⸗
. *. ä
u’s nicht?
ines Gebäude, war im Geſchmack des 17. Jahrhunderts ge⸗
die Kunſt ſhon „Kauſend der
. 1 vorn an beginnt
1
Dritte folge.
fovellen-Zeitung.
Ein Zigeuner.
Novellette von
Carl Clauß.
S Am Saum des grünen Bakony in der nördlichen Hälfte Pannoniens lag auf dem Rande eines Hügels der
„Edelſitz eines alten magyariſchen Geſchlechts in lieblich an⸗ muthiger Einſamkeit, auf viele Meilen weit die ganze Ge⸗
gend, Dörfer und Wälder, Berg und Thal beherrſchend.
Das Wohnhaus oder Schloß, wie es die Leute im Dorfe nannten, ein großes, maſſives, mit Gärten umgebe⸗
baut und zeigte zu dem Zeitpunkt, wo dieſe Geſchichte be⸗ ginnt, im Jahre 1820, deutliche Spuren des Verfalls. Dem heiligen Stephan, der am Portal über einem halb⸗ verlöſchten Wappen in einer Mauerblende angebracht war, hatten der Wind und der Regen im Laufe der Zeit Naſe und Arme herabgeſcheuert. Das ſchadhafte, mit Moos be⸗ wachſene Dach, der von den Wänden abgefallene Bewurf, die blinden, undurchſichtigen Fenſterſcheiben, die hier und da den Winden freien Zutritt verſtatteten, dies Alles deu⸗ tete auf erblichenen Glanz, auf die heruntergekommenen Vermögensumſtände der edlen Bewohner. So war es in der That auch, des Schloßherrn luſtig leichte Art zu leben hatte den Ruin ſeines Hauſes herbeigeführt.
Nur dieſes kleine Schloß war ihm geblieben, alle übri⸗ gen Ländereien waren verpfändet und brachten den admi⸗ niſtrirenden Pächtern, tratz der ſchlechten Verwaltung, noch eine ſchöne Summe ein; auch dieſes Schloß würde den Weg des übrigen Vermögens gegangen ſein, wenn es nicht als Lehn der Krone unveräußerlich geweſen wäre.
In den Räumen des unteren Stockwerks, auf der brei⸗ ten Treppe mit hohem, kunſtreich geſchnörkeltem Geländer, auf den langen Corridoren und im Hofe, der mit ſeinen leeren Wirthſchaftsgebäuden ſich auf der Rückſeite des Schloſſes befand und das Wohnhaus vom Garten trennte, war es ſtill und öde. Nicht immer war es hier ſo geweſen. Früher pflegten ſich Gäſte aus Nah und Fern im Edel⸗ hauſe einzufinden, welche im heitern Zuſammenleben die Herrlichkeiten des gaſtfreundlichen Hauſes zu genießen pflegten. Seit Jahren aber war Einer nach dem Andern peggeblieben, und nur die gefiederten Gäſte, wie der Herr
ſes Hauſes zuweilen bitter bemerkte, die Schwalben, hiel⸗
feen noch ihre jährliche Einkehr im Schloſſe. Die Nachmittagsſonne fiel voll und warm in ein hohes, ſeräumiges Gemach der obern Etage. Die Sonnenſtrah⸗
len ſpielten auf den altväteriſchen Möbeln und auf den verblichenen Malereien der Wände, auf den rings herum⸗ hängenden Flinten und Säbeln, Pulverhörnern und Waid⸗ meſſern und auf einem künſtlich gearbeiteten Streithammer. Dieſer Hammer, der einſt Türkenſchädel wie taube Nüſſe zerſchlagen, hatte— wie eine Familientradition erzählt— den verhängnißvollen Tag bei Mohacz geſehen, wo die Blüthe der Magyaren ſiel und ihre Selbſtſtändigkeit für immer verloren ging.
Der Plafond des Zimmers beſteht aus künſtlich zu⸗ ſammengefügten Balken⸗ die vergoldet und gemalt waren, was man freilich nur noch aus einem leichten Goldſchim⸗ mer und grünen oder rothen Flecken vermuthet. Auf dem großen, vielgebrauchten Kamin mit ſeinem eingemauerten, im Rococogeſchmack verzierten Spiegel ſteht eine große, ſchnögkelhafte Uhr, den welttragenden Atlas darſtellend.
Dieſes Zimmer dient ſeit Jahren zum gewöhnlichen Aufenthalt der Familie. In einem bequemen, hochlehni⸗ gen Stuhl ſaß der Herr des Hauſes, Graf S., gähnend und ſich dehnend, ein Bild der Langeweile. ¹
Der Graf war etwa 50 Jahr alt, von hoher Geſtalt, musculös und mager. Das Leben hatte ſeine Furchen um die Augen und Backenknochen gezogen. Ein grauer Schnurrbart beſchattete den zahnloſen Mund und nur das dunkle Auge funkelte noch mit aller ſeiner gewohnten Leb⸗ haftigkeit unter den buſchigen, oberhalb der gebogenen Naſe etwas zuſammengezogenen Brauen. Es war ein har⸗ tes, aber edles, ausdrucksvolles Greiſenantlitz; eine echt magyariſche Phyſiognomie. Der früher ſo kräftige und heitere Mann mit der einſt ſorgenloſen Stirn war ſchnell alt geworden. Herbes Unglück hatte ihn in den letzten Jahren verfolgt und ihm alle Lebenskraft und Luſt benom⸗ men. Der einzige Sohn war in Paris im Duell umge⸗ kommen. Seine Gattin ſtarb, und ſeit ihrem Tode verſan⸗ ken ſeine Verhältniſſe immer mehr und mehr. Er hatte dem leichtfertigen Gebrauch des Lebens entſagen müſſen, aber die Erinnerung daran war ihm geblieben, und dieſe war der Stachel, der ihn mürriſch, mißtrauiſch und melancho⸗ liſch machte.
Die langen Beine von ſich ſtreckend, griff er einigemale nach dem Glas, welches auf dem Tiſch vor ihm ſtand; aber ohne zu trinken, ſchob er den goldklaren Wein zurück, und verdrießlich mit ſich ſelber ſprechend, warf er von Zeit zu Zeit einen Blick auf ſeine Tochter.
Dieſe ſaß am Fenſter, ein Kind von 14 Jahren, eine der Reife entgegen ſchwellende Knospe. Ihr dichtes, glän⸗ zendes Haar, von einem goldenen Braun, wie die reife Ka⸗ ſtanie, iſt geſcheitelt und in zwei lange herabhängende Zöpfe gezwängt, an deren Ende bunte Seidenbänder ein⸗
371


