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390 Novellen
denke ich wohl der Stunden, wo ich jung und kräftig, frei wie der Vogel in der Luft, in den Wäldern des Nordens und in den Ländern der Sonne wanderte. Jahre, viele Jahre ſind ſeitdem vergangen, aber noch immer balgen ſich Reue und Liebe in einer Bruſt, noch immer brennt die Fie⸗ bergluth der Sehnſucht in dem alten Herzen. Dann greife ich in meiner Angſt nach der Geige und ſpiele, bis der tolle Aufruhr ſich legt und Ruhe und Friede wieder einkehrt.— Doch was ſchwatze ich da, Kind! Wirſt früh genug die Schwelle der Schule überſchreiten; wirſt bald genug das Leben erkennen lernen, wenn Du unter ſeinen Ruthenſtrei⸗ chen, mit denen es ſeine Lehren ertheilt, Blut und Thrä⸗ nen ſchwitzeſt. Wirſt ſchnell genug das erwünſchte Ende erreichen, wo wir alle ſcheitern. Wenn Du Dir Deine Jugend und die Kraft des Gemüths erhalten willſt, ſo übereile Dich nicht Deine Ungeduld zu verwirklichen, be⸗ wahre und zügele das Verlangen Deiner Bruſt, verlängere mit aller Macht die Verblendung der Hoffnung, dieſe Kindheit des Herzens, die, einmal entflohen, nie mehr wie⸗ derkehrt? Bewahre Dir die unverwüſtliche Zuverſicht zu jeder Gegenwart, um immer wieder verjüngt und handelnd auf dem Kampfplatz zu erſcheinen. Zieh hinaus und ge— nieße Dein Leben! Sei ſchlau! Sei Chriſt unter Chriſten und Türk unter Türken; Du wirſt Dich dabei zwar ver⸗ achten, aber es wird Dir wohl gehen. Vergiß aber nie, daß Du ein Romnitſchel biſt, dann wird es Dir wohl ſein.“
Bei den letzten Worten richtete ſich der alte, zerlumpte Zigeuner mit funkelnden Augen ſtolz auf, ebenſo ſtolz wohl wie der Graf auf ſeinem Schloß, wenn er von ſeinen er⸗ lauchten Vorfahren ſprach, und mit dem Ausdruck der tief⸗ ſten Verachtung ſprach er von den Paria's!
Die Anmaßung, die reinſte Race zu ſein, iſt den Zi⸗ geunern, wie überhaupt allen Völkern, die aus dem Her⸗ zen Aſiens ſtammen, eigenthümlich. Alle Menſchen, die nicht Zigeuner ſind, ſind in ihren Augen untergeordnete Weſen. Ihr Stolz tröſtet ſie über die Verfolgung, die ſie
Zeitung.
zu erdulden haben; Verachtung ſetzen ſie der Verachtung entgegen.
Noch lange ſprach der Zigeuner, den Knaben in die Er⸗ fahrungen ſeines reichen, aber geſcheiterten Lebens und in die Grundſätze der Zigeunerphiloſophie einweihend; mit buntſchillernden Farben einer durch Einſamkeit und Be⸗ ſchauung erhitzten Phantaſie, mit ſchonungsloſer Tollheit ſprach er von den menſchlichen Schwächen, von den Schat⸗ tenſeiten des Lebens. Neben dem Golde, das dieſer bizarr zuſammengeſetzte Charakter zu Tage förderte, lag der Schmuz einer in wilder Rohheit ausgearteten Natur.
Viele ſeiner Lehren gingen für Pali, deſſen Seele an⸗ derswo weilte, glücklicher oder unglücklicher Weiſe verlo⸗ ren; dennoch fielen manche Worte, manche Gedanken wie belebender Fruchtſtaub in ſeinen Schooß, die ihn aus dem engen Kreiſe ſeiner Jugend nach der Höhe des Lebens rückten.
Der Tag graute, als Pali aus der Hütte trat.
Die Haide ſchwamm in dem wallenden, dunſtigen Licht des Morgens, bis ſich der Saum des Horizonts mit einem rubinengeſtickten Band umzog und die Sonne endlich in ihrer leuchtenden Herrlichkeit heraufſtieg; ihre erſten fröhlich ſchweifenden Strahlen trafen das Schloß, daß Fenſter und Dächer, von einem Lichtwirrwarr umzittert, weit in das Land hinaus erglänzten. Hier und da erwachten in den Zweigen die Vögel, ſchüttelten ihre bunten Federn und ſahen, die kleinen Flügel dehnend, neugierig und verwun⸗ dert auf den jungen Wanderer, der unbeachtet über die dürre Haide zog. Dem armen Knaben war gar ſeltſam zu Muthe, traurig wie dem armen Monde, der verbleichend noch am Himmel ſtand, und doch auch wieder ſo überaus fröhlich, wie dem Vogel, der ſeinem Käfig entflieht. Oft wendete ſich ſein Blick rückwärts, oft flogen ſeine Gedan⸗
ken nach dem Schloſſe zurück, aber immer größer wurde der⸗
Raum, der die zwei Herzen trennte.
zahl Uhrfederſägen bei ſich und hatte uns ſo die Möglichkeit ver⸗ ſchaft, unſere Feſſeln durchzufeilen. Um unſere Wächter ſo lange als möglich zu täuſchen, hatten wir die durchfeilten Stellen mit einer beſondern Art Kitt verklebt. Als wir uns mitten im Walde von Compiegne befanden, wurde das verabredete Zeichen gegeben; unſere Ketten fielen auf den Boden, wir ſprangen vom Wagen, auf dem wir transportirt wurden, und zerſtreuten uns im Walde. Die fünf Gendarmen und die acht Dragoner, welche unſere Be⸗ gleitung ausmachten, verfolgten uns mit dem Säbel in der Fauſt. Wir verſteckten uns hinter den Bäumen, nahmen große Steine auf und machten uns zum Widerſtande bereit. Die Soldaten wußten einen Augenblick nicht, was ſie thun ſollten, aber da ſie gut bewaffnet waren, bekamen ſie bald wieder Muth, feuerten auf uns, erſchoſſen Zwei und verwundeten Fünf. Jetzt warfen ſich die Andern auf die Kniee und baten um Gnade. Einige von uns waren ſchon wieder auf den Wagen geſtiegen, als Hurtel, der ſich während des ganzen Vorfalls in einer gewiſſen Entfernung ge⸗ halten hatte, einem unglücklichen Gefangenen, welcher ſeiner Mei⸗
nung nach nicht ſchnell genug herbeikam, den Degen durch den n ling ſicher war, der eine Zeit lang die Kette getragen hatte. Er
Leib ſtieß. Dieſe feige und grauſame That verſetzte Die, welche noch nicht wieder auf den Wagen geſtiegen waren, in die größte Wuth. Sie griffen wieder nach Steinen und wollten über Hurtel herfallen. Nur die Drohung der Dragoner, bei fernerem Wider⸗ ſtande Alle ohne Ausnahme niedermachen zu wollen, brachte ſie wieder zur Ruhe. Als wir nach Senlis kamen, wurden wir in ein Gefängniß geſteckt, das ſchlimmer war als alle, die ich bis dahin geſehen hatte.“
Vidocg war erſt höchſtens zwölf Tage im Bichtre, als er auch ſchon den Plan zu einem Fluchtverſuche machte, wie er in dieſer
Anſtalt noch nicht vorgekommen war. Er und eine Menge anderer Verurtheilter gruben einen Gang durch den Fußboden ihres Ge⸗ fängniſſes, ſtiegen in die unter dem Gebäude befindliche Waſſer⸗ leitung hinab und gelangten auf dieſem Wege in den Hof der Wahnſinnigen. Sie machten eben Anſtalt, über die Mauer zu
klettern, als ein großer Kettenhund aus ſeiner Hütte hervorſtürzte
und mit wüthendem Gebell auf ſie losfuhr. Alle übrigen Hunde der Anſtalt ließen jetzt auch ihre Stimmen hören, die Wahnſinnigen fingen an zu heulen und zu ſchreien, und im nächſten Augenblicke war der Hof voll Soldaten, Schließer und Aufſeher. Die Ge⸗ fangenen wurden ſogleich feſtgenommen und wieder in ſichern Ge⸗ wahrſam gebracht. Am 20. October ging der Sträflingstrans⸗ port, zu dem Vidocg gehörte, nach Breſt ab. Sechs Tage nach ſeiner Ankunft im Bagno machte er wieder einen Fluchtverſuch. „Ich hatte mich als Matroſe verkleidet,“ erzählte er,„und kam ungehindert aus dem Bagno. In Breſt war ich nicht bekannt und trieb mich daher erſt eine Zeit lang in den Straßen herum, ehe i
an das Stadtthor gelangte. 1 her des Bagno, Namens Lachique, vor deſſen Scharfblicke kein Sträf⸗
erkannte ſie nicht allein am Blicke und an der Haltung, ſondern auch an einem andern eigenthümlichen Kennzeichen. Die Sträf⸗ linge ſchleifen nämlich, ohne es ſelbſt zu wiſſen, mit dem Fuße, an welchem die Kugel angeſchmiedet geweſen iſt. Ich mußte noth⸗
gedrungen vor dieſem gefährlichen Beobachter vorbei, der mit der
Pfeife im Munde ruhig im Thore ſaß und Jeden, der hereinkam oder hinausging, mitödurchbohrenden Blicken anſah. Da 14 wußte, daß ich einen ſchlimmen Augenblick zu überſtehen hatte nahm ich mich zuſammen, näherte mich ihm ganz unbefangen⸗
Hier befand ſich ein alter Aufſeher
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— ſtellte ei vor ihm


