mir hat, die
Vorwürfe mache. Alexis begegnete endlich dem jungen die Hand
Mädchen, eben ſo wie Sie, auf dem See und es entſpann 4 In ſich ein zartes Verhältniß, das ſich bei jedem Wiederſehen, Stern,
wenn Alexis aus ſeiner Garniſon nach Lomnitz kam, mehr Kindhit und mehr befeſtigte. Was konnte ich, die Stiefmutter, ſid gt die nicht einmal das Recht eines viel reiferen Alters voraus in nbedit hatte, dazu thun? Ich mußte es tadeln und verhehlte mnherſehe ihm nicht, daß dies Verhältniß ſich ohne Vorwiſſen des Adanken,
Vaters entſponnen hatte und fortſetzte, nur eben nothdürf⸗ ſmmer g tig gedeckt durch die Obhut der Erzieherin, welche darin, Aufb
wie mir Alexis vertraute, eine Fügung des Himmels ſah,
jene unglückliche Begebenheit, die ſie wohl kannte, durch Der Frieden und Verſöhnung zu entkräften. Die Mädchen auldiger! wiſſen nichts davon. Alexis hat mich, wenn ich meine V Stürme, Anſicht ausſprach, ſtets mit Unmuth angehört— und nachdenkli doch beſitze ich ſein Vertrauen; er hat mich, wie Sie viel⸗ war es w leicht bemerkt haben, nie als Mutter anerkannt, er nennt hatte Re mich noch immer Frau Gräfin, aber ich habe mir ſeine ten von Achtung gewonnen und er ſchüttet mir doch ſein Herz aus, zutück,
dies ſtolze und leidenſchaftliche Herz, das unchriſtliche Nänzenn
V Agenten. Dieſe erſuchten mich, nun ſelbſt einen Wagen zu mie⸗ then, da der Weg nach Mazas ſehr lang und ſie ſehr müde ſeien, da ſie die ganze Nacht gearbeitet hätten. Ich konnte aber ihrem
Wunſche nicht willfahren; ich wollte meine Freiheit ſo lange als
V möglich genießen und noch etwas von der friſchen Morgenluft
einathmen. Denn wer konnte mir ſagen, für wie lange Zeit ich der Gefangenſchaft, welchem Schickſal überhaupt ich entgegen ing? Wir lebten in der Zeit der Transportationen, und die Ju⸗ ſtiz war ſo reformirt, daß ſelbſt das unſchuldigſte Gewiſſen ſich Onichts zu prophezeien wagte. So wanderten wir denn zu Fuße
llieblich anzuſehen; es gleicht da einer alten Kokette, die man vor
dder Toilette überraſcht, ehe ſie ihr Roth aufgelegt. Dennoch ſchien es mir in dieſem Augenblicke unendlich ſchön und im Vor⸗ defübe des engen⸗Gefängniſſes unendlich groß und weit, wie eine Welt.
Ein eiſernes Gitter öffnete ſich raſſelnd; meine Begleiter
nahmen ernſte und unterwürfige Amtsmienen an und führten mich, rechts vom Eingang, in die Stube des Greffiers, der ſo früh ſchon mit der Feder in der Hand da ſaß und ſehr verſchlafen und verdrießlich ausſah. Es war mir, als ſollte ich ihn für ſeine Bemühung um Verzeihung bitten. Man ſtellte mich unters Maß, man fragte mich nach Namen, Stand, Wohnung, Charak⸗ ter und beſchrieb mich ſo genau, als ſollte mir ein Paß nach Nu⸗ kahiwa ausgeſtellt werden. Die Polizeiagenten entfernten ſich, und es nahm mich ein Gefangenwärter in Empfang. Eréöffnete eine Eiſenthüre und ſchob mich durch. Ich ſtand in einer weiten Halle, in welcher mehrere uniformirte Gefangenwärter auf und ab gingen. Einer derſelben führte mich durch die Halle, rieffeine
d ——
Paris iſt am frühen Morgen nicht
Blutrache, zu der es oft geſtachelt wird, und wiederum die gelebt,n Liebe zu dem Kinde ſeines Feindes in heftigen Kämpfen Frivullti zerreißt. Ich ſoll ihm rathen— ich ſoll die Hand zur ſolerer A Rettung bieten— Serena nennt er mich in ſolchen Mo⸗ nd ſi, menten, ich ſei die Klarheit, welche allein das finſtere Ge⸗ wel ſie in wölk beſiegen könne. Was aber ſoll ich arme Frau thun? dächtigte Rudow weiß, daß er in der Nachbarſchaft der Witwe Mar⸗ men er n burg's wohnt; er hat ſogar, unbeirrt durch die Vergangen⸗ Witen R heit, die ihn nicht milder zu ſtimmen ſcheint, mit ihr einen Fün Rechtsſtreit um nichtige Dinge begonnen und, wie 4 4 und ab ſelbſt verſteht, nie geſucht ſie perſönlich kennen 4 Nefra⸗ U Vertrau
— Nummer, und es kam ein anderer College, der vor ſich hin mur⸗ durch den melte:„Noch Einer! aber das iſt ja ein wahrer 2. December!“ Maus od Dieſer Reflexionsmenſch führte mich ſchweigend durch einen der ich endli langen Strahlen des in Sternform gebauten Gefängniſſes. lakoniſch Rechts und links reihten ſich dreifach über einander die unzähli⸗ ſten und
gen ſtummen Thüren der Zellen, und längs der Thüren liefen lange ſtichte.
Galerien mit Eiſengittern hin. Ueber eine Treppe gelangte ich„Ok auf die erſte Galerie, wo mein Begleiter wieder eine Nummer„Ok rief. Es kam einer der Gefangenwärter, die ewig und regelmä⸗ 8o ßig, wie Uhrpendel, vor den Zellenthüren auf und ab gehen, nahm di 1 mich in Empfang, ſteckte einen gewaltigen Schlüſſel in ein gewal⸗ 39,- tiges Schloß— es raſſelte, es krachte, die Thüre gähnte auf— Güan ich ſtand in der ſtillen, einſamen, kahlen Zelle. Der Wärter un⸗ anden terrſuchte mich oberflächlich, fragte ob ich nicht ſchneidende Inſtru⸗ V mente bei mir hätte, fügte hinzu, das ſei nur für die Form, und fühlte ging. Wieder krachte das Schloß und ich war allein. 3 1 Da ſtand ich und blickte um mich und ſah nichts; denn die chen d Zelle in ihrer Leerheit und Kahlheit war wie aus nichts gebaut. lleines
Das kleine Bett mit dem kleinen Tiſchchen und dem Strohſeſſel verſchwanden in Eins mit dieſem Nichts. Die Zelle war drei Schritte breit, ſechs Schritte lang und außerordentlich hoch, ſo hoch, daß das kleine Fenſterchen mit Gitter und Blende, nah an
der Decke, wie ein ferner, beinahe ausgebrannter Stern letzter am nit Größe erſchien— wie der Zeidak, an dem der Araber ein gutes rant hol Auge prüft. und üf
Ich brauchte weniger Troſt als Zerſtreuung, und um dieſe anddeckte
zu finden, fing ich an, die Zelle aufs Neue und ins Einzelnſte iin len zu prüfen. Aber ach, ſie blieb leer und kahl und dazu ſo ſchreck⸗ lich rein gehalten, daß alle Hoffnung auf ein freundſchaftliches, b blic do
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