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Rovellen.
ihres Glaubens, von dem Pelagianismus ihrer Moral. Mit ihrem Haß gegen alles Excentriſche und Schwärme⸗ riſche ſchämten ſie ſich der Thränen nicht, die ſie bei den rührenden Scenen eines Iffland'ſchen oder Kotzebue'ſchen Stückes nicht zurückhalten konnten, ja ſie ſympathiſirten, nach vorausgeſchickter Verwahrung gegen die Conſequenz des Selbſtmordes, mit den Empfindungen und Leiden des Goethe'ſchen Werther. Der Reiz endlich, welchen ſie in ihrem geſelligen Verkehr fanden, beruhte mindeſtens ebenſo ſehr auf der Gemeinſchaft ihrer Ueberzeugungen wie auf dem Vergnügen, das ihnen das gegenſeitige Auskramen ihrer Gefühle und Stimmungen bereitete. Ueberwog aber freilich bei dem männlichen Theil der Geſellſchaft die Ver⸗ ſtandesrichtung, ſo waren dagegen die Frauen die eigentli⸗ chen Conductoren des empfindſamen Fluidums. Bei den Frauen, den ohnehin Empfänglicheren, mußte wohl zu⸗ erſt die altkluge Vernünftigkeit und das philiſtröſe Einerlei aufhören. Hier zuerſt zündete die junge, ſüddeutſche Lite⸗ ratur der überſchwänglichen Empfindung und der patheti⸗ ſchen Leidenſchaft. Es ſtörte den Hausfrieden wenig, wenn der ehrliche Marcus Herz die Producte der neuen Schule für Unſinn erklärte, an denen das Auge ſeiner Gattin mit ſchwärmeriſchem Entzücken hing. Die Weiber machten Pro⸗ paganda, ſo viel ſie konnten. Und da ſie zugleich verſtän⸗ dig und ſchön waren, ſo konnten die Jüngeren nicht wohl widerſtehen. Die Sehnſucht nach einer romantiſchen Oaſe inmitten der rationaliſtiſchen Wüſte machte ſich geltend. Hatte doch die Aufklärung ſelbſt in dem Humanitätsbunde der Freimaurerei ihre Myſterien und den ganzen Apparat romantiſcher Schwärmerei. Die Orden und Verbindungen überhaupt waren an der Tagesordnung. Man begann alſo auch in Berlin gelinde zu ſchwärmen. Auf der einen Seite angeſchloſſen an die Verſtändigkeit der Männer und treu den Leſſing⸗Mendelsſohn'’ſchen Traditionen, gab man ſich andrerſeits dem Gefühlsleben, den Reizen des Geheim⸗ niſſes und der Schwärmerei hin. Einer der zuerſt Ange⸗
Zeitung. ſteckten, einer der gelehrigſten Jünger war Wilhelm von Humboldt. Denn es war eine mächtige Sinnlichkeit und ein reiches Empfindungsleben in ihm. Er hatte nicht nö⸗ thig, wie ſo viele Andere, die Sentimentalität ſich anzu⸗ lügen und Komödie damit zu ſpielen. Eine Frau nun be⸗ ſaß das damalige Berlin, in welcher neben unvergleichlicher Schönheit Geiſt und Empfindung in reichem Maße war. Durch Kunth war der junge Mann in dem Hauſe von Marcus Herz eingeführt. Wie ſehr er Profeſſion von der Aufklärung machte: es hinderte nicht, daß ſein Gefühl für die ſchöne Frau, für Henriette Herz, zur Leidenſchaft auf⸗ wallte. Dieſe dafür gewann eine ſichere Superiorität über ihn. Sie führte ihn in die Welt ein. Sie machte ihn be⸗ kannt mit ihren Freundinnen. Im Kreiſe dieſer Freundin⸗ nen und ihrer Freunde kam es darauf zur Stiftung eines Bundes, in dem ſich der Moralismus der Männer mit der Empfindſamkeit der Weiber amalgamirte. Es war eine Art Tugendbund, deſſen Zweck gegenſeitige ſittliche und gei⸗ ſtige Bildung, ſowie Uebung werkthätiger Liebe war. Na⸗ türlich hatte der Bund ſeine ordentlichen Statuten und ſeine eigenen Chiffern. Das vertraute Du verband alle Mitglieder. Auch Auswärtige zählten zu dieſen. War es doch beſonders reizend, in Geheimſchrift mit dieſen zu correſpondiren, um in gegenſeitigem Herzenserguß ſich zu genießen. Ohne Zweifel waren das Spielereien und kin⸗ diſche Dinge: heutzutage, vermuthen wir, würde ſich ein zwölfjähriges Mädchen zu alt dafür halten. Es war den Damaligen mit dieſen Spielen bitterer Ernſt. Man hatte im Bundesrath beſchloſſen, auch Wilhelm v. Humboldt in den Bund aufzunehmen. Der gute Junge mochte ſich nicht allzu ſtoiſch in der letzten Zeit gehalten haben. Mit zer⸗ knirſchtem Gemüthe daher ſtürzte er zu ſeiner Vertrauten und erklärte ihr, daß er ſich leider der ihm zugedachten Ehre nicht würdig fühle. Aber ſolche Reueſcenen waren eben recht im Geſchmack der Weiber. Er empfing Abſolu⸗ tion. Er ward feierlich initiirt.
„Sodann vergangenes Jahr wieder in Aeſäd, im Stalle der Gutsherrſchaft!“ 1
„Nu, er ſaß halt ein halbes Jährchen im Gefängniß— was Rechtes!“
„Jawohl, aber im Winter drauf, hier im Dorfe!“
„Nun, nun, er hatte halt den Aſſeſſor geprügelt und brummte Alles in Allem drei Monate im Comitatsgefängniß!“
„Ich dächte, das wär' nun genug, Gevatter Jänos; zu Johanni wird er zweiundzwanzig Jahre alt und hat nun ſchon ein ganzes Jahr im Gefängniß geſteckt!“
„Laßt'’s gut ſein, Ihr werdet ſehen, daß er ſich ſchon beſſern wird!“
„Jawohl beſſert ſich der Hallunke, das ſehen wir ja: kaum iſt er auf freiem Fuße, ſo prügelt er ſich mit den Chevauxlegers herum; und ich bin gewiß, daß er bei ſeinem jetzigen Vagabondiren auch nicht zu Fuße geht; von mir aber hat er kein Pferd be⸗ kommen!“
„Na, daß er halt nicht gern zu Fuße geht, das lob' ich an ihm; denn für einen ſlowakiſchen Raſtelbinder gehört ſich's, zu Fuße zu traben,, nicht für einen Magyaren aus dem Lande der Theiß. Und ſeht Ihr, Gevatter, Ihr ſeid eigentlich ſelber Schuld, daß Euer Sohn Pferde ſtiehlt— warum gebt ihr ihm keins!“
„Er hat ja von Euch, Gevatter, ein ſchönes junges Pferd zum Geſchenk bekommen, damit hätt' er ſich doch zufrieden geben können!“.
„Nun ja, aber das hat er verkauft.“
„J du meine Güte, er wollte doch halt auch einmal ſehen, wie es iſt, wenn man Geld im Seckel klingen laſſen kann, und daß er für das junge Thier ein ſchönes Stück Geld bekommen hat, kann ich Euch gewiß ſagen, denn es war ein prächtig Stück Vieh;
hab' ich's doch ſelbſt aus dem Geſtüt des Grafen Batony drüben
über der Donau geſt..—
Hier verſchluckte Gevatter Jänos plöͤtzlich das letzte Wort; unſere Leſer jedoch dürften nun den Schlüſſel zu dem Räthſel ge⸗ funden haben, warum Gevatter Jänos den in ſeine eigenen Fuß⸗ tapfen tretenden Taufpathen ſo kräftig in Schutz nahm.
„Ich könnte dem Jungen am Ende noch verzeihen,“ begann der trauriggeſtimmte Vater,„wenn ich nur erfahren ſollte, wo und ob er in ſeinem Leben ſchon was Gutes gethan!“—
„Ei freilich, Gevatter, er hat ſich ſchon in genug Hinſichten
ut aufgeführt.“
3 en ich wenigſtens habe noch niemals ihm etwas nach⸗ rühmen gehört; wenn mein Herr Gevatter etwas von ihm weiß, ſo nennt mir nur einmal ein einziges Beiſpiel!’“ d ſchi
„O genug, genug, Gevatter,“ fiel Jänos ein und ſihien ſo viel ſagen zu können, daß er gar nicht wußte, womni Iueſ anzufangen. Er ſammelte alſo ſeine Gedanken, um dieſen ſte laß gehörig zu benutzen und nun ſein Taufpathchen ſo recht ge⸗ hörig heraus zu ſtreichen. Je länger er aber nachſann, um mehr fand er, wie ſchwer es war, von ſeinem Jäneſi etwas Gutes zu ſagen und nicht zu lügen— es war wirklich ſchwerer, als 4 geglaubt hatte.— Nun gehörte aber Gevatter Jaͤnos keineswegs
„Warum aber hat es der Hallunke verkauft?“ fragte der zu jener Claſſe von Leuten, die ſich ſo gar leicht von herhchen Vater und ſchien jetzt nur noch mehr in ärgerliche Hitze zu ge⸗ gefaßten Meinung abbringen laſſen, und da er nun ſein Pa
rathen.
väterlich liebte, ſo ſtrengte er wider alle Gewohnheit ſein Ge⸗
[III. Jahrg.
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