III Juirg.
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Nr. 25.) Dritte
ſtatt einzutreten, blieb Pali, der wunderbaren Muſik lau⸗ ſchend, vor der Thüröffnung.
Hier wohnte Marzi, Pali's Freund und Lehrer in der Kunſt Jubal's, ein armer alter Zigeuner, der ſein Räu⸗ ber⸗, Künſtler⸗ und Landſtreicherleben aufgegeben, jetzt Menſch und Vieh mit den wunderbaren Abracadabras der Volksheilkunde curirte und nebenbei den Burſchen und Mädels an Feſttagen und Feierabenden zum Tanze auf⸗ ſpielte. Jeder, der Sinn für Muſik hat, würde Marzi's Spiel erſtaunt, jeder, der die rechte Stimmung mitbringt, würde ergriffen worden ſein von dieſen nächt⸗ lichen Phantaſien, von dieſen träumeriſch ſich ausſpinnen⸗ den Geſtändniſſen des Herzens.
Als die Geige verſtummte, trat Pali in die Hütte. Das Innere derſelben wurde nur an einigen Stellen durch das hereinfallende Mondlicht erleuchtet. Ein Lager, über demſelben eine Geige und eine Truhe bildeten die ganze Einrichtung. Aus dem Halbdunkel der Hütte trat ein langer, ſtarkknochiger Mann, deſſen graues Haar und kur⸗ zer Stoppelbart die tiefe Tinte ſeiner bronzenen Geſichts⸗ farbe noch mehr hervorhob, auf Pali zu. Es war Marzi. Dieſer Mann, der Niemand zu lieben ſchien und der wegen
ſeines eiſernen Spottes von Allen gefürchtet wurde, hatte
eine Vorliebe für den Knaben und unterhielt ſich oft und gerne mit ihm. Pali ſaß ſtundenlang in ſeiner Hütte und wurde nicht müde zuzuhören, wenn der Alte von fernen Ländern, von himmelhohen Gebirgen und wildreißenden Strömen erzählte.
„Biſt Du es, Pali?“— fragte er.—„Willſt alſo doch fort? Glaubte ſchon, Du hätteſt Dich eines Andern beſonnen, wärſt zu Kreuze gekrochen, hätteſt die Peitſche des Magnaten geküßt und zögſt den herrſchaftlichen Hunde⸗ ſtall dem freien Lager auf der Haide vor!“
„Nein, Marzi,“— ſagte Pali—„wie ich Euch ge⸗
ſagt habe, ich, gehe fort und will mich in der Welt um⸗ ſehen. Ich komme nun von Euch Abſchied zu nehmen.“
folge. 389
„Das iſt brav, daran erkenne ich den Romnitſchel*). Wir müſſen wandern, nur auf der Wanderſchaft iſt uns wohl. Gebunden an die Scholle, eingepfercht in ein Haus ſind wir elende Selaven; auf der Haide und im Walde ſind wir Herrn. Da gibt es heiße Tage und kalte Nächte, Schimpf und Mühſeligkeiten zu ertragen und Arbeit und Kampf, wo des Menſchen Kraft und Geiſt gilt und hilft und keine Krücke, nichts Eitles und Anerzwungenes. Da
über legen wir die Sclavenkleider ab, worauf das Schickſal uns
ſein Wappen gedrückt.— Könnte ich doch mit Dir ziehen, Pali; aber ich bin alt und krank. Die Jahre und das ruhige Leben unter den Bauern haben mir das Mark aus den Knochen geſogen und die Kraft des Willens abge⸗ ſtumpft. Nütze zu Nichts mehr in der Welt, als die hoch⸗ geworfenen Heller der Bauern aufzufangen, als mich wie einen Wurm treten zu laſſen, wenn der Fidelbogen nicht toll genug über die Saiten ſpringt!“— Damit warf ſich der alte Zigeuner auf ſein Lager, ſtützte den Kopf auf die Hand und ſtarrte unheimlich ſtumm vor ſich hin.
Pali unterbrach endlich das Schweigen:„Ich habe vorhin Deinem Spiel zugehört, Marzi; könnte ich doch auch ſo ſpielen wie Du!“
„Wirſt es ſchon lernen,“ antwortete Marzi—„haſt ja Geſchick dazu. Du kannſt Dir einmal bei den Gadſchi Dein Brod damit verdienen, und dann iſt ſo eine Geige ein gar guter Freund, der einzige, dem wir vertrauen dür⸗ fen, der einzige, der mit uns lacht und weint und uns trö⸗ ſtet in der Noth. Ja ſieh! in der Stille und Einſamkeit der Nacht verlaſſen alte, längſt todtgeglaubte Geſchichten ihre Gräber; dort klaffen mir ein Paar blutige Wunden fentgegen; dort leuchten mir ein Paar Augen mit ihrem verlangenden Blick, aber Nacht deckt dieſe Augen und ich werden immer in dieſe braunen Sterne ſchauen. Dann ge⸗
*) Romnitſchel nennen ſich die Zigeuner in Ungarn im Gegen⸗ ſatz zu den Gadſchi, denjenigen, welche nicht zu ihrem Stamme gehören.
machte. Auf ſein Geſchrei kamen die übrigen Wachſoldaten, die Schließer und die Aufſeher herbei und zogen mich mit der größten Anſtrengung endlich wieder aus dem Loche heraus, wobei ich frei⸗ lich manches Stück Haut zurücklaſſen mußte. Ich wurde ſogleich, blutig und geſchunden, wie ich war, in einem andern Theile des Gefängniſſes allein untergebracht und an Händen und Füßen gefeſſelt.“
„Nachdem ich zehn Tage lang in gänzlicher Abgeſchloſſenheit zugebracht hatte, wurde mir wieder der Aufenthalt in einem der Säle geſtattet. Bis dahin hatte ich nur Diebe, Gauner, Land⸗ ſtreicher, Fälſcher zu Gefährten gehabt, jetzt kam ich mit den ſchlimmſten, verſtockteſten Verbrechern zuſammen, die mit ibren Schandthaten prahlten und ſo gänzlich gefühllos für ihre Lage waren, daß einer ihrer gewöhnlichen Witze war, ſie würden ein⸗ mal auf der Guillotine zu Wurſtfleiſch gehackt werden. Unter meinen Gefährten befanden ſich mehrere, die zu der von dem be⸗ rüchtigten Sallambier befehligten Räuberbande gehört hatten, die unter dem Namen Einheizer in der ganzen Gegend ſolchen Schrecken verbreitet hatte. Dieſer Name kam daher, daß ſie, wenn ſie in ein Haus einbrachen, die Bewohner deſſelben ſo lange mit den Füßen ins Feuer hielten, bis ſie geſtanden, wo ſich ihr Geld be⸗ fand. Einer dieſer Bande, der ſich ebenfalls mit im Gefängniſſe befand, ein gewiſſer Brunellois, wurde der Unerſchrockene genannt. Dieſen Beinamen rechtfertigte er ſpäter durch eine That, wie ſie nohl ſchwerlich je auf irgend einem Armeeberichte geſtanden hat.
runellois wollte einmal mit mehreren Anderen in das Haus eines Lachters einbrechen. Er ſteckte ſeine Hand durch eine an dem henſterladen befindliche Oeffnung, um den Haken loszumachen. As er ſie wieder zurückziehen wollte,
merkte er, daß er ſich in einer
Schlinge gefangen hatte, und trotz aller Anſtrengungen wollte es ihm nicht gelingen, ſich wieder loszumachen. Im Hauſe entſtand Lärm und man hörte deutlich, wie die Leute darin hin- und her⸗ gingen. Seine Gefährten ſahen ihn mit drohenden Blicken an und ſchienen die Abſicht zu haben, ihn zu ermorden, um nicht von ihm verrathen zu werden. In dieſer ſchlimmen Lage faßte er einen verzweifelten Entſchluß; er zog ein großes, ſcharfes Meſſer hervor, das er bei ſich führte, und ſchnitt ſich die Hand am Gelenke ab. Hierauf nahm er mit den Andern die Flucht. Dieſer ganze Vorfall fand in der Gegend von Lille ſtatt. Brunellois war im Departe⸗ ment du Nord ſehr bekannt, und mehrere Leute erinnern ſich noch an die Hinrichtung des einhändigen Räubers.“
Vidocg wurde endlich wegen Schriftenfälſchung für ſchuldig erklärt und zu achtjähriger Zwangsarbeit verurtheilt. Er ſelbſt erwähnt nichts von der öffentlichen Ausſtellung und der Brand⸗ markung, die er in Folge dieſes Urtheils nothwendigerweiſe erlitten haben muß. Er wurde mit mehreren Andern nach dem Bicétre gebracht, von wo aus er in den Bagno zu Breſt kommen ſollte Unterwegs machten ſie einen verzweifelten Fluchtverſuch.„Hurtel, einer der Gefängnißaufſeher, der uns begleitete,“ erzählt Vidocg⸗ „hatte uns bei dieſer Gelegenheit auf eine ganz beſondere Weiſe gefeſſelt. Jeder Verurtheilte war nicht allein mit einem anderen zuſammengeſchmiedet, ſondern hatte auch noch am Fuße eine funf⸗ zehn Pfund ſchwere Kugel. Außerdem war die Aufſicht ſo ſtreng, daß nicht daran zu denken war, durch Liſt ſich wieder frei zu machen. Ich ſchlug daher meinen vierzehn Gefährten vor, uns mit Gewalt zu befreien, und wie ich erwartet hatte, waren Alle dazu bereit.“
„Desfaneux, der Erfahrenſte unter uns, trug immer eine An⸗
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