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380 Novellen
der verſtändigſte Rather und Helfer. Durch zwanzig Jahre hindurch wankt er keinen Augenblick in ſeiner Geſinnung. Kein Wechſel des Aufenthalts, kein Schickſal, das ihn ſelbſt betrifft, keine Veränderung ſeiner Lage oder Beſchäftigung
iſt im Stande, den Briefwechſel zu unterbrechen oder dem
Ton des Verhältniſſes einen wirklichen Mißklang beizuge⸗
ſellen. Er ſchreibt ihr von Tegel, wie er ihr von Paris und London ſchreibt; er verſagt ſich die Freude nicht, ſie
auf der Reiſe im Jahre 1828 in ihrer beſcheidenen und
ſauberen Häuslichkeit noch einmal perſönlich aufzuſuchen, um ſich bis ins Kleinſte ein Bild ihrer täglichen Exiſtenz zu verſchaffen. Er ſchreibt ihr in geſunden wie in kranken Tagen. Der letzte iſt wie der erſte Brief: Ein Ton, Eine Haltung, eine und dieſelbe Liebe und Treue geht gleichmä⸗ ßig durch ſie alle hindurch.
Wohl daher mochte die Freundin dieſe Briefe als einen Schatz betrachten, aus dem ſie Troſt, Erhebung und Er⸗ leuchtung ſchöpfen könne, und mochte durch das Glück eines ſolchen Verhältniſſes ſich mit Schickſal und Verhängniß ausgeſöhnt fühlen. Daß Humboldt durch eben dieſen Briefwechſel immer zugleich auch für ſein eignes Weſen und Bedürfen Befriedigung ſuchte, iſt darum nicht minder gewiß. Nicht bloß, daß ihm immer von Neuem die liebe⸗ volle Ergebenheit und Verehrung, die„zart⸗innige Theil⸗ nahme“ der Freundin unendlich wohlthut: ein Meiſter in der Kunſt glücklich zu ſein, indem er glücklich macht, weiß er ſelbſt ihre weibliche Schwäche und ſelbſt das Mangel⸗ hafte des Verhältniſſes ins Erfreuliche herumzuwenden.
Bei einer ſo innigen Beziehung iſt manchen Leſern des Briefwechſels die Vermuthung aufgeſtiegen, Humboldt's eheliche Verhältniſſe ſeien nicht ſolche geweſen, die ſein ge⸗ ſammtes Geiſtes- und Gemüthsleben beſchäftigen und be⸗ friedigen konnten. Warum der Freundin das tiefſte Still⸗ ſchweigen gerade der Gattin Humboldt's gegenüber aufer⸗ legt wird, dafür wird freilich ſchwer eine unbedingte Er⸗ klärung gefunden werden können; vielleicht war es Hum⸗
Zeitung.[III. Jahrg
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boldt nur darum zu thun, den Reiz der Freundin an ſolchem Verhältniß zu erhöhen; vielleicht auch fürchtete er, möglicherweiſe aus jugendlicheren Erfahrungen her beſorgt gemacht, die Gattin könne jene Beziehung mißdeuten und mißgönnen. Jedenfalls aber war Caroline v. Dacheröden ein hochbegabtes Weſen, dem Geiſte ihres Gemahls voll⸗ kommen ebenbürtig, die mit ihm den Homer und den Pin⸗ dar in der Urſprache las, die ſeinem Umgange mit den vor⸗ züglichſten Zeitgenoſſen die höchſte Würze weiblicher Sin⸗ nigkeit zu verleihen und ihm ſelbſt die letzte Vollendung ſeines Lebensglückes zu bieten vermochte. Wir haben aus Schilderungen und Winken von Zeitgenoſſen, aus dem We⸗ nigen, was von ihr ſelbſt erhalten und öffentlich geworden iſt, den Eindruck einer Liebenswürdigkeit und Anmuth,
wie ſie in der Wirklichkeit ſelten erſcheint, wie ſie zuweilen
einem Dichter darzuſtellen gelingt, die ſich aber der Be⸗ ſchreibung faſt durchaus entzieht. In der ganzen Lieblich⸗ keit der Jugend begegnet ſie uns zuerſt: ihre Wangen ſpie⸗ len in wunderbar ſchönen Farben; blendend iſt der Glanz ihrer großen Augen; ihr ganzes Weſen iſt Zierlichkeit, alle ihre Bewegung iſt Grazie; eine„Glorie der Liebenswür⸗ digkeit“ iſt über ſie ausgebreitet. Was aber aus ihrem Antlitz ſcheint, die Milde wie das Feuer, die Güte wie die Klugheit,— es hat ſeinen Quell in dem bewegteſten In⸗ nern. Sie iſt aus dem weichſten und doch ſtärkſten, aus dem reichſten und reizbarſten Stoffe gemacht. Die Briefe ihrer früheren Jahre verrathen die Gluthen ihres Her⸗ zens, den Drang der Empfindung, eine bis zur Leiden⸗ ſchaftlichkeit geſteigerte Innigkeit. Es arbeitet in ihr das Streben, dieſer Leidenſchaftlichkeit Herr zu werden, das Bedürfniß, wie ſie an Rahel ſchreibt,„Alles in ſich klar zu wiſſen, und ſollt' es das Leben koſten.“ Die römiſche Exiſtenz ſofort wirkt eben ähnlich auf ſie wie auf ihren Gatten. In vollen Zügen trinkt ſie die Luft des Südens; ſie lebt nur im Elemente des Schönen; ſie iſt ſelig im frei⸗ ſten Kunſt- und Lebensgenuß. Unter dieſen Einflüſſen
wie ich war, mußte ich nun zwei Stunden lang die ruſſiſche Ar⸗ tillerie an mir vorüberraſſeln hören. Kaliber, Protzkaſten, Trag⸗ weite, Laffetten u. ſ. w., u. ſ. w.,— die ſchönſten und genaueſten Berechnungen. Ich hätte ſchrecklich viel profitiren können, aber ich ſeufzte nur nach dem Aufhören. Als die Geſchütze gar nicht
ſtill werden wollten, wurde ich laut und ſchwatzte von Literatur
und auch von Thackeray.„Was?“ ſagte Herr Dwyer,„das iſt ja einer meiner beſten Freunde!“ Und Thackeray wurde zum Magnet, der unſern Irländer von der Artillerie fort und aus unſerm Zimmer zog. Doch nicht bevor ich mit Traurigkeit gehört, daß Thackeray ſeine Frau im Irrenhauſe habe. Es erhöhte meine Schätzung für ihn noch, daß er ein ſo tiefes häusliches Unglück ſo intellectuel kräftig zu überwinden wiſſe.
Ich dachte geſtern immer, wenn mich heute Breslauer ſähen — von zehn Uhr Morgens bis zehn Uhr Abends Beſuche! Reiſen gibt Gelegenheit zu Wundern!“
Zum Schluß noch ein paar Worte über den eigentlichen Reiſezweck der Frau von Rheinsberg, die wir auch über Kärnten hinaus recht bald in den nächſten Bänden nach Dalmatien be⸗ gleiten zu können hoffen. Sie ſelbſt ſagt:
„Unſer Signalement konnte ſo gegeben werden:
Otto: ganz grauer Anzug, öſterreichiſche Mütze, mit ſla⸗ viſchen, überhaupt ſprachlichen Zwecken.
Ich: ſchwarzſeidenes Kleid, gleiche Mantille, florentiner Strohhut, mit den drei Abſichten, ein möglichſt intereſſantes Reiſebuch zu ſchreiben, Volkslieder zu überſetzen und Aberglauben zu ſammeln.
reichiſches Mützchen, mit der ſchönen Eigenſchaft, nie das zu thun, was er ſoll, und mit einem bedeutenden Talent, täglich wenig⸗ ſtens einen, bei günſtiger Gelegenheit auch mehr dumme Streiche zu machen.“ Die Frau Verfaſſerin hat die Aufgabe ihrer Reiſe ſelbſt ſo humoriſtiſch dargeſtellt, daß ſie es uns verzeihen wird, wenn wir uns den Humor ihrer Art humoriſtiſch in unſerer Art zu kritiſiren erlauben. Im Uebrigen müſſen wir alles Ernſtes eingeſtehen, daß von Klagenfurt ab in Kärnten ſelbſt und in Trieſt die Skizzen der Verfaſſerin unvergleichlich bedeutender werden, und daß namentlich die Capitel über kärntniſche Sagen und ſloveniſche Poeſie ſorgfältiges Sachverſtändniß— ſoweit wir es beurtheilen können, jedenfalls aber eine Sprachkenntniß von ſeltenem Reich⸗ thum, den feinen inſtinctiven Sinn, deſſen das Verſtändniß der Volkspoeſie bedarf, glückliches Uebertragungstalent und eine höchſt anmuthige Manier der Darſtellung entfalten. Wir haben bereits am Ende des vorigen Jahres in dieſem Blatte von der Verfaſſerin ein dalmatiſches Lebensbild„Ein Cavalier in der Wildniß“ veröffentlicht, das, nebſt den hier bezeichneten Vorzügen der vorliegenden Einleitung, unſere Leſer ſicher auf die Reiſe nach Raguſa und ſeiner vulcaniſchen Umgebung neugierig machen wird. Zum Verſtändniß dieſer, ſo wie der in der Europa und a. a. O. veröffentlichten Skizzen der Frau Verfaſſerin ſei uns zu erwähnen geſtattet, daß Otto ihr Herr Gemahl, Marco aber ihr liebens⸗ würdiges Söhnchen iſt, das ſeinen Taufnamen von ſeinem Ge⸗ burtsorte Venedig ſich in die Welt mitgenommen hat. R. G.
Marco: ſchwarze Sammtkutte, graue Hoſen, auch öſter⸗
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