Dritte
Serena. V
Novelle
von Bernd von Guſeck. I (Schluß.)
Anna rieth, was ihr kindlicher Sinn, nach dem Näch⸗ ſten greifend, ihr eben eingab, aber die Schweſter ſchüt⸗ telte den Kopf und ſah traurig vor ſich nieder. Da be⸗ V gann die Kleine, um ſie zu zerſtreuen, von Alexis' Ankunft beim engliſchen Hauſe zu erzählen und was er ihr über den Brief und den Fremden, der nun gar ein ſo vornehmer Herr war, geſagt hatte. Blanca hörte aufmerkſam zu und die innigen Worte des Dankes, welche ihr von Alexis durch Anna beſtellt wurden, färbten ihre vor Kummer er⸗ bleichten Wangen mit einem lieblichen Roth.
„Du haſt für den Vater zu ſorgen, Blanca,“ ſagte die Kleine, indem ſie die Schweſter umſchlang und küßte. „Für das Andere ſorge ich. Der Fürſt iſt ein Freund der Marburgs— er weiß nun, wer wir ſind, die er ge⸗ neckt hat. Wenn ich morgen hinüber fahre, die Nachricht vom Bater zu bringen, werde ich Alexis ſagen, daß er den Fürſten bittet mit zu helfen. Einen ganz Fremden hört vielleicht der Vater an.“
„Gott gebe nur erſt, daß der ſchreckliche Anfall vor⸗ über geht!“ rief Blanca mit inbrünſtigem Ausdruck,„mehr bitte ich ja nicht— allem Andern will ich ja gern entſa⸗ gen, wenn es mich ſchon, in dem Gedanken einer Verſöh⸗ nung, unendlich glücklich gemacht hätte.“—
„Nur die Verſöhnung, Blanca?“ entgegnete die Kleine ſchelmiſch; aber Blanca war in ihrer Betrübniß der harm⸗ V loſen Neckerei nicht zugänglich und verwies ſie der Schwe⸗ ſter mit einem Blicke milden Vorwurfs.
Da erſchien die Gouvernante in der Thüre und brachte die Aufforderung an Blanca, zu ihrem Vater zu kommen. Die Wirthſchafterin, die ſich nicht vor ihm fürchtete, hatte ſich doch wieder an ſein Bett gemacht und ihn durch ihre nicht eben ſchonenden Vorſtellungen ver⸗ mocht, wenigſtens ſein Kind wieder zu ſich zu berufen. Blanca eilte zu ihm. Er lag, von der Aufwallung er⸗ ſchöpft, mit geſchloſſenen Augen auf ſeinem Bett; als er die Thür öffnen hörte und Blanca's leichten Tritt vernahm,
Novellen-Zeitung.
nen Lippen.
geſehen?“
folge.
tergelaſſen wurden. Wie verändert erſchienen heut des Vaters Züge der bangen Tochter! Sie waren immer ſcharf und ſtreng, aber ihr Furcht erweckender Ausdruck war Blanca noch nie ſo deutlich geworden als heut, wo die eingeſunkenen Wangen die Schärfe der Linien um den Mund, die ſtarke Adlernaſe, die mächtige Stirn mehr her⸗ V vortreten ließen. Und bei aller Furcht, welche die Kinder ſeit ihren früheſten Erinnerungen vor dem ſtrengen Vater hatten, fühlten ſie doch zu ihm die innigſte Liebe, denn er konnte, wenn auch in ſeltenen Momenten, wieder ſo himm⸗ liſch gut ſein. Mancher dieſer belebenden Sonnenblicke trat jetzt vor Blanca's Seele, und ihr Herz war tief be⸗ trübt, wie ſie nun hülflos an dem Krankenlager ſitzen mußte, das endlich doch den eiſernen Mann, welcher ſich nie einem körperlichen Leiden gebeugt, an ſich gefeſſel hatte. „Blanca!“ hörte ſie jetzt mit ſanftem Tone von ſ
„Ja, lieber Vater, ich bin bei Dir!“ antwortete und bezwang ihre Stimme, daß ſie möglichſt ruhig kl denn ſie wußte, daß der Vater es nicht liebte, wenn um ihn getragen wurde.
„Seid Ihr heut auf dem See geweſen? Jema
Dieſer Antheil an den Luſtfahrten, welche er früher, ſich über die Gewandtheit ſeiner Kinder freuend, begünſtigt hatte, galt Blanca für ein gutes Zeichen— er wußte frei⸗ lich nicht, was ſich dadurch, wenn auch in reinſter Abſicht begonnen, um ſeines Friedens willen, aber dann in ganz anderer Weiſe daraus entwickelt hatte. Sie gab ihm Be⸗ ſcheid und glaubte ihn zu zerſtreuen, wenn ſie ihm, mit vorſichtiger Hinweglaſſung des eigentlichen Anlaſſes, die Begegnung mit dem Fremden erzählte, welcher ihr zu dem entfallenen Ruder verholfen und darüber ſein eigenes Pferd verloren hatte. Da ſie den Vater aufmerkſam zuhören ſah, erzählte ſie mit großer Lebendigkeit den Vorfall, na⸗ türlich ohne des Billets zu erwähnen— der Vater ſchlug die Augen auf und blickte ſie freundlich an.„Ich habe auch den Namen des fremden Herrn jetzt gehört—“ fuhr ſie, innig erfreut über ſeinen Antheil, fort.„Anna hat ihn erfahren: es war der Beſitzer von Morungen, er iſt erſt kürzlich angekommen, der Fürſt von Lingen.“
Bei dieſer Erklärung bemerkte ſie auf einmal, daß V ihr Vater aufzuckte, wie von einem jähen Schmerze be⸗
bewegte er nur leiſe die Hand, welche auf der Decke lag, und gab der Tochter damit ein Zeichen, ſich neben ihn zu ſetzen. Sie gehorchte und beobachtete ſeine Züge beim klaren Sonnenlichte, welches das Zimmer füllte, denn er duldete nie, daß auch nur die Vorhänge der Fenſter herun⸗
troffen, ſein Auge öffnete ſich groß und weit mit einem ſtarren, fragenden Ausdrucke, dann ſchloß es ſich plötzlich, und mit dumpfer Stimme ſagte der Kranke:„Der iſt hier!“⸗Dann ſchwieg er, und Blanca, von unbeſtimmten Befürchtungen erfaßt, fand den Muth nicht ihn zu fragen,


