Jahrgang 
01-26 (1857)
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Nr. 24.]

hat der Schwung ihres Weſens nichts verloren; ihr ent⸗ weihen.

zündbares Herz ſchlägt noch immer in warmen Pulſen; dennoch iſt ſie reifer, milder und harmoniſcher geworden. Sie fühle ſich, ſchreibt ſie im Jahre 1812, geläutert und geſtärkt und zu dem Genuß einer ſeligen Klarheit hinauf⸗ gehoben: immer tiefer habe ſich in ihrdas Vermögen un⸗ endlicher Liebe erſchloſſen. So fühlt ſie die großen Be⸗ gebenheiten jener Epoche. der Zeit iſt ſie tief gefaßt.Wir ſtehen, ſagt ſie,in Gottes Hand, und das eigne Leben geht zuletzt auf in der ewigen Harmonie der Schöpfung. Mit unbegrenztem

Tief bewegt durch die Stürme

Mitgefühl begleitet ſie die Streiter des heiligen Kampfes; ihr Herz iſt bei allen, und bei allen ganz; in thätiger Sorge widmet ſie ſich den Bedürfniſſen und Nöthen der

ſchweren Zeit. Aber auch dieſe Zeit iſt vorübergegangen. Sie darf zu ſtillerem und innerlichem Leben zurückkehren. Sie hat alles Heitere und Glänzende gekoſtet; ſie trägt es in ſich, ſie iſt amit umgeben. Nun waltet ſie, noch immer eine anmuthvolle Erſcheinung, im Hauſe, an der Seite des Mannes, im Kreiſe der Ihrigen. Sie belebt und ziert jede Geſellſchaft. Wer ihr naht, empfindet den Zauber ihres zarten Gemüthes, ihres offenen Herzens, ihres lebendigen Geiſtes; er wird inne, daß eine ſolche Erſcheinung einzig, unfaßbar und unbeſchreiblich iſt.

Was ein Weſen wie dieſes für Humboldt ſein mußte, würden wir ahnen können, wenn er es nicht ſelbſt in Proſa und in Verſen hundertfach ausgeſprochen hätte. Bei der erſten Begegnung mit ihr hatte die Kühle ſeiner reflectiren⸗ den Natur ihm ſelbſt das Glück zu verhehlen geſucht, das er aus dem Zuſammenleben mit ihr ſchöpfen ſollte. Hintergrunde der Empfindung indeß lag ihm ſchon damals die Ueberzeugung, daß Dieſe die Einzige ſei, mit der er ein ſolches Band eingehen könne, und am Ende des Le⸗ bens war ihm der Begriff der Liebe durch das ſchlechthin unvergleichliche Verhältniß zu ihr zu einem Begriff gewor⸗ den, von dem er nicht reden mochte, um ihn nicht zu ent

Im

Dritte folge.

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Er lebte nur in ihr, mit ihr und von ihr. Wie unverkennbar es iſt, daß die Bildung ihrer Ideen und ihrer Denkweiſe unter dem Einfluß ſeines ſtarken Geiſtes ſtand: er wollte nur davon wiſſen, daß ihr Weſen ihn getragen und gebildet habe. Erſtihrer Liebe Inbrunſt habe in ihm entzündet, waszarteren Urſprungs in ihm ſei. Sie ſei der Leitſtern ſeines Lebens und ſeines Wirkens ge⸗ weſen. Auch in öffentlichen Geſchäften habe ſie den ent⸗ ſchiedenſten Einfluß auf ſeine Art zu denken und zu han⸗ deln gehabt.Ich weiß, ſchreibt er an die Wolzogen, wie viel ich ihr in den verhängnißvollen Jahren der Epoche von 1813 1819 in Anſichten, Richtungen, Beſtrebungen verdankte. Das Gleiche ſpricht er gegen Stein aus: denn, ſagt er,ihre Anſichten, ihre Grundſätze, ihre Geſinnungen leiten, ſtärken, befeſtigen, ermuntern im Gan⸗ zen; man ſieht das Ziel, wohin man gelangen ſoll, reiner und klarer und läßt ſich durch Schwierigkeiten und Zufäl⸗ ligkeiten der Ausführung weniger auf Abwege bringen; auch berechnet ein Mann für ſich allein weniger die echte Reinheit der Mittel, ohne die das wahrhaft Gute niemals gedeihen kann. So normirte und läuterte er an ihr das Gefühl pflichtmäßigen Handelns. So bezog er auf ſie, was ihn beglückte und was er innerlich war. Ihr zur Seite gehend und den Umgang mit ihr in ſein ganzes Le⸗ ben verwebend, ſei,ein Hauch ihres Charakters auf ihn übergegangen, ja ſie allein ſeidas Princip des gedan⸗ kenreichſten und ſchönſten Theils ſeiner ſelbſt geweſen. Seit 1819 lebte Humboldt mit geringen Unter⸗ brechungen in Tegel, ſeinem Luſtſchloß bei⸗ Berlin, das er durch Parkanlagen und eine Sammlung auserleſener Meiſterwerke der Bildhauerkunſt zu einem herrlichen Sitz verſchönerte. Hier widmete er ſeine Muße den Studien der Sprachwiſſenſchaft, durch die er nicht nur für die Philologie, mehr noch für die Philoſophie und Culturge⸗ ſchichte Epoche machend geworden iſt. Von den claſſiſchen Sprachen zu Detailforſchungen über die cantabriſche und

Aus der neuen Welt. Belohnte Wohlthat.

Zwanzig Jahre mögen es etwa her ſein, da klopfte im Monat Januar an die Thür eines reichen Farmers in einer der nördlichen Provinzen der Vereinigten Staaten Amerika's eine Indianerin.

Sie trug die Kleidung der Cees im Nordweſten: eine große Decke von dunkelblauem Tuch, die oben mit einer Kapuze ver⸗ ſehen war und unten bis auf die Füße herabhing; Halsband von Glaszierrathen; Mocaſſins von ungegerbter Thierhaut, mit Muſcheln künſtlich benäht. Die Kapuze war mit Stickereien ein⸗ gefaßt und hatte an der Spitze eine große Quaſte. Kurz, ihr ganzer Anzug verrieth die Frau eines Häuptlings. Aber ihre Decke war durch die Zeit verblichen und von den Motten benagt; die Glaszierrathen ihres Halsbandes waren zerbrochen, der ganze Anzug beſchädigt.

Ueberdies trug die Squaw auf ihren Armen jene Art von Wiegen, in welchen die Indianerinnen ihre Kinder bis zu einem gewiſſen Alter mit ſich herumzutragen pflegen.

Soboinigan(der Aal) ſo hieß das arme Geſchöpf hatte ihren Mann auf dem Gebiete der bleichen Geſichter ſterben ſehen. Er, Kinibenk(die Schlange), war von ſeinem Stamme abgeordnet worden, um eine Angelegenheit mit der Regierung der Hudſons⸗ Bai zu ordnen; auf der Reiſe aber war er erkrankt und geſtorben und Soboinigan blieb allein in Canada, um ihre Anſprüche geltend zu machen. Doch dies gelang ihr nicht, und von allen Hülfsquellen entblößt, mußte ſie endlich den Rückweg zur Hei⸗ nath antreten. Doch es war mitten im Winter, und als ſie die Farm erreichte, fühlte ſie ihre Kräfte ſchwinden. Da ſuchte ſie um

Gaſtfreundſchaft nach, doch grauſam wurde ihr der Eintritt ver⸗ weigert, obgleich die Nacht bereits anbrach.

Verzweiflung im Herzen wankte Soboinigan davon; da eilte ein junges Mädchen ihr nach und ſagte mitleidsvoll:

Mein Vater ſchickte Euch fort, arme Frau; doch nehmt dies und ſuchet dafür anderwärts mit Eurem Kinde ein Unterkommen zu finden.

Dabei drückte das edelmüthige junge Mädchen der Indianerin ein Goldſtück, die Frucht ihrer kleinen Erſparniſſe, in die Hand.

Die Squaw ging weiter. Die Jahre ſchwanden. Die kleine Wohlthäterin verheirathete ſich. Wiederholtes Mißgeſchick ſtürzte ſie in Armuth. Längſt ſchon hatte ſie die Gabe der Milde ver⸗ geſſen, die ſie einſt als Kind geſchenkt, da kam eines Tages ein Mann zu ihr, der fragte ſie:

Erinnerſt Du Dich noch an Soboinigan?

Sie antwortete verneinend; da erinnerte der Fremde ſie an das Ereigniß, welches wir oben erzählten, und fügte dann binzu:

Ich bin der Sohn der Frau, die durch Dich gerettet wurde, denn ohne Deine großmüthige Unterſtützung wäre meine arme Mutter vor Hunger und Erſchöpfung umgekommen. Jetzt iſt Soboinigan zu dem großen Manitu gegangen. Ehe ſie ihre letzte Reiſe antrat, ſprach ſie zu mir von ihrer Schweſter mit dem bleichen Geſichte; ich habe mich ihrer Worte erinnert.

Damit ſchied der Indianer. Am nächſten Morgen empfing die junge Frau eine Anweiſung auf 5000 Dollar, welcher die Worte beigelegt waren:

Ein Beweis der Dankbarkeit von einem Waldläufer.

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