Jahrgang 
01-26 (1857)
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der Verachtung

aben in die Er⸗ Lebens und in nweihend; mit

as dieſer bizarr rerte, lag Natur. deſſen Seele an⸗ er Weiſe verlo⸗ Gedanken wie die ihn aus dem öͤhe des Lebens

onne endlich in re erſten fröhlich Fenſter und t weit in das wachten in den 4. Federn und ic und vetwun⸗ rt über de durle gan ſeltſam zu dr verbleichend eder ſo überaus flieht Oft ſeine Gedan⸗ rwurde der

Nr. 25.]

Jahre ſind vergangen. Folge mir, freundlicher Leſer, aus jener ſtillen Nacht im Haideland in das Weltleben einer großen Stadt, in den Brennpunkt menſchlicher Un⸗ gleichheit und Narrheit, Geiſtesgröße und Verworfenheit! wo das üppige Bacchanal des Lebens, der Uebermuth des Reichthums grauenhaft contraſtirend an das Strohlager des Verzweifelnden ſtößt! wo der drängende Strom der bunteſten Leidenſchaften ſich überſtürzend dahinwälzt und das Schönſte im Menſchen meiſt in raſtloſer, verzehrender Geſchäftigkeit und Angſt vergeht! wo die Tugend, das häuslich ſtille Wirken und jede edlere Regung als lahm und unerſprießlich mitleidig verlacht wird und Geldgier, Ehr⸗ geiz und Genußſucht die Bänder aller Verhältniſſe, die Triebfedern aller Handlungen ſind!

Kalte, graue Wolken zogen am nächtlichen Himmel. Der Mond kämpfte ſich langſam herauf und ſchaute trüb⸗ ſelig zuweilen auf das Häuſermeer der Stadt.

Matt flackerten die Straßenlaternen durch den feuchten Nebel und das verſchämte, vor Kälte und Hunger zitternde

Dritte folge.

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Man athmete tief auf, gleichſam um den Eindruck wieder abzuſchütteln, um die erhöhte Seelenſtimmung wieder her⸗ abzuſchrauben. Die Damen im Parterre, deren Augen vor überſchwellender Rührung ſchwammen, ſuchten jetzt ihre mitgebrachten Bonbons aus den Strickbeuteln hervor und blickten verächtlich auf den weniger modernen Putz der Nachbarin. In den Logen, wo ſich die Häupter der Fi⸗ nanz und des Großhandels mit ihrer äſthetiſchen Gönner⸗ miene einer geſunkenen Geburtsariſtokratie gegenüber wieg⸗ ten, bis hinauf zu jenen Höhen für arme Teufel, war man entzückt von dem Talent des jungen Künſtlers. Selbſt die gelangweilten, verdrüßlichen Mienen der officiellen Kritik heiterten ſich auf; die Herrn putzten an ihren lau⸗

niſchen Brillen, ſprachen von demzierlichen Strich des

Elend, in Lumpen und Thränen, ſchleicht in Geſellſchaft

des geſchminkten Laſters und des Verbrechens an den Häu⸗ ſern hin, flehend ſtarrt es empor zu dem kalt, mit gleich⸗ gültig vornehmem Blick vorübereilenden reichen Müßig⸗

gänger, zu den geſchäftigen, untadelhaften Bürgern der

Tugend, die weder zum Guten noch zum Böſen die Kraft haben, zu den Ehrenmännern, die ihren geheimen Sünden und armſeligen Leidenſchaften pomphafte Titel geben! Immer noch rollten Wagen durch die Straßen dem Concerthauſe zu. Die glänzend erleuchteten Räume des Saales ſind gedrängt voll. Was die Stadt an Reichthum, Glanz und Intelligenz aufbieten konnte, war hier verſam⸗ melt, um den berühmten Violiniſten zu hören oder um doch ſagen zu können, daß man ihn gehört habe. Der erſte Theil des Concerts war vorüber. Sturm des Beifalls legte ſich nach und nach. Ein Auf⸗ ſtehn und Räuspern, ein Flüſtern und Ziſcheln begann.

Der

Violiniſten, lobten dieSauberkeit des Tones, dasſpi⸗ rituelle Feuer und diemuſikaliſche Correctheit ſeines Spiels und überlegten dabei im Stillen, mit welchen neuen Phraſen ſie der Welt ſo oft geſagte Sachen wiederholen ſollten.

Der zweite Theil des Concerts begann mit der Ouver⸗ türe zur Zauberflöte; als ſie beendet war, trat ein junger

Mann, lang und ſchmächtig, mit einfachen natürlichen und

feinen Manieren vor das Publicum. Er trug auf der Vio⸗ line eine Phantaſie über ungariſch-zigeuneriſche National⸗ lieder vor, Variationen über Hontholan(die Heimathloſe) jenes Sirolam, vigalom(traurig, luſtig), dieſe waldfriſchen Melodien einer naiven Kunſt, die von begeiſterter Lebens⸗ trunkenheit zu hingebender Innigkeit, zu elegiſcher Weich⸗ heit herabgleiten, die mit ihrer halbverhaltenen Leidenſchaft glühenden Liebesſchmerzes werlockend in das Herz ein⸗ dringen. Dieſe wehmüthig klingenden, wildwuchernden Weiſen, mit ihrem wunderbaren Auf und Ab der Töne und ihrem ſtets überraſchenden, unerwarteten, lang hinzit⸗ ternd gehaltenen Schluſſe riefen, wie mit einem Zauber⸗ ſchlag, in einer Seele eine längſtvergeſſene, todtgeglaubte Welt wach. Das Herz eines Weibes, ſtolz und kalt,

ſtellte einen Topf mit Milch, den ich abſichtlich mit mir heruyctrug, vor ihm auf die Erde, zog eine Pfeife aus der Taſche und Hat ihn um Feuer. Er gab es mir, indem er einige Späße dahe machte; hierauf nahm ich meinen Topf wieder auf und ging kuhig zum Thore hinaus. Kaum nar ich eine Stunde welt Agan gen 4 19 hörte ich drei Kanonenſchüſſe, welche deneeel anzeigen, daß ein Sträfling die Flucht ereißen., und daß hunderi Francs dabei zu gewinnen ſin wenn ihn Einer wieder zurückbringt. Einige Augenblicfe per kamen überall Männer zum Vorſchein, die mit Flinten re⸗ Denſen bewaffnet ſich auf den Weg machten, den Flüchtling aſfzuſuchen. Mehrere derſelben kamen ganz nahe an mir vorbe, lllein da ich Linen. vollſtändigen Matroſenanzug an hatte und en Zopf trug(die Sträflinge haben das Haar kurz geſchoren) iaben ſir gar nicht auf mich Achtung. Bei Einbruch 8 Nachl⸗kraf ich zwei Frauen, die mir auf meine Frage nach meinemege in einem Dialekte antworteten, den ich beim beſten Willey zicht verſtehen konnte. Ich machte ihnen jetzt durch Zeichen

r, daß ich etwas zu eſſen haben möchte, und ſie führten mnich ſ die Schänke des nächſten Dorfes. Der Wirth, der zugleich Feldläter war, ſaß hier in ſeinem halb militäriſchen Anzuge vor den Heuer. Als ich ihn erblickte, traute ich mich erſt nicht näher, re t ermuthigte ich mich bald wieder und ſagte ihm ohne Weiteres, ß ich mit dem Richter zu ſprechen wünſche. Ich bin es, rief ein ſeter Bauer mit einer wollenen Mütze und in Holzſchuhen, der an Ainem Tiſche daſaß. Dieſes Zuſammentreffen ſetzte mich in keine ringe Verlegenheit, da ich erwartet hatte, unter dem Vorwande, Richter aufzuſuchen, mich unvermerkt wieder aus dem Dorfe hleichen zu können. Ich ließ mir indeß nichts merken, ging dreiſt hif den Mann mit Holzſchuhen los und erzählte ihm, ich wäre

auf dem Wege von Morlaix nach Breſt irre gegangen und hätte mich nun bei ihm Raths erholen wollen, da ich vorausgeſetzt hätte, daß er der Einzige in ſeinem Dorfe wäre, der Franzöſiſch ver⸗ ſtände. Hierauf erkundigte ich mich bei ihm, ob es möglich wäre, noch an demſelben Abend nach Breſt zu kommen. Er antwortete mir, daß nicht daran zu denken wäre, noch vor Thorſchluß dort einzutreffen, ich könnte indeß, wenn ich wollte, bei ihm in der Scheune auf Stroh ſchlafen und am nächſten Morgen mit dem Feldhüter, der einen Tags vorher eingefangenen flüchtigen Sträf⸗ ling fortzubringen hätte, nach Breſt gehen. Am folgenden Tage wurde Vidocg erkannt und wieder in den Bagno gebracht. Kurze Zeit darauf machte er einen neuen Fluchtverſuch, der ihm diesmal beſſer glückte. Er ſelbſt gibt folgende Erzählung davon

Da es in meinem Plane lag, ins Hoſpital zu kommen, machte ich mich mit Tabaksſchmergel krank und wurde auch auf den Krankenſaal geſchafft. Nach drei oder vier Tagen war ich indeſſen ſchon wieder geſund und daher mußte ich auf ein anderes Mittel denken. Im Bichtre hatte ich gelernt, auf künſtliche Weiſe Ent⸗ zündungen und Geſchwüre hervorzubringen, wie die Bettler es thun, wenn ſie Mitleiden erregen wollen. Ich hatte die Wahl zwiſchen mehreren Mitteln und ich wandte eins an, welches mir den Kopf ſo groß wie ein Scheffelmaß machte, weil ich auf dieſe Weiſe die Aerzte in Verlegenheit ſetzte und weil ich die An⸗ ſchwellung in einem halben Tage wieder beſeitigen konnte.

Als die Aerzte Vidocg's Kopf plötzlich ſo angeſchwollen fanden, glaubten ſie, es ſei die Waſſerſucht eingetreten, und ver⸗ ordneten natürlich, daß er auf dem Krankenlager bleiben ſollte. Vidocg hatte jetzt Zeit, ſich den Anzug einer barmherzigen Schweſter zu verſchaffen, und entkam glücklich in dieſer Kleidung.