mutb, Kind!
ingen.
„7 Tant
Ein Zigeuner.
Novellette
von
Carl Clauß)). (Schluß.)
Oft hatte ſie mit Pali hier geſeſſen, hier hatte er mit ihr geſpielt und ihr jene närriſch wehmüthigen Geſchichten erzählt,— hier zwiſchen brennneſſelumwachſenen Steinen hatten ſie ſich Häuſer gebaut und aus Sonnenſtäubchen
Novellen-Zeitung.
ſich zauberiſche Welten geſchaffen— und nun war Alles
vorbei.— Wird er wiederkommen? fragte ſie ſich.— Es
war der erſte Schmerz der Trennung, der ſie mit bangem
Weh durchzitterte. Die erſte Erfahrung der Vergänglich⸗ keit und Nichtigkeit aller irdiſchen Dinge, welche ihren finſtern Schatten über das Frühlingsgrün des jugendlichen Herzens breitete.
Eine Viertelſtunde nach der andern verging, noch immer blickte ſie ins Thal hinab, vergebens ſchien ſie zu warten. Immer ſtiller und wärmer wurde die Sommernacht. Eine erhabene Heimlichkeit und innige Feier zog wie der Odem Gottes durch die verklärte Natur— nur am Rand des Horizonts zuckten flüchtige Blitze, nur in den Laubgängen lispelte es, als wenn murmelnde Träume auf und nieder ſteigen, und die Glockenhäupter der Blumen, die aus dem Graſe hervorſchauten, nickten zuweilen wie berauſcht vom Labetrunk des Thaues. In träumeriſcher Magie ver⸗ ſchwimmt das weite Land zu ihren Füßen— nur der finſtre, berüchtigte Bakony lag wie ein großer Schatten dunkel und unheimlich da. Die Furcht der Einſamkeit ſchlich ſich in des Mädchens Herz, ihr war ſchauerlich und ſeltſam zu Muthe; alte Geſchichten tauchten vor ihr auf, die Sagen von Burgtrümmern drüben am Waldrand und das Märchen von dem todten Zigeuner⸗Häuptling, den ſeine Stammgenoſſen vom Galgen nahmen, ihm eine Krone auf⸗ ſetzten und einen purpurnen Mantel anlegten, um ihn ſo
*) Am ſelben Tage, an dem die vorige Nummer der Nov.⸗Ztg. mit dem Anfange dieſer Novelle ausgegeben wurde, erſchien in Gutz⸗ kow's„Unterhaltungen“ der Anfang derſelben Erzählung. Jedenfalls haben wir das urſprüngliche Recht auf dieſe Arbeit gehabt, da wir die⸗ ſelbe bereits vor zwei Jahren vom Verfaſſer erwarben und unſerer Verpflichtungen deshalb uns alsbald erledigt hatten. Wenn wir Herrn Clauß nun auch länger, als er vielleicht wünſchte, auf den Abdruck haben warten laſſen, ſo war das doch immer für ihn kein Grund, die Erzählung, ohne uns⸗Anzeige zu machen, anderweitig veröffentlichen lu laſſen.— Unſere Leſer im Uebrigen machen wir darauf aufmerk⸗ ſam, daß der Schluß der Novelle nach unſerer Mittheilung von der in
en„Unterhaltungen“ ſich weſentlich unterſcheiden wird.
D. Red. d. Nov.⸗Ztg.
(in den Strom zu betten, der ihn nach Aegypten tragen ſollte, wo er in der großen Pyramide liegen würde——.
Plötzlich ſprang ihr zottiger Begleiter, der ihr gefolgt war, vom Boden auf und ſpitzte, den Kopf vorſtreckend, die Ohren.
Erzſi erblickte eine ſchwarze Geſtalt aus dem Buſch unten im Thal hervorkommend, welche ſich vorſichtig dem Hügel näherte. Ihr Auge funkelte, ihr Herz zitterte, als ſie die Geſtalt den Berg heraufeilen ſah.
„Pali, biſt Du es?“ rief ſie leiſe in die Nacht hinaus.
„Erzſi, fürchte Dich nicht, Pali iſt's,“ antwortete ein funfzehnjähriger Bube, deſſen kräftig ſchlanke Glieder mit einem weißen Hemd und eben ſolchen Gatgen(falten⸗ reiche Leinwandhoſen) bekleidet ſind. Den Füßen, die zwar noch keine Stiefel tyranniſirt haben, hätte man es anſehen können, daß ſie, gegen die Gewohnheit ſeines Stammes, häufig mit dem Waſſer Bekanntſchaft machten. Auf dem glänzend ſchwarzen Lockenkopf ſaß ein breitkrämpiger Hut, das tiefbraune Geſicht beſchattend, aus welchem ein Paar freundliche Augen voll Energie und Sonnenſtrahlen her⸗ vorblitzten.
Behend kletterte er über die Mauer und war bei Erzſi.
„Das iſt ſchön von Dir, Erzſi, daß Du mich hier er⸗ wartet haſt. Ja, ich weiß es, Du wirſt den armen Pali ſo bald nicht vergeſſen!“— Dies ſagend drückte er ihre Hand.
„Biſt Du bös auf mich?“ ſagte Erzſi,„ach, ich habe es verdient! Warum habe ich nicht ſogleich die Wahrheit ge⸗ ſagt? Als ich es ſpäter dem Vater geſtand, daß ich es war, die den dummen Pfeifenkopf zerbrach, hat es zu Nichts geholfen.“
„Ich— Dir zürnen? Nein, Erzſi, mein Perlenkind! Schweige von der Geſchichte mit dem Pfeifenkopf. Man ſchlug mich zwar und jagte mich wie einen Hund fort, aber der Zigeuner fühlt es nicht, er iſt an die gnädigen Peit⸗ ſchenhiebe des Magnaten gewöhnt,“ ſetzte er wehmüthig lächelnd hinzu.
„Zürne dem Vater nicht,“ fiel ihm Erzſi ins Wort, „er iſt gut, und ich will ihn ſo lange bitten, bis er Dich zurückkommen läßt.“
„Nein, thue das nicht, Erzſi, ich komme nicht wieder.“
„Dann haſt Du alſo Deine Erzſi nicht mehr lieb,“ ſagte ſie mit ſchmollendem Ton.
„Gerne blieb ich bei Dir,“ erwiderte Pali,„aber ſieh, Du wirſt bald eine gnädige Frauz; ich aber, ich bleibe Pali der Zigeunerbube, der die Peitſche bekommt und höchſtens zum Tanz aufſpielen darf.“
Der arme Bube hatte mit ſeiner angebornen Schlau⸗⸗
heit wohl die Worte, die der Graf in ſeinem Zorne fallen


