Jahrgang 
01-26 (1858)
Seite
3
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Serena.

Novelle

von

Bernd von Guſeck. 1

Das Erwachen des Morgens zur Sommerszeit bei

heiterm Himmel und milder Luft, wie ſchön iſt es im Walde! Noch laſſen ſich nur einzelne Vogelſtimmen hören, ſchüchtern und halblaut, als getrauten ſie ſich des ver⸗ nehmbaren Rufes noch nicht; die eigenthümliche Thierwelt, welche Nächtens ihr Weſen treibt, hat ſich ſchon wieder in ihre Schlupfwinkel zurückgezogen. Um die braunen Stämme des Hochwaldes und das ſchlafende niedere Ge⸗ ſträuch, das kein Blättchen rührt, waltet noch die Dämme⸗ rung, während in den Kronen der Bäume ſchon das Früh⸗ roth mit ſeinen Lichtern einen zauberiſchen Schimmer an⸗ facht und der friſche Morgenwind die Zweige weckt, daß ſie ſich wiegen und rühren und mit allen Blättern zu rauſchen beginnen. Ueber das Waldrund dort, wo am Gehege zwei Pfade ſich kreuzen, huſcht es in zierlichen Sprüngen, erſt eins, dann drei und vier hinterdrein die ſchlanken, an⸗ muthigen Kinder der Wildniß! Plötzlich ſteht das vor⸗ derſte und mit ihm zugleich die andern, ſie wittern auf⸗ merkſam hinaus, werfen ſich dann in entgegengeſetzter Rich⸗ tung herum Gräben und Geſtrüpp in langgeſtrecktem Satze überfliegend, ſie ſind verſchwunden was hat die Rehe verſcheucht? Lichter wird es im Walde, die Sonne hat nun alle Wipfel in goldgrünem Glanze entzündet und das Lied der Vögel ſchallt im vollen ſchmetternden Chor, wie durch eines Tonmeiſters Stab geweckt, ſo weit ſich die bewachſenen Hügel und Gründe in lieblicher Abwechslung dahin ziehen. Es verſtummt nicht vor der fremden Er⸗ ſcheinung, deren Nahen vorher die Rehe flüchtig gemacht wohl ſchaut hier und da ein befiederter Sänger ver⸗ wundert von ſeinem Aſte hernieder und pauſirt ein Paar Takte im allgemeinen Concert, aber nur um ſeine Noten um ſo eifriger wieder aufzunehmen.

Es war ein Reiter, der langſam auf demPfade, welcher ſich in vielen Krümmungen gleichſam launiſch durch den Wald ſchlängelte, daher geritten kam. Roß und Reiter waren alt, man ſah es von fern ſchon auf den erſten Blick. Das Pferd ging im läſſigen Schritt und war noch einer jener Stutzſchweife, die man jetzt, nachdem die barbariſche, thierquäleriſche Mode ſeit langen Jahren abgekommen, faſt nirgends mehr findet. Doch trug es ſeinen Faſanenſchweif

nooch im ſtolzen Bogen und ſetzte ſeine kleinen Hufe feſt und

ſicher, in der Haltung, wie es Nacken und Hals aufrichtete, ſeinen Reiter beſchämend, der gar gebeugt im Sattel hing

und das greiſe Haupt faſt auf die Bruſt ſinken ließ. Es mochten aber wohl die Gedanken ſein, die ihn ſo ganz be⸗ ſchäftigten, daß er kaum wußte, wo er war, und gar kein Auge für die wunderbar ſchöne Waldſcenerie hatte, durch welche ſein Pferd ihn trug. Auf einmal wurde er geweckt durch die entſchiedene Wendung des Thieres, mit der es von dem bisher verfolgten Pfade im ſcharfen Winkel rechts abbog in einen andern, welcher ſich, wie ſchon bemerkt, am Rande des Geheges vor dem Waldrund mit jenem kreuzte.

Der Reiter zog im erſten Moment unwillkürlich den Zügel an, als ſolle er das Pferd an der Eigenmächtigkeit verhindern; als er aber ſogleich zum vollen Bewußtſein kam, lächelte er und ſagte vor ſich hin:Kennſt du wirklich den Weg noch? Nach ſo langer Zeit! Es iſt un⸗ begreiflich! Und er richtete ſich nun auf und gab dem Pferde nicht allein den Willen, ſondern ſetzte es auch in ſchnellere Gangart, ſo daß auf dem feſten Raſengrunde ſein Trab weithin hörbar durch den Wald klang. Die Bäume ſchloſſen ſich wieder um ihn und drängten ſich immer dich⸗ ter an den Fußpfad, den er verfolgte. Wohl drängten ſich auch an den Reiter die Bilder der alten Zeit, aber ſie ver⸗ ſchloſſen ſein Auge nicht mehr der Außenwelt, ſondern machten es im Gegentheil ſcharf und klar. Wie hatte ſich hier Alles verändert! Der Pfad, der ſonſt wohl unterhal⸗ ten, vom Forſtwärter ſorglich von allen läſtig fallenden Zweigen befreit worden war, ſchien ſeit langer Zeit nicht mehr betreten zu ſein, er war oft ſo unſcheinbar zwiſchen den Bäumen, daß nur der untrügliche Inſtinct des Pfer⸗ des ihn zu erkennen vermochte; die Laubäſte hingen tief hinab, daß der Reiter ſich wiederholt ſeitwärts neigen oder bücken mußte junges Geſträuch war aufgeſchoſſen und zu Bäumen erſtarkt, wo er es nie geſehen. Denn er kannte ſonſt jeden Baum und Strauch, ſo oft war er dieſen Pfad in demſelben Sattel, auf demſelben Pferde geritten. Dort mußte ein grauer Stein unter drei Cichen liegen, vor dem ſich der Rappe jedesmal geſcheut, und ſieh, er ſpitzte die Ohren ſchon und ſchnaubte nach dreizehn Jahren noch hatte das Thier ein Gedächtniß für dieſe Stelle! Es hatte aber vielleicht während der Abweſenheit ſeines Herrn unter einem andern Reiter den Weg noch öfter gemacht. Der Stein lag an ſeiner Stelle das Pferd war ſonſt kaum durch die überlegene Kraft und Kunſt ſeims Herrn vor⸗ über zu zwingen geweſen, heut gab es nur Zeugniß, daß es den Ort nicht vergeſſen hatte, und trabt⸗ unbedenklich vor⸗ bei. Freilich hatte das Alter ſeipe Wildheit und ſein

Feuer gedämpft, aber dem Rei erwachten dabei ganz

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