406— Novellen
„Treten Sie ganz leiſe auf!“ mahnte mich der Alte, der noch immer mit der Laterne durch einen langen Gang voranſchritt. Er führte mich an verſchiedenen Thüren vor⸗ bei, Treppen auf⸗ und abwärts, rechts und links, ſo daß ich ſelbſt am lichten Tag nie den Rückweg durch dieſes Laby⸗ rinth von Gängen hätte finden können. Endlich nach längerem Umherſchleichen in dem alten, nur wenig von ge⸗ werbtreibenden Privatperſonen bewohnten Gebäude er⸗ ſchloß der Alte eine Thüre, welche uns in ein gänzlich dunkles Zimmer führte. Hier ließ mich mein Führer längere Zeit im Dunkeln ſtehen und gar ſonderbare Gedanken über den Alten und meine eigenthümliche Lage ſtiegen in mir auf— als jener wieder eintrat, ohne daß ich wußte wo—
her, und mit wichtiger, ernſttrauriger Miene mir bedeutete
ihm zu folgen. Ich that es und— plötzlich öffnete ſich die Tapetenwand und ich ſtand in einem hell erleuchteten, aber über und über ſchwarz behangenen, mäßig großen Zimmer. Es war ein Leichenzimmer, denn am obern Ende ſtand aufrecht ein langer, ſchwarzer Sarg, deſſen geringe
Breite mir auffiel. Ich ſchauderte ein wenig, denn es war
gerade nicht ſehr heimlich in meiner Umgebung, und mein Blick war ſtets auf den ſchmalen, langen Sarg gerichtet, zu deſſen Seite mit dem Ausdrucke des höchſten Grams der alte Knahn ſtand, das entblößte Haupt auf die Bruſt geſenkt. Er ſchien in ſeinem grenzenloſen Schmerze meiner Anweſenheit ſich gar nicht mehr zu erinnern.
Jetzt fuhr er aber empor, ſonderbar mich anſtarrend.
„Sie lachen nicht! Nein, Sie ſind keiner von den Herz⸗ loſen. Sie ſollen ſich überzeugen, wie gerecht mein Schmerz und meine Trauer iſt!“
Mit dieſen Worten erſchloß er mit einem kleinen Schlüſſel die Todtenlade; mir grauſte, der Deckel öffnete ſich, und drinnen lag ein wirklich ſchöner, blonder, ſchlan⸗ ker und doch voller, zierlich geſchmückter—— Zopf.
»Zeitung.
Um Mitternacht lag ich noch wachend und über das erlebte Abenteuer nachſinnend im Bette, als noch immer draußen der Regen platſchte, der mich bei meinem Nach⸗ hauſegehn ſo gänzlich durchnäßte. Ich konnte lange nicht einſchlafen und dachte an und—— lachte faſt in einem fort über meinen neugewonnenen Freund, den alten über⸗ geſchnappten Knahn.— Ich meinte den Lachkrampf be⸗ kommen zu müſſen, als ich den Gegenſtand des allertiefſten Schmerzes zum erſten Male in dem Sarge erblickte, und ich hatte mein Sacktuch faſt ganz zerbiſſen, das ich mir in den Mund geſtopft, um den armen alten Mann vor dem Sarge ſeines Stolzes und ſeiner Freude nicht ſo unzart beleidigen und kränken zu müſſen.
Wahrlich, ſo vieler Anhänglichkeit noch im Tode, ſo vieler Treue und Liebe mag wohl noch nie ein Zopf theil⸗ haftig geweſen ſein, als wie das unſchuldige Opfer des nichts ſchonenden Zeitgeiſtes,— der Zopf des alten Knahn im Schloſſe zu B.
Die franzöſiſche Akademie.
Mitglied der franzöſiſchen Akademie zu ſein, Inhaber eines der vierzig berühmten Fauteuils, auf denen ſeit 200 Jahren die Großen der Welt und der Wiſſenſchaft ge⸗ ſeſſen haben— welch ein mächtiger Reiz liegt darin für die Eitelkeit des Ignoranten und des Gelehrten! In der That, es iſt ein wunderbares Gemiſch von Beiden, welches auf dieſen Seſſeln gethront hat, und oft iſt man in Verle⸗ genheit, ob man die Akademie um ihrer großen Geiſter willen beneiden, oder dieſe um der Akademie willen be⸗
dauern ſoll. Voltaire nennt ſie„einen Platz beſtimmt für
für er Gold empfängt, aber er muß nie ſelbſt der Verräther ſein. Das überhebt jede Schwierigkeit und ſchmeichelt dem Gewiſſen dieſer Leute mit Unſchuld. Oeſterreich muß der preußiſchen Di⸗ plomatie ſtets auf der Fährte bleiben, man wird dieſes erreichen durch ruhiges Raffinement... Gut.“ MMiit dieſem letztern Worte bezeichnete Kaunitz das Ende ſeiner Diction. Ein leichtes kaum bemerkbares Kopfnicken deutete Harrer's Entlaſſung an, nach deſſen Entfernung zwei Diener ein⸗ traten, um den Miniſter ankleiden zu helfen. Nachdem dieſes bei einem ſv pedantiſchen Herrn ſchwierige Geſchäft glücklich zu Ende gebracht war, befahl der Angekleidete:„Pollux!“
Durch die von einem der Lakaien geöffnete Thür ſetzte eine Dogge von bedeutender Größe in zwei mächtigen Sprüngen ins Zimmer und ſtreckte ſich ſchmeichelnd an den Grafen hinauf, der
ihr den Kopf ſtreichelte und ſich damit erluſtigte, ihr kleine Con-
feciſtücken in den aufgeſperrten Rachen zu werfen, in welchem dieſe natürlich ſpurlos verſchwanden.
Der Schluß ſämmtlicher Manöver beim Ankleiden beſtand in der kunſtgerechten Phyſiognomie ſeiner Perrücke.
Ein Diener verhielt ſich am Eingang des Zimmers, um der weitern Befehle gewärtig zu ſein, die ſtets erfolgten, ſobald der Graf mit Bedächtigkeit ſein Frühſtück beendet hatte.„Made⸗ moiſelle Lugon“ und„anſpannen!“ Dieſe Worte entfernten ſo⸗ gleich den Diener und der Graf befand ſich nun allein. Er machte einen Gang durchs Zimmer und blieb, ſein Aeußeres muſternd, vor einem Spiegel ſtehen. In ſeiner großen Geſtalt lag eine ſchöne Grandezza, welche nur durch eine allmählich faſt zu ſtark hervortretende Steifheit etwas in Schatten geſtellt wurde. Man konnte mit Recht behaupten, die letztere ſei körperlich und geiſtig
zugleich, denn das Bewußtſein, über Allen zu ſtehen und für Alle ein Orakel zu ſein, gab ihm einen bedeutenden Hang zur Pedan⸗ terie, und dieſer im Verein mit dem außergewöhnlichen Grade ſeiner Eitelkeit und Selbſtſucht hatte ſich, da er erſt ein Funfziger war, auch auf jede Bewegung ſeines Körpers ausgedehnt. Zu⸗ frieden mit dem Reſultat ſeiner Selbſtrevue verließ er ſeinen Stand vor dem Spiegel und durchſchritt langſam das Zimmer. „Dieſe kleine angenehme Lugon muß man zu einer bewegenden Figur in der Intrigue verwenden... es wäre ſpaßhaft, wenn eine Tänzerin den Herren Parres ein Dorn im Fleiſche werden ſollte... aber nicht unmöglich... man muß die kleine Satans⸗ tochter dazu encouragiren.“ Ueber das tiefernſte Geſicht Kaunitz zog der Strahl einer Heiterkeit, die ſich ſehr ſelten auf demſelben wies.
Mademoiſelle Lugon hüpfte ins Zimmer herein, die heitere Jugend in Perſon, eine kleine aber zarte Mädchengeſtalt, die dein Namen einer Sylphide die vollſte Anerkennung erwarb. Dies ſchöne reizende Weſen, deſſen Geſicht den Ausdruck der Kindlich⸗ kkeit trug und deſſen blaue Augen einen ſo innigen und doch von
Lebensluſt glühenden Blick hatten, ließ ſich vor dem Grafen auf das Knie nieder, ergriff ſeine Hand, und dieſe küſſend rief es ſchäkernd:„Mon prince, ich bin ſehr glücklich.“ „Es heißt nicht prince, meine angenehme Kleine,“ wandte Kaunitz geſchmeichelt ein. „O es wird aber bald ſo heißen müſſen, will man nicht un⸗ dankbar ſein,“ rief Mademoiſelle Lugon.„Für mich ſind Sie ſtets ein Fürſt geweſen, ein Grand Seigneur, wie Paris keinen herr⸗ licheren aufzuweiſen hat. Ach, Pollux, willſt du nicht geſtatten,
[III. Jahrg.
Nr.
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