Liebling gegenüber hatte zeigen müſſen, reute ihn jetzt heimlich. Er zog ſie an ſich, ſtrich ihr zärtlich das glän⸗ zende Haar aus der Stirn und küßte den kleinen Trotzkopf.
Noch lange ſaß er dann allein in ſeinem Lehnſtuhl, und aus der Dämmerung, die ihn nach und nach umſpann, trat leiſe manch altes, liebes Bild der Vergangenheit. Sein inneres Auge verweilte auf einer lichten Erſcheinung. Es war Erzſi's Mutter, ein Engel an Güte und Schönheit; in Sanftmuth, Schweigen und Geduld trug ſie ihr Leid, bis ſie der Tod ins Grab legte. Selten dachte er an ſie, und geſchah es ja einmal, ſo zog mit der Erinnerung manch leiſer Vorwurf durch ſein Herz. Auch jetzt ſuchte er dieſer Erinnerung ſo bald als möglich zu entfliehen und er be⸗ ſchwor die lachenden Geſichter guter Geſellen, die mit ihm gezecht, geliebt und gelebt hatten. Wehmüthig gedachte er jener alten, luſtigen Zeit. Ach! die Gluth in ſeinen Adern iſt erloſchen, die Felder und Jagden ſind verpfän⸗ det, die Freunde verſchwunden, verſchollen; er allein iſt zurückgeblieben, ein einſamer Halm, den die Schnitter vergeſſen!
In dem grauen, freudeloſen Nebel ſeines Winters ſind die Augen ſeiner Erzſi die Sonnenſtrahlen, die ſein altes Herz noch zuweilen erwärmen und beleben. Sie iſt V ſein Stolz, ſeine Freude, ſeine Hoffnung. Nicht weit mehr glaubte er die Zeit, wo die Söhne der Ungarn, um die Hand Erzſi's werbend, ſich im Schloſſe einfinden wür⸗ den, und dann, hoffte er, werde wieder in die jetzt ſo ſtillen, hinfälligen Räume die alte Luſt, der alte Glanz des Hau⸗ ſes einziehen.
Die Nacht, dieſer Troſt kranker Seelen, ſank herab auf die Erde. Es ſchimmern die Sterne am Himmel und weiße, friedliche Wolkenſchäſchen ziehen zerſtreut auf der opalfarbenen Trift des Firmaments. In tiefem Schwei⸗ gen ſteht das Schloß da; ſchlaftrunken ſchaut es durch den Schleier der Nacht auf die zu ſeinen Füßen ruhenden Thäler, auf die im duftigen Mondlicht verſchwimmenden
Novellen⸗Zeitung.
Berge.— Des Schloſſes Inſaſſen ruhen längſt. Selbſt der Graf, der ſich erſt lange auf ſeinem Lager ſchlummer⸗ los herumgeworfen, ſchläft und ſieht ſich im Traume wie⸗ der, wie einſt in den Tagen ſeiner Jugend, auf hohem, herrlichem Roß, den rothen, goldgeſtickten Dolmany um die Schulter, die Zobelmütze mit dem weißen Reiherbuſch auf dem Haupt, durch die Straßen der Kaiſerſtadt galop⸗ piren und er läßt den ſchnaubenden Schimmel auf dem glatten Granitpflaſter aufſteigen, daß die Funken aus den Steinen und den Augen der ſchönen Wienerinnen ſprühen. Ein köſtlicher Balſam iſt jenes Wunderöl des Mohns! Leuchtende Frühlingsblumen zaubert es plötzlich in die eiſigſte Gegenwart!
Geräuſchlos öffnet ſich auf der Hofſeite des Schloſſes eine Pforte und Erzſi erſcheint auf der Schwelle. Vor⸗ ſichtig blickt ſie um ſich, aber kein Laut iſt zu vernehmen, ringsumher ausgeſtorbene Stille. Da plöclich ſpringt in großen Sätzen aus einer Ecke des Hofes ein großer, weißer Wolfshund auf ſie zu. Erſchrocken ſtreichelt ſie das ſilberne Seidenhaar des ſchönen Thieres, das ſich an ſie ſchmiegt und mit ſeinen klugen, treuen Augen, die wie Topaſe hervorglänzen, zu ihr aufblickt, als wundere es ſich über die ſpäten, ungewöhnlichen Promenaden ſeiner ſchö⸗ nen Herrin. Schnell ſchreitet ſie dann über den Hof, dem Parke zu.
Der Park, ein Bild der Verödung und tiefſten Ver⸗ kommenheit, ſtimmt zum Schloß. Aus Mangel an Sorg⸗ falt und Pflege iſt er wieder zur Natur übergegangen. Die geſchnittenen Taxusalleen ſind ſtruppig perwildert. Schlinggewächſe aller Art kriechen hinauf bis in die Baum⸗ wipfel und hängen in Feſtons bis zur Erde nieder. Hier und da erhebt eine Blume, von verdrießlichem Unkraut umſchlungen, ihr ſchönes, trauriges Haupt. Dornige Himbeerſträuche, in den Gängen ſich breit machend, reißen an dem leichten Kleide des Mädchens, doch raſch und leicht wie ein Reh ſchreitet ſie vorwärts, umgaukelt von ver⸗
gefaßt war, während Sie gerade die Reinheit des Tons bewun⸗ derten, darf nicht widerſprochen werden.
Auf Ihr Zeichen applaudiren Viele, aber der Herr läßt nach einem Winke an mehrere Bekannte ein ſo vernehmliches Ziſchen hören, daß der Beifall plötzlich verſtummt. Herr X., der ſchon vorgetreten war, um ſeinen devoteſten Dank durch eine dreimalige Verbeugung auszudrücken, läßt es bei der erſten, unvollkommnen bewenden und ſchleicht wie ein erſchreckter Pudel in ie Couliſſen.
„Empfehle mich, Herr Doctor,“ ruft Ihnen der Herr zu, als kurz darauf der Vorhang zum letzten Male fällt.
Wie! woher weiß der Herr, daß Sie Doctor ſind! Ah, ſolcher Höflichkeit werden Sie zu begegnen wiſſen. Die geringſte Artig⸗ keit, die Sie ihm erweiſen können, wäre, daß Sie ihn gleichfalls Herr Doctor titulirten.
Kurz beſonnen, Sie geben ihm ein„empfehle mich, Herr Doctor,“ zurück.
Der Herr dreht das Bärtchen und ſchmunzelt.
Wie jede Münze, ſo hat auch jede Situation im Leben ihre Kehrſeite. Sobald Sie hinausgetreten ſind aus dem Opernhauſe, tritt an die Stelle des geiſtigen Enthuſiasmus der Enthuſiasmus des Magens. Wie proſaiſch auch die Wendung, das Reſtaurations⸗ ſchild in einer der nächſten Straßen zieht Sie mit unwiderſtehlicher Gewalt. Sie treten in eine Reſtauration mittlern Rangs. Was Sie da fordern werden, verſteht ſich von ſelbſt. Eine kleine Weiße und das herkömmliche Gericht, das auf der einen Speiſekarte Beafſteek, auf der andern Beafſtück, auf der dritten Beufſteak und in noch zahlloſen andern Varianten benannt iſt.
Kaum haben Sie ſich an den Tiſch geſetzt, ſo geht die Thür Kerrein tritt ein eleganter Herr, der wie ein Imperator die
(Zimmer durchmißt, mit vornehmen Herablaſſung nach allen Seiten den Anweſenden ſein„Gutet⸗Abend, meine Herren,“ zu⸗ werfend. Man empfängt ihn faſt allſeitig wie einen alten Be⸗ kannten. Haben Sie es noch nicht gethan, ſo wiſchen Sie Ihre Brille geſchwind ab, denn Sie glauben den Herrn aus dem Opern⸗
hauſe in ihm wiederzufinden. In der That, kein Zweifel, er iſt
es. Aber wie verändert, das heißt nicht in der äußern Erſcheinung, deſto mehr in den Mienen und der Körperhaltung, die jetzt ein gewiſſes Gaunergelüſt zur Schau tragen.
Sie blicken auf den Teller. Vielleicht wär's dem Herrn, der ſonſt wohl nur in den feinſten Hôtels ſoupirt, gewiſſer Verbin⸗ dungen wegen unangenehm, von Ihnen in ſo niedriger Sphäre angetroffen zu werden.
Doch er hat Sie ſchon bemerkt, er tritt zu Ihnen, er ergreift, ohne daß Sie der Artigkeit zuvorkommen können, Ihre Hand und drückt ſie mit einer Innigkeit, ungefähr ſo wie es der Pächter einer Spielbank mit einem Millionair thun würde, der eben am grünen Tiſche funfzigtauſend Thaler verloren..
„Freut mich, Sie hier wieder zu finden, Herr Doctor. Dann wendet er ſich und ruft:„Aber nun kann es losgehen, Karten her! Wer zu viel Geld in der Taſche hat, kann ſich melden! Ein Sechsundſechzig⸗Spieler wird geſucht!“ 3
Der Herr ſcheint der Geſellſchaft ſehr zu gefallen, denn über⸗ all folgt ſeinen Worten ſchallendes Gelächter.
„Ihr Hallunken, ſitzt ihr ſchon wieder und ſpielt. Laßt mich nur erſt dazwiſchenfahren, ihr ſollt kein gutes Haar auf dem Kopfe behalten,“ ruft er einer Anzahl Spielender zu.„Karten her, Karten her, ich muß Geld verdienen!“..
„Aber was haben Sie denn heute im Opernhauſe gemacht?
(III. Jahrg.
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